Gleichberechtigung

Wer wäscht seine Socken oder Die Gleichheit herbeireden

Mann und Frau beteiligen sich gleichermassen am Haushalt, an der Kindererziehung und der Erwerbstätigkeit. Zumindest betonen sie das im Gespräch. Um Streit zu vermeiden. Und bestätigen damit die traditionellen ungleichen Rollen, von denen sie sich ideell längst verabschiedet haben. Die Gender-Expertin Angelika Wetterer, Soziologin und Privatdozentin an der Universität Kassel, hat gestern Abend über neue Erkenntnisse der Geschlechterforschung referiert.

Brigitte Blöchlinger

Die eingeladene Gastreferentin Dr. Angelika Wetterer (links) und die Kopräsidentin des Kompetenzzentrums Gender Studies der Universität Zürich, Prof. Sibylle Hardmeier. (Bild: Brigitte Bl???chlinger)

Wie geht moderne Gleichberechtigung? Beide arbeiten, sie Teilzeit, er voll, er saugt Staub, sie macht die Wäsche, bügelt, nimmt den Boden auf, kauft ein, kocht. Er geht am Samstag morgen mit den Kleinen auf den Spielplatz (damit sie inRuhe einkaufen kann), am Sonntag macht er Frühstück. Fragt man sie, wie sie sich ihr Leben organisiert haben, betonen sie beide, sie würden sich die anfallenden Arbeiten teilen. Schön gerecht. Dass ihre eigene Einschätzung einer objektiven Überprüfung nicht stand hält, wollen sie nicht gelten lassen. Sie sind überzeugt, dass sie gleichgestellt sind. Weil sie das wollen, und weil heute keine aufgeklärte Person mehr Ungleichheit als Lebensmaxime proklamiert. So sprechen vor allem Frauen in einer Weise, als sei die Gleichstellung Realität. Insbesondere junge Frauen weisen Ungleichheit weit von sich. Sie nennen Beispiele aus ihrem Bekanntenkreis, die «beweisen», dass die heutigen Männer ihren Anteil am Haushalt und an der Kindererziehung leisten. Heinz zum Beispiel ist ganz Hausmann, seine Frau Lotte geht arbeiten. Ihr Morgen sieht dann so aus, dass Lotte aufsteht, die Kinder anzieht, Frühstück macht, die Kinder in die Krippe begleitet, arbeiten geht und Heinz dann die Wohnung in Schwung bringt.

Heutige Paare wären gerne gleichberechtigt, der Alltag sieht anders aus: Dr. Angelika Wetterer während ihres Vortrags an der Universität Zürich (Bild: bri.)

Rhetorische Modernisierung

«Rhetorische Modernisierung» nennt das die Privatdozentin Angelika Wetterer, die gestern Abend an der Universität Zürich auf Einladung der Kopräsidentin des Kompetenzzentrums Gender Studies, Prof. Sibylle Hardmeier, einen Vortrag gehalten hat. Die Soziologin Wetterer stützte sich dabei auf verschiedene internationale Studien, die zeigen, dass berufstätige Frauen die fortdauernden Ungleichheiten der Arbeitsteilung im Haushalt als Gleichheit uminterpretieren und so an der Konstruktion der ungleichen Situation aktiv mitarbeiten. «Die Mitarbeit des Ehemanns im Haushalt wird in den Erzählungen der Frauen systematisch überschätzt. JedesZugeständnis von seiner Seite gilt als Ausweis eines partnerschaftlichen Arrangements (…) und dient als Beleg dafür, wie gleichbereichtigt die Beziehung doch eigentlich ist», sagte Wetterer.

Ein bisschen aufteilen

Die Rhetorik der Gleichheit, hinter der der Alltag verschwindet, der weiterhin durch Ungleichheiten geprägt ist, sei ein relativ neues Phänomen in der Geschichte der Paarbeziehung und findet sich vor allem in einem individualisierten, gebildeten, urban geprägten sozialen Milieu (zu dem Akademiker/innen zählen). In diesen Kreisen dominiert ein neues Leitbild der Paarbeziehung, das geprägt ist vom Gleichheitsdiskurs, Selbstverwirklichungsanspruch und dem Modell der Autonomie zweier Subjekte, die sich in einer egalitären Partnerschaft zusammentun und sich an ihren individuellen Interessen und Bedürfnissen orientieren, während tradierte Geschlechternormen jede Legitimität verloren haben. «Was sie hingegen nicht verloren haben, ist ihre praktische Wirksamkeit», betonte Angelika Wetterer. «Eines der verblüffendsten Ergebnisse der neueren Forschung ist nämlich, dass die Frauen in allen untersuchten Milieus auch heute noch den weit überwiegenden Teil der Hausarbeit übernehmen, und dass sich über die Milieugrenzen hinweg eine neue Geschlechterordnung des Haushaltens etabliert hat, die Frauenarbeit und Männerarbeit säuberlich entlang bestimmter symbolischer Markierungen trennt.» Die wichtigsten fünf sind: aussen/innen, schwer/leicht, grob/fein, trocken/nass (mit Ausnahme der Autowäsche), ausseralltäglich/alltäglich. «Ich brauche Ihnen nicht zu erläutern, welche Seite jeweils den Frauen und den Männern zufällt», sagte Wetterer und das zahlreich erschienene (frauenlastige) Publikum lachte wissend.

Das zahlreich erschienene Publikum konnte sich angesprochen fühlen, es entsprach zum grössten Teil jener sozialen Gruppe, von deren DilemmaGastreferentin Angelika Wetterer sprach. (Bild: bri.)

Putzen oder streiten?

Während in traditionellen Paarbeziehungen ungleiche Lastenverteilung den Leitvorstellungen des Paares entsprechen, sehen sich die Paare des individualisierten Milieus mit einer Diskrepanz zwischen Diskurs und Praxis konfrontiert, die kaum aufzulösen ist, weil beide – Diskurs und Praxis – einer je eigenen Logik gehorchen. Jede und jeder fühlt sich selbst dafür verantwortlich, was sie oder er tut. Das heisst konkret im Alltag: Man räumt dann auf, wenn einen die Unordnung stört. Dass es die Frau zuerst stört, ist aus dieser Sicht dann ihr eigenes Problem. Die alten Rollen werden in der Praxis beibehalten, aber im Sprechen darüber werden sie verdeckt und verschwiegen. Aus den expliziten sind latente Geschlechternormen geworden, die ihre Wirksamkeit auch und gerade daraus beziehen, dass die Problematisierung schwierig und riskant ist. «Eine ziemlich paradoxe Situation», schlussfolgerte Wetterer. Schwierig und riskant ist die Thematisierung der Geschlechterrollen vor allem deshalb, weil die Verteilung der Hausarbeit so eng mit der Beziehungsökonomie verknüpft ist. Sie wird nur um den Preis langwieriger Konflikte zur Sprache gebracht. Wer die Ungleichheit beanstandet, riskiert die Beziehung, so könnte das Dilemma auf den Punkt gebracht werden. Den meisten Frauen ist die Beziehung wichtiger als die praktische Gleichheit. Zumindest ein paar Jahre lang.

Brigitte Blöchlinger ist unipublic-Redaktorin und Journalistin BR.