Emilie Kempin-Spyri

Postume Ehrung von Emilie Kempin-Spyri

Emilie Kempin-Spyri war die erste Dozentin an der Universität Zürich und die erste habilitierte Juristin der Schweiz. Trotzdem dauerte es lange, bis ihr öffentliche Anerkennung zuteil wurde. Am 19. April ist es so weit: Emilie Kempin-Spyri wird 150 Jahre, nachdem sie auf die Welt gekommen ist, geehrt – sinnigerweise am männerdominierten Sechseläuten-Montag. Der Festakt an der Universität Zürich mit anschliessendem Apéro ist öffentlich.

Brigitte Blöchlinger

Emilie Kempin-Spyri (Bild: zVg)

Die Universität Zürich liess als erste Universität im deutschsprachigen Raum Frauen zum Studium zu. So wurde dieLimmatstadt im 19. Jahrhundert zu einem Treffpunkt intellektueller Frauen aus Europa, Russland und den USA: Ricarda Huch, Rosa Luxemburg und eben Emilie Kempin-Spyri studierten unter anderem hier.

Der Mut, den es damals für ein Studium brauchte, half Emilie Kempin-Spyri nur bedingt weiter. Zwar promovierte sie magna cum laudeund habilitierte sich, doch das Anwaltspatent wurde ihr verweigert, weil sie eine Frau war. Ihre Forderung nach Gleichberechtigung kommentierte das Bundesgericht mit der Bemerkung, diese seien «ebenso neu als kühn» (siehe gleichnamiges Buch). Frauen besassen eben das für die Anwaltstätigkeit erforderliche Stimm- und Wahlrecht nicht. Kempin-Spyri wanderte daraufhin 1888 mit ihrer Familie nach New York aus, wo sie als Rechtsanwältin praktizierte und Erfahrungen als Dozentin sammelte.

Scheitern an der gesellschaftlichen Ablehnung

Drei Jahre später kehrte sie nach Zürich zurück und stellte ihr Habilitationsgesuch, das heftige Grundsatzdiskussionen über die generelle Lehrbefähigung der Frauen auslöste. «Ausnahmsweise» erhielt sie die Venia legendiund wurde damit zur ersten Privatdozentin an der Universität Zürich und zur ersten habilitierten Juristin der Schweiz. Doch nach diesem Erfolg fingen die Schwierigkeiten mit der gesellschaftlichen Akzeptanz erst an. Da ihre Vorlesungen schlecht besucht waren, gab sie die Dozentur auf und übersiedelte 1895 ohne Familie nach Berlin. Vier Jahre später erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, von dem sie sich nicht mehr erholte. «Ich bin vollkommen mittellos und alleinstehend (…),meine Beziehungen zu den Freunden und Verwandten (sind) abgebrochen», schrieb sie aus der Irrenanstalt Friedmatt bei Basel in einer Bewerbung als Haushälterin bei einem Pfarrer. 1901 starb sie in der Friedmatt.

Öffentlicher Festakt

Wie viele andere historische Frauenfiguren konnte auch Emilie Kempin-Spyri zu Lebzeiten nicht von ihrer Pionierhaftigkeit profitieren. Sie kämpfte gegen gesellschaftliche Beschränkungen, die stärker waren als ihre individuelle Durchsetzungskraft. Die habilitierte Juristin bereitete damit nachfolgenden Generationen den Weg, zahlte dafür jedoch einen hohen persönlichen Preis.

Die Gesellschaft zu Fraumünster, die 1988 anlässlich des traditionellen Sechseläutens gegründet worden ist, unterstützt unter anderem Aktivitäten, die «das Andenken an historische Frauenpersönlichkeiten von Zürich (...) pflegen». So hat sie auch die postume Ehrung von Emilie Kempin-Spyri initiiert. Die Universitätsleitung hat das Patronat des Anlasses übernommen.

Das Musikkorps der Gesellschaft zu Fraumünster wird den Festakt musikalisch umrahmen, der am Sechseläuten-Montag (19. April 2004) um 9.45 Uhr im neuen Hörsaal West KOH 10B im Hauptgebäude (Eingang Künstlergasse) der Universität Zürich stattfindet. Nach einer Begrüssung durch Professor Klöti, Prorektor Lehre der Universität Zürich, hält die Schriftstellerin Eveline Hasler («Die Wachsflügelfrau») ein Referat. Es folgen Grussworte der Präsidentin der Gleichstellungskommission der Universität Zürich, Professorin Brigitte Woggon, und des Dekans der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Professor Andreas Donatsch, bevor dann die Vorsteherin der Gesellschaft zu Fraumünster, Susann L. Pflüger, die Ehrentafel enthüllt. Anschliessend an die Ehrung wird ein Apéro im Lichthof der Universität Zürich offeriert.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin unipublic und Journalistin BR.

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