Potamkin-Preis

Roger Nitsch erhält den Potamkin-Preis 2004

Die Alzheimersche Krankheit ist eine der häufigsten Erkrankungen des Gehirns – mit oft katastrophalen Folgen für die Betroffenen und Angehörigen. Die Universität Zürich sucht mit grossem Einsatz nach neuen Therapieansätzen für die Bekämpfung des heimtückischen Leidens. Für seine Erfolge wird Professor Roger M. Nitsch, Direktor der Abteilung für Psychiatrische Forschung an der Universität Zürich, nun mit dem renommierten Potamkin-Preis geehrt.

Von Carole Enz

Professor Roger M. Nitsch, Direktor der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich. (Bild: Frank Bruederli)

Rund fünf Prozent der über 65-Jährigen leidet an Alzheimer. Wegen zunehmender Überalterung der Gesellschaft in westlichen Ländern droht diese Form der Demenz als die Krankheit des 21. Jahrhunderts in die Geschichte einzugehen. Doch Alter ist nicht die Ursache für Alzheimer. Professor Roger M. Nitsch und sein Team an der Universität Zürich erforschen die Entstehungvon Alzheimer und suchen nach neuen Therapieansätzen. Für seine bahnbrechenden Forschungsresultate erhält er nun den Potamkin-Preis, der als Nobel-Preis der Demenz-Forschung gilt und jährlich von der American Academy of Neurology verliehen wird. Dotiert ist er mit 100 000 US-Dollar, die sich Roger Nitsch und der Amerikaner Leon Thal teilen.

Gegründet wurde diese wichtige wissenschaftliche Auszeichnung 1978 von der Unternehmerfamilie Potamkin aus New York. Die Frau des Unternehmers litt an der Pickschen Krankheit, einer mit Alzheimer verwandten Form der Demenz. «Seither sind enorme Fortschritte gemacht worden. Heute wissen wir, wie Alzheimer zustande kommt, und wir verfügen bereits über erste Resultate klinischer Studien an Patienten. In zehn oder fünfzehn Jahren werden wir einige neue Therapien für Alzheimer erleben», meint Roger Nitsch zuversichtlich.

Bahnbrechende Therapieansätze

Nitsch hat in Heidelberg Medizin studiert. Nach langjähriger Forschungstätigkeit in Heidelberg, Boston und Hamburg kam er 1999 nach Zürich. Sein Interesse gilt zwei komplett neuen Wegen zur Alzheimer-Therapie, die er in diversen Papers in renommierten Journals wie Science und Nature dargelegt hat. Der eine Weg greift dort ein, wo sich die Krankheit im Gehirn bildet: Zwei Enzyme spalten Amyloid-Vorläuferproteine (APP) in Bestandteile, die sich als Amyloid-Plaques ablagern und die betroffenen Nervenzellen absterben lassen. Nitsch kann die Entstehung der Plaques dadurch unterbinden, indem er via Botenstoffe, so genannte Neurotransmitter, ein drittes Enzym im Gehirn aktiviert, das APP in harmlose Bestandteile zertrennt. Diese Methode ist deshalb bahnbrechend, weil der heute übliche Therapie-Ansatz darauf basiert, jegliche Spaltung zu verhindern, was auch zur Blockierung unbedenklicher Stoffwechselvorgänge führt. Nitschs Methode verhindert nichts, sondern schaltet lediglich einen zusätzlichen APP-Trennvorgang ein.

Der zweite Weg bildet eine Immun-Therapie: Spezifische Antikörper sollen sich an die Amyloid-Plaques binden. Dabei haben Nitsch und sein Kollege Christoph Hock die Fachwelt verblüfft: Die Blut-Hirn-Schranke galt bisher als undurchdringlich für Antikörper. Nitsch hat das Gegenteil bewiesen: ein kleiner Prozentsatz kommt durch. Darüber hinaus wurde in der Fachwelt die Immunisierung gegen Amyloid-Plaques für unmöglich gehalten, da letztere ähnlich strukturiert sind wie gesunde Zelloberflächenproteine. Befürchtet hat man daher Angriffe des Immunsystems auf gesunde Bereiche im Hirn. Nitsch und sein Team konnten beweisen, dass die neu gebildeten Antikörper mit mikroskopischer Genauigkeit das gewünschte Ziel finden. Das körpereigene Immunsystem zerstört dann die Plaques. «Dies eröffnet neue Therapiemöglichkeiten für eine Vielzahl anderer degenerativer Gehirnerkrankungen wie etwa für Parkinson und Prionenerkrankungen», erläutert Nitsch, der aber auch auf eine Nebenwirkung seiner Therapie hinweist: «Bei sechs Prozent der Studienpatienten stellte sich eine Hirnhautentzündung ein, die nicht durch die Einwirkung der Antikörper zustande kam, sondern durch die T-Zell-vermittelte Immunantwort . Nun sind wir daran, die Nebenwirkungen von der positiven Wirkung der Antikörper-Therapie zu trennen.»

Verlangsamter Krankheitsverlauf

Insgesamt konnte Nitsch mit der Immunisierungs-Methode die Alzheimer-Erkrankung der Testpersonen deutlich verlangsamen. Sein grösster Dank gilt Christoph Hock, mit dem er gemeinsam die klinischen Tests betreut, und seinem gesamten Wissenschaftler-Team, das Ärzte, Molekular- und Zellbiologen und Neuropsychologen vereint. «Unser Ziel ist es, Alzheimer im Anfangsstadium nicht nur zu stoppen, sondern sogar rückgängig zu machen. Darüber hinaus streben wir die Prävention an – ähnlich wie heute etwa mittels Blutdrucksenkung eine mögliche Herz-Kreislauferkrankung verhindert wird.» Für den unermüdlichen Nitsch ist der Potamkin-Preis eine grossartige internationale Auszeichnung, die ihm bestätigt, dass er und sein Team auf dem richtigen Weg sind.

Dr. Carole Enz ist Journalistin BR.