Die Natur des menschlichen Altruismus

Die Kooperationsfähigkeit unterscheidet Menschen von anderen Tierarten. Die Basis dafür ist ein langfristiger und aufgeklärter Eigennutz. Welche Vorteile Kooperation in einem Gruppenwettbwerb bringt und was für eine Rolle der altruistischen Bestrafung zukommt, zeigen Ernst Fehr und Urs Fischbacher vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich in einem Artikel, der heute im Wissenschaftsmagazin Nature publiziert wurde.

Ernst Fehr und Urs Fischbacher

Kooperativität unterscheidet Menschen von Tieren. (Bild: Christoph Schumacher)

Menschliche Gesellschaften sind eine riesige Ausnahme im Vergleich zu allen anderen Spezies. Keine Tierart ist so kooperativ wie der Mensch. Während der Mensch imstande ist, Kooperation in grossen Gruppen zu organisieren, findet man Kooperation zwischen nicht verwandten Individuen im Tierreich kaum. Was sind die Ursachen dieser aussergewöhnlichen Kooperationsfähigkeit des Menschen? Was motiviert die Menschen, mit nicht verwandten Individuen zu kooperieren und wie hat sich diese Kooperationsfähigkeit im Laufe der Evolution entwickelt? Mit der Hilfe von Laborexperimenten sind in den letzen Jahren grosse Fortschritte bei der Beantwortung dieser Fragen erzielt worden. Wegweisende Experimente wurden auch am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich durchgeführt. Die Resultate dieser Experimente stützen die Behauptung, dass einzigartige Muster des menschlichen Altruismus, und spezifische Ausprägungen des menschlichen Eigennutzstrebens, die Hauptquelle menschlicher Kooperation sind.

Im Unterschied zu Tieren ist Kooperation auf der Basis eines langfristigen und aufgeklärten Eigennutzes bei Menschen weit verbreitet. Viele Menschen sind bereit, anderen unter Aufwendung eigener Kosten zu helfen, weil sie sich davon in der Zukunft Vorteile versprechen - Vorteile in Form eines guten Rufes oder in Form von profitablen Tauschgeschäften. Viele Mensche sind allerdings auch bereit, andere Individuen altruistisch zu belohnen oder zu bestrafen, und zwar selbst dann, wenn dies für sie Kosten verursacht. Diese Menschen haben eine Neigung, andere für kooperatives, normengeleitetes, Verhalten zu belohnen während sie Normenverletzungen bestrafen. Altruistisches Belohnen und Bestrafen erzeugt machtvolle Anreize zur Kooperation auch für jene Egoisten, die nur deshalb kooperieren, weil sie eine Belohnung erwarten oder eine Bestrafung befürchten. Doch warum gibt es überhaupt altruistische Belohner und Bestrafer?

Die neuere Evolutionsforschung zeigt, dass sich Kooperation in grossen Gruppen durchsetzen kann, wenn es Gruppenwettbewerb gibt. Kooperative Gruppen haben im Wettbewerb mit nicht-kooperativen Gruppen Vorteile. Allerdings ist die Existenz altruistischer Bestrafung dafür ganz entscheidend. Während sich ohne altruistisches Bestrafen Kooperation nur in kleinen Gruppen durchsetzen kann, erzeugt altruistische Bestrafung Kooperation auch in grossen Gruppen. Altruistisches Bestrafen und die einzigartige Kooperationsfähigkeit des Menschen gehen also Hand in Hand.

Professor Dr. Ernst Fehr ist Leiter, Dr. Urs Fischbacher ist Mitarbeiter des Lehrstuhls für Mikroökonomik und Experimentelle Wirtschaftsforschung am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung.