Raimund Dutzler, Assistenzprofessor für Biochemie

Vom Labor des Nobelpreisträgers direkt nach Zürich

Die Universität Zürich zieht Forscher aus den besten Labors der Welt an. Zum Beispiel Raimund Dutzler. Der ehemalige Mitarbeiter des diesjährigen Chemie-Nobelpreisträgers Roderick MacKinnon ist seit August Assistenzprofessor am Biochemischen Institut der Universität Zürich.

David Werner

Erfolgreiches Team: Nobelpreisträger Roderick MacKinnon, Raimund Dutzler und sein ehemaliger Teamkollege Ernest Campbell in New York. (Bild: NCCR Structural Biology)

Raimund Dutzler stammt aus Oberösterreich, studierte Biochemie in Wien und doktorierte am Biozentrum Basel. Als Postdoc forschte er viereinhalb Jahre an Roderick MacKinnons «Laboratory of Molecular Neurobiology and Biophysics» an der Rockefeller University in New York.

Unicom: Herr Dutzler, inwiefern waren Sie an den Forschungen beteiligt, die Roderick McKinnon den Nobelpreis für Chemie eingetragen haben?

Raimund Dutzler: Ich habe mit Roderick MacKinnon sehr eng und intensiv in dessen Labor in New York zusammengearbeitet. Ich war und bin auf dem Gebiet der Chlorid-Kanäle tätig, das ist ein Spezialgebiet jener Ionenkanal-Forschung, die MacKinnon den Nobelpreis eingetragen hat. Als ich 1999 zu MacKinnon gestossen bin, war über die Struktur von Chlorid-Kanälen praktisch nichts bekannt - und das ist es, was ich an diesem Forschungsgebiet so aufregend finde: Man ist gewissermassen Pionier. MacKinnon hat meine Arbeit sehr intensiv betreut, sein eigener Fokus liegt allerdings eher bei den Kaliumkanälen.

Was hat man sich unter Ionenkanälen vorzustellen?

Ionenkanäle sind Proteine in Zellmembranen, welche selektiv und kontrolliert Kalium, Chlorid oder andere Ionen in eine Zelle hinein- und hinauslassen. Durch das Öffnen und Schliessen von Ionenkanälen entstehen in bestimmten Zellen elektrische Signale. Das ist die Grundlage für das Funktionieren von Nervenreizleitungen. Ionenhausalte in Zellen spielen in zahlreichen physiologischen Bereichen eine Rolle. Alle Muskelabläufe, alle Denk- und Wahrnehmungsprozesse hängen damit zusammen. Auch Stofftransporte in Organen werden über Ionenkanäle bewerkstelligt.

Was schätzten Sie an der Rockefeller University?

Die reichen Forschungsmittel, die uns zur Verfügung standen, vor allem aber unser Forschungsteam selbst. Es war realtiv klein, dafür aber sehr motiviert und qualifiziert. MacKinnons Gruppe bestand nur aus etwa sieben bis neun Postdocs, ein bis zwei Studenten und drei Technikern. Es gab kaum Hierarchien, ich konnte sehr eigenständig arbeiten.

Werden Sie in Zürich die Forschungen, die sie in New York bei Roderick McKinnon betrieben haben, fortsetzen?

Ja. MacKinnon hat mir grosszügigerweise angeboten, das Forschungsprojekt über die Chloridkanäle, mit dem ich regelrecht verwachsen bin, von der Rockefeller University nach Zürich mitzunehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich arbeite jetzt unmittelbar an der Stelle weiter, wo ich in New York aufgehört habe.

Sind schon therapeutische Ansätze in Sicht, die zur Entwicklung neuer Medikamente führen können?

Wir betreiben in erster Linie Grundlagenforschung. Man kann jedoch davon ausgehen, dass unsere Forschungen in verschiedensten Bereichen der Medizin sehr viel auslösen werden. Da die Ionenkanäle an fundamentalen physiologischen Prozessen beteiligt sind, gibt es zahlreiche Krankheiten, die mit Fehlfunktionen von Ionenkanälen zu tun haben.

Wie haben sie den Nobelpreisträger McKinnon als Mensch erlebt?

Ich hatte eine grossartige, intensive, wissenschaftlich und intellektuell ausserordentlich stimulierende Zeit mit ihm. McKinnon legt sehr viel Wert auf persönlichen Umgang. Er ist überaus diszipliniert und hartnäckig, zugleich aber hat er auch den Mut, immer wieder Neues auszuprobieren. Er war ursprünglich ein angesehener Elektrophysiologe, hat aber dann erkannt, dass er mit dieser Methode allein in der Ionenkanal-Forschung nicht weiterkommt. Er hat dann auf die Strukturbiologie umgesattelt, was für seine akademische Laufbahn zunächst ein Risiko darstellte, das sich nun vollumfänglich ausgezahlt hat.

Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass McKinnon den Nobelpreis erhält?

Es hat mich natürlich ausserordentlich gefreut. Angesichts der grossen Bedeutung von MacKinnons Forschungsergebnissen bin ich aber nicht wirklich überrascht. Das Problem, das er zu lösen versuchte, besteht schon lange. Seit Jahrzehnten wartete man auf eine Methode, die es erlaubt, einen Einblick in die Molekularstruktur von Ionenkanälen zu erhalten. MacKinnons Erkenntnisse sind ein echter Meilenstein in der Forschungsgeschichte.

Was hat Sie dazu bewogen, von New York an die Universität Zürich zu kommen?

Nach viereinhalb Jahren als Postdoc bei MacKinnon habe ich mich nach einer Assisstenzprofessur umgesehen. Für Zürich habe ich mich entschieden, weil ich hier alle Mittel zur Verfügung habe, die ich für meine Forschung brauche. In diesem Punkt wollte ich keinerlei Kompromisse eingehen. Zürich bietet mir qualitativ ein vergleichbares Umfeld wie eine sehr gute amerikanische Universität. Ich glaube, die Universität Zürich kann stolz sein auf die Rahmenbedingungen, die sie im äusserst kostenintensiven Bereich der Biochemie bietet.

Wie schätzen sie die Forschungsgemeinschaft am Biochemischen Institut der Universität Zürich ein?

Ich finde das Klima am Institut ausgezeichnet. Man merkt, dass die Strukturbiologie in Zürich einen sehr hohen Stellenwert geniesst und dass ihr viel Interesse entgegengebracht wird. Die Tatsache, dass unser Institut an einem NCCR (National Centre of Competence in Research) beteiligt ist, ermöglicht eine unabhängige Arbeit auf höchstem Niveau. Wenn wir uns weiterhin anstrengen, wird die Biochemie in Zürich auch in Zukunft international an der Spitze mithalten können.

David Werner ist Mitarbeiter von unipublic und unijournal