Dem Bambus-Künstler über die Schulter schauen

Das Bambusjahr am Völkerkundemuseum der Universität Zürich eilt von Höhepunkt zu Höhepunkt. Im Rahmen der Ausstellung «Aufrecht, biegsam, leer – Bambus im alten Japan» errichtete der japanische Architekt und Künstler Akio Hizume im Juli einen seiner legendären Star Cages, letzte Woche eröffnete eine Ausstellung mit japanischer Kalligrafie, und nun sind abermals zwei aussergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten aus Japan zu Gast. Sie lassen die Besucher an der Entstehung ihrer Werke unmittelbar teilhaben.

Sascha Renner

Der Bambuskünstler Takeo Tanabe in seinem Atelier im Völkerkundemuseum. Besonders beliebt bei den Kleinen: der Bau eines Bambushelikopters (Bild: Sascha Renner)

Mit nackten Füssen und kreuzweise untergeschlagenen Beinen, den Körper leicht vornübergeneigt, sitzt Takeo Tanabe auf der geflochtenen Bambusmatte, um ihn herum eine Auslage verschiedener Messer, eine Laubsäge, eine Zange, ein Metermass und überall verstreut Bambusstäbe und -streifen in unterschiedlicher Dicke und Länge. Der dreissigjährige Künstler hat seine improvisierte Werkstatt vor wenigen Tagen im Ausstellungsraum des Völkerkundemuseums der Universität Zürich im zweiten Stock bezogen. Dort demonstriert er den Besuchern der Bambusausstellung, die mit historischen Stücken aus der Sammlung Spörry über das Handwerk im alten Japan informiert, wie auch heute noch Körbe, Vasen, Schalen und Schatullen aus Bambus in feinster Qualität entstehen.

Tanabe kennt keine Müdigkeit. Während den Öffnungszeiten des Museums – von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr – verkreuzt er konzentriert einen Streifen nach dem andern zu kunstvollen Flechtarbeiten. «Eigentlich wie Ferien», witzelt der jugendliche Japaner, «denn zu Hause in der Werkstatt meines Vaters beginne ich um 8 Uhr morgens und arbeite bis um 21 Uhr».

Lebenslanges Lernen führt zur Meisterschaft

Die Hände des Künstlers bewegen sich flink und präzise. Sie spalten das Bambusrohr mit einem kurzen Schlag auf den Messerrücken in zwei Teile, vierteln es und zerlegen es in immer feinere Streifen. «Nicht ungefährlich», kommentiert Tanabe und deutet auf die Narbe, die seinen ganzen linken Daumen durchzieht. «Das passierte im Alter von drei Jahren, als ich meine Ausbildung begann.» Einige Jahre brauche es schon, bis das knifflige Schneiden des Halms in feine Streifen zur Routine werde. Etliche weitere Lehrjahre nehme dann das Studium der traditionellen und teilweise als Familiengeheimnis gehüteten Flechttechniken in Anspruch. Im alten Japan war es deshalb üblich, dass ein junger Bambusflechter auf unbestimmte Zeit bei einem Meister lernte und diente, ehe seine Begabung, sein Fleiss und seine Virtuosität es ihm irgendwann erlaubten, auf eigenen Beinen zu stehen.

Moderne japanische Bambuskunst begeistert Sammler und Museen. Im Bild «Connection II» (2001) von Takeo Tanabe. (Bild: zVg)

Tanabe seinerseits hat die Flechtkunst von seinem Vater erlernt und arbeitet hart daran, in seiner Nachfolge eines Tages den Künstlernamen und Ehrentitel «Chikuunsai» weiterzuführen. Bereits sein Grossvater und sein Urgrossvater brachten es zu hohem Ansehen und werden heute als Meister ihrer Zunft verehrt. Dass Tanabes Werke zum Teil markant von den Flechtarbeiten seiner Vorfahren im klassischen Stil abweichen, hat einen doppelten Grund. Im Gegensatz zu früheren Generationen erlernte er nicht nur das traditionelle Handwerk, er liess sich auch zum Bildhauer an der Kunstakademie in Tokio ausbilden. Die dort gesammelten Erfahrungen im Umgang mit verschiedenartigen Materialien und westlichen Ausdrucksformen, vor allem aber die Forderung nach individueller Artikulation, finden in der Suche nach dem eigenen künstlerischen Stil ihren Niederschlag. Kommt hinzu, dass Flechtarbeiten, die jeden Gebrauchswert von sich weisen, seit den neunziger Jahren auf ein stetig wachsendes Interesse bei Sammlern und Museen in den USA stossen.

Neue Impulse und Absatzmärkte

Tanabes Kreationen spiegeln das unterschiedliche Profil seiner Käuferschaft wider. Für den japanischen Markt stellt er Flechtarbeiten im feinen klassischen Stil her, Schalen und Blumenkörbe, die im Rahmen der Teezeremonie und der Kunst des Blumensteckens (Ikebana) Verwendung finden. Westliche Sammler hingegen bevorzugen Arbeiten, die ein modernes Formenvokabular sprechen und sich dadurch zweifelsfrei als «Kunst» deklarieren. Die Erfolge im Ausland geben den Flechtern neue Impulse und Absatzmöglichkeiten und tragen nicht unerheblich zur Rettung eines Gewerbes bei, das seit dem Anbruch des Plastikzeitalters in arge wirtschaftliche Nöte geraten ist.

Massarbeit: Ueno Masao im Garten des Völkerkundemuseums (Bild: Sascha Renner)

Mit raumgreifenden, oft auf die vorgefundene Situation bezogenen Arbeiten hat sich hingegen Ueno Masao einen Namen gemacht. Der japanische Installationskünstler hüllt auch schon mal den 8 mal 13 Meter grossen Portikus der Manchester Art Gallery in ein Netz aus Bambusstäben – als Protestakt gegen die Künstlichkeit der modernen Grossstadtwelt in ihrer glatten Perfektion. «Die abweisende, eiskalte Architektur aus Stahl, Glas und Beton langweilt mich», erklärt der gelernte Architekt. Lieber erforscht er die Reize natürlicher Materialien. «In den achtziger Jahren bereiste ich verschiedene Länder Asiens. Im Süden Chinas, auf der Malaiischen Halbinsel, in Indonesien und auf den Philippinen war das Bambushandwerk damals noch sehr lebendig. Der Umgang dieser Menschen mit dem Material unterschied sich grundlegend vom Materialverständnis moderner Industriegesellschaften. Als Künstler hat mich ihr Verhältnis zur Natur nachhaltig geprägt.» Seither lebt Masao als künstlerischer Selbstversorger:«Um mein Haus herum habe ich vier Bambushaine. Jeder Hain hat ungefähr hundert Halme, die durch ein einziges Rhizom verbunden sind. Diese vier Haine decken meinen Jahresbedarf an Bambus.»

Monumental und dabei äusserst fragil: Das Schiff der Bambusprinzessin Kaguyahime (Bild: Sascha Renner)

Das beliebte japanische Volksmärchen der Bambusprinzessin Kaguyahime bildet den Ausgangspunkt für die lichte Struktur, die Masao für das Völkerkundemuseum errichtet. Die herzbewegende Geschichte endet damit, dass die Prinzessin ihre geliebten irdischen Zieheltern verlassen muss. Auf einem Schiff kehrt sie an den Ort zurück, von dem sie einst gekommen war: zum Mond. Ihr himmlisches Gefährt aber kommt für einige Wochen auf die Erde zurück. Masao baut es zurzeit in einer Länge von 17 Metern im Garten des Museums nach. Ganz aus Bambus selbstverständlich, wie es sich für das Fahrzeug einer Bambusprinzessin gehört.

Sascha Renner ist Ethnologe und freier Mitarbeiter von unipublic.

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