Enzyklopädien und die Idee von Allgemeinwissen.

Labyrinthe des Wissens

Wurde das Allgemeinwissen erst mit der Encyclopédie von Diderot und D'Alembert erfunden? Wie wurde Wissen vorher, in anderen Kulturen und in gesellschaftlichen Situationen geordnet? Werden Enzyklopädien so gelesen, wie sie es selbst in ihren Vorworten vorschlagen? Diese Fragen diskutierten am letzten Wochenende Forschende aus sechs verschiedenen Ländern im Château de Prangins bei Nyon. Eingeladen hatte das interdisziplinäre Forschungsprojekt «Allgemeinwissen und Gesellschaft» von Paul Michel (Germanistik), Madeleine Herren (Geschichte) und François de Capitani (Museologie) von der Universität Zürich und dem Schweizerischen Landesmuseum.

Ines Prodöhl

Die TeilnehmerInnen des Kongresses «All you need to know», 18.-20.9.2003 in Prangins. (Bild: zVg.)

Was würden Sie tun, wenn Sie wissen wollen, was ein Virus ist, wie viele Einwohner Genf hat oder wann Goethe geboren wurde? Was würden Sie tun, wenn Sie Ihr Allgemeinwissen gerade nicht präsent haben? Sie würden wahrscheinlich ein allgemeines Lexikon konsultieren oder im Internet eine Suchmaschine strapazieren. Aber für welchen Anspruch ist was besser geeignet?

Die Organisatoren der Tagung «All you need to know» hatten im Vorfeld überlegt, dass die Internetkultur die utopische Idee, alles existierende Wissen zu sammeln und aufzubewahren, ganz und gar nicht zu Grabe getragen hat. Wir stellen keine 242 bändigen allgemeinen Enzyklopädien mehr her wie noch Johann Georg Krünitz im 19. Jahrhundert, aber die Internetseiten aus der Schweiz würden als Druckversion wohl ähnlich voluminös ausfallen.

Dass gerade ein nationaler Zugriff auf Allgemeinwissen trotz Globalisierung und Digitalisierung erwünscht ist, zeigt hingegen die Tatsache, dass Enzyklopädien zu einzelnen Staaten und in Nationalsprachen wieder aufblühen - und zwar in Buchform in Dänemark, Island und Lettland.

Das Team des Projekts «Allgemeinwissen und Gesellschaft», von links: Ursula Kundert, Martin Rüesch, François de Capitani, Madeleine Herren,Ines Prodöhl, Nadine Hagen, Paul Michel. (Bild: zVg.)

Historische Vorläufer und kulturelle Parallelen gibt es dabei genügend. Wie der Kongress gezeigt hat, lassen sich Enzyklopädien hervorragend als Instrument gesellschaftlicher Steuerung von Allgemeinwissen gebrauchen. So findet sich in der Illustrated Australian Encyclopediavom Beginn des 20. Jahrhunderts die ausführliche Schilderung sämtlicher australischer Besonderheiten, aber nicht die Erwähnung des Kontinents als ehemalige Strafkolonie. Enzyklopädien können somit mehr als das, was wir mit der Encyclopédievon Diderot und D'Alembert landläufig verbinden: mehr als Verbreitung von Wissen mit gesellschaftspolitischem Sprengpotential und Selbstdarstellung der République des Lettresdes 18. Jahrhunderts.

Der Kongress bezog aus diesem Grund explizit aussereuropäische Forscher ein, um den Blick auf Parallelen oder gegenläufige Modelle in anderen Kulturen zu öffnen. Der indische Wissenschaftler Jatindra Kumar Nayak präsentierte eine Enzyklopädie aus den 1930er Jahren, die in Orissa, einer Region zwischen Indien und Bengalen, entstanden war und die ganz offensichtlich dazu diente, vor den englischen Kolonialherren den alten Reichtum und die vergangene Schönheit des Landes zu zelebrieren.

Der Kongress legte neben der immer wieder zu beobachtenden nationalen Ausrichtung von Enzyklopädien einen Schwerpunkt auf mittelalterliche Werke. Hanna Vorholt aus Berlin zeigte beispielsweise, dass Bilder und deren Veränderung als Medium der Wissensvermittlung viel über die Auftraggeber aussagen, die den Liber floridusabschreiben liessen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf derPräsentation verschiedener Ordnungsmodelle, so dass die Unterschiede zwischen alphabetischer, zirkularer und systematischer Präsentation diskutiert wurden. Selbstverständlich ist ein Alphabet nach aussen hin zunächst eine wertfreie Ordnungsform, aber wenn die Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künstevon Johann Samuel Ersch und Johann Gottfried Gruber dem Artikel Griechenland gleich neun Bände widmet, dann wird deutlich, dass auch in alphabetischer Ordnung Wertungen möglich sind.

Dass Enzyklopädien nicht nur in Buchform angelegt sein können und durchaus Vorläufer in Naturalienkabinetten haben, zeigte Claudia Rütsche am Beispiel der Zürcher Kunstkammer. Im Hintergrund der historischen Fallbeispiele lag immer auch die Verschiebung der Medienlandschaft durch das Internet. Auch die Forschung konsultiert gedruckte Enzyklopädien und online-Datenbanken. Dieser Aspekt war an der Tagung mit Vertretern aus Bibliothek und Enzyklopädie-Verlag präsent. Die Veranstalter sprachen sich deshalb in ihrem Résumé dafür aus, dass es für die künftige Forschung zur Ordnung des Allgemeinwissens unabdingbar sei, die gewählte internationale und transdisziplinäre Herangehensweise sowie die Öffnung der Wissenschaft gegenüber den Herstellern von Enzyklopädien und Katalogen fortzusetzen und zu vertiefen.

Ines Prodöhl, M. A. ist Mitarbeiterin am Projekt «Allgemeinwissen und Gesellschaft» und doktoriert über «Genehmigtes Wissen. Enzyklopädien und Lexika im Dritten Reich»