Kontroversen um einen Meisterdenker

Anlässlich des 100. Geburtstages von Theodor W. Adorno fand vom 16. bis 18. September an der Universität Zürich eine prominent besetzte Tagung statt, mit dem Titel: «Über die Schwierigkeit, nein zu sagen». Die Referate und Diskussionen standen im Zeichen der Frage, wie zeitgemäss das Denken dieses einst so wirkungsmächtigen Denkers heute noch sei.

David Werner

Von rechts: Georg Kohler, Christoph Menke und Henry Zvi Rosen. (Bild: David Werner)

Auch 34 Jahre nach seinem Tod vermag Theodor W. Adorno, obgleich längst zum philosophischen Klassiker geworden, immer noch zu polarisieren. In Zürich jedenfalls wurde lebhaft, manchmal nahezu leidenschaftlich gestritten. Die Tagung war ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Zürich und Oldenburg, organisiert von Professor Georg Kohler (Zürich) und Professor Stefan Müller-Doohm (Oldenburg), welche die Diskussionen zusammen mit Professor Ulrich Stadler (Zürich) auch moderierten.

Pathos der Verweigerung

Debattiert wurde über dreierlei Themen: über Adorno als Theoretiker der ästhetischen Avantgarde, über Adorno als Kritiker der Kulturindustrie sowie über Adornos Programm einer nachmetaphysischen Philosophie. Durch alle Themenblöcke hindurch zog sich eine Kontroverse um Adornos kompromissloses «Nein» zur Gesellschaft. An der Frage, wie stark das Pathos der Verweigerung in Adornos Werk zu gewichten sei und welche Berechtigung es heute noch habe, schieden sich in Zürich die Geister. «Es gibt kein richtiges Leben im Falschen» - das grausame Wort Adornos, das jeden Versuch konkreter Weltverbesserung, jeden Versuch des Ausbruchs aus dem irdischen Jammertal als naiven, unintellektuellen Aktionismus abqualifizierte, provozierte sehr unterschiedliche Stellungnahmen und Interpretationen.

Von links: Hans-Ulrich Gumbrecht und Martin Seel. (Bild: wev)

Das Positive im Verborgenen

Ein Teil der Referenten fand, Adornos Negationsfuror sei eine philosophische Haltung, deren Notwendigkeit und Aktualität sich auch heute noch geradezu aufdränge; andere sahen darin eher eine Attitüde, die den Zugang zu den wahrhaft produktiven Gehalten von Adornos Philosophie verstelle und erschwere. Zu letzteren gehörte Martin Seel (Giessen), der diesbezüglich eine besonders exponierte Position vertrat. Er bezichtigte Adorno des Purismus und bezeichnete seine Diagnosen als einseitig und ungerecht; Adorno habe an die Gesellschaft und insbesondere die Kunst einen unerfüllbaren, utopischen Massstab angesetzt und sich dabei selbst den Blick für das Veränderungspotential der gegenwärtigen Gesellschaft verbaut. Mit seiner Forderung, Kunst habe ein Vorschein künftiger Erlösung zu sein, habe sich Adorno unzugänglich gemacht für die tatsächliche Innovationskraft der Kunst. Dabei stehe im verborgenen Zentrum von Adornos Werk durchaus etwas Positives - eine Kraft realer Anschauung und Erfahrung, deren unmittelbaren Ausdruck sich Adorno leider verwehrt habe und die es deshalb im Verborgenen seiner Schriften aufzuspüren gelte.

Irving Wohlfahrt. (Bild: wev)

Ausnüchterungskur für den Meister

Damit zog sich Seel einigen Beifall, aber auch Kritik zu. So monierte etwa Josef Früchtl (Münster), Seel unterziehe Adorno einer «Ausnüchterungskur», indem er das Utopische herunterspiele und Kunst zur reinen Erfahrungssache mache. Irving Wohlfahrt (Reims und Bremen) gab zu bedenken, dass die fast unerreichbar hohen Ansprüche, die Adorno an die Kunst stelle, mit der unhintergehbaren Erfahrung des Holocaust zu tun hätten. In eine ähnliche Richtung zielte Christoph Menke (Potsdam) mit seinen Erläuterungen zum Metaphysik-Begriff Adornos. Auch Henry Zvi Rosen (Tel Aviv) betonte den herausragenden Stellenwert des Holocaust für Adornos kritische Theorie: Seine sämtlichen Anstrengungen seien darauf gerichtet gewesen, die Welt so zu gestalten, dass Ausschwitz nie wieder möglich werde.

ganz rechts: Helmut Holzhey. (Bild: wev)

Viel Schönes durch die Lappen gegangen

Als sehr belebend für die Diskussion erwies sich, dass neben den zahlreichen ausgewiesenen Adorno-Experten auch einige Referenten geladen waren, die Adorno aus grösserer Distanz betrachten. So etwa Professor Helmut Holzhey (Zürich), der Adornos Konzept der Hoffnung mit jenem Kants verglich; oder Hans-Ulrich Gumbrecht (Stanford): In seinem kernig und leicht provokant formulierten Referat zählte er auf, was Adorno - seiner asketischen Denkweise wegen - an Schönem auf der Welt alles entgangen sei: etwa die Freude am Jazz, am Fernsehen oder am Sport. Eine ungleich schärfere Polemik richtete jedoch Martin Meyer, Feuilleton-Chef der NZZ, an die Adresse des grossen Vordenkers der 68er-Generation: Adorno sei über weite Teile unglaubwürdig, da er in undifferenzierter, voreingenommener Weise alle zivilisatorischen Phänomene gleichermassen für die grosse Katastrophe des 20. Jahrhunderts verantwortlich gemacht habe.

Martin Meyer. (Bild: wev)

David Werner ist Mitarbeiter von unipublic und unijournal.