Rollenspiele der Macht

Chef und Untergebener - ein Gespann mit Konfliktpotenzial. Die Zürcher Sozialpsychologin Marianne Schmid Mast hat in einer Studie Facetten dieser Beziehung untersucht.

Roger Nickl

Marianne Schmid Mast, Oberassistentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich. (Bild: Roger Nickl)

«Jeder kann ein Chef sein, aber nicht jeder ist ein guter Untergebener.» So lauten Titel und Fazit einer Studie, die Marianne Schmid Mast, Oberassistentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich, während eines Aufenthalts an der Northeastern University in Boston realisiert hat. Schmid Mast ist in ihrer experimentellen Untersuchung der Frage nachgegangen: Verhalten sich Personen in Führungspositionen je nachdem anders, ob sie den Chefsessel angestrebt haben oder nicht? Ebenso wollte sie wissen, wie sich auf das Dominanzverhalten auswirkt, ob ein Untergebener mit seiner Position zufrieden ist oder ob er (oder sie) selbst Vorgesetzter werden möchte.

Zur Beantwortung ihrer Fragestellung untersuchte die Sozialpsychologin gemeinsammit der Bostoner Psychologieprofessorin Judith Hall jeweils in gleichgeschlechtlichen Zweiergruppen insgesamt 138 Testpersonen (66 Männer und 72 Frauen). Die Probandinnen und Probanden mussten zuerst angeben, ob sie eine führende oder eine subalterne Rolle einnehmen möchten. «Rund die Hälfte wollte in die Rolle des Untergebenen schlüpfen», erklärt Marianne Schmid Mast. Die Rollen wurden danach per Zufallsprinzip auf die Testpersonen verteilt. Ein Teil der Testpersonen musste folglich aus einer Position agieren, die nicht ihrer Vorstellung entsprach.

Über Bilder reden

Der hypothetische Rahmen für das anschliessende Experiment war eine Kunstgallerie. Ein Gallerienbesitzer und sein Assistent - so die Annahme - mussten sich aus einer Auswahl von Bildern je für eines entscheiden, das ausgestellt werden sollte. Die Testpersonen sollten in einem zehnminütigen Gespräch ihre Wahl gegenseitig begründen und wenn möglich durchsetzen. Das Gespräch wurde per Video aufgezeichnet und die zeitlichen Gesprächsanteile als Indikator für das Dominanzverhalten gemessen. Die Forscherinnen gingen davon aus, dass sich ein dominantes Verhalten - sei es in der führenden oder in der subalternen Position - in erhöhten Redeanteilen widerspiegelt. Zusätzlich wurden die aufgezeichneten Videobänder unabhängigen Drittpersonen gezeigt, die das Dominanzverhalten der Testpersonen aus ihrer Wahrnehmung beurteilen sollten.

Auf gemischt-geschlechtliche Testgruppen haben die Forscherinnen verzichtet. «Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass in gemischt-geschlechtlichen Gruppen die Männer in der Regel die Führung übernehmen», erklärt Schmid Mast, «in unserer Untersuchung wollten wir aber die Kausalität von Status und Verhalten jenseits kultureller Muster untersuchen. Deshalb haben wir auf gemischt-geschlechtliche Gruppen verzichtet.»

Chef ist Chef

Die Resultate der Studie haben gezeigt, dass sich Personen in Führungspositionen in ihrem Dominanzverhalten nicht unterscheiden - gleichgültig, ob sie diese Position gewünscht haben oder nicht. Für die Untergebenen zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Diejenigen, die eine statushöhere Position anstrebten, verhielten sich viel dominanter als solche, die mit ihrer subalternen Position zufrieden waren. «Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Motivation, mit der eine Führungs- oder Untergebenenfunktion ausgeführt wird, sich im Dominanzverhalten zeigt, jedoch nur bei Untergebenen», erklärt Marianne Schmid Mast. Die detailierten Resultate der Untersuchung werden nun im Oktober im Journal of Personality veröffentlicht.

«Konfliktlösung am Arbeitsplatz wird künftig immer wichtiger», ist Schmid Mast überzeugt. Darauf hin deutete nicht nur die Zunahme von Coaching- und Mentoringprogrammen. Mit ihrer Forschung will die Sozialpsychologin für die unterschwelligen Machtkämpfe zwischen Chefs und ambitionierten Untergebenen sensibilisieren. «Vorstellbar ist, dass eine lang andauerende, karrieretechnisch unbefriedigenden Situation für Untergebene negative Konsequenzen punkto Leistung und Gesundheit hat», meint sie. Dasselbe gelte im Übrigen auch für Führungspersonen, die sich in ihrer Rolle unwohl oder überfordert fühlten. Solche Annahmen will Marianne Schmid Mast nun nächstens in einer weiteren Studie wissenschaftlich ergründen.

Roger Nickl ist Redaktos des
unimagazinsund freier Journalist.

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