Soziogramm der demonstrierenden Kriegsgegner

Wer demonstriert im Westen gegen den Irak-Krieg und weshalb? Diese Frage stellen sich nicht nur Politiker, sondern auch Forscherteams aus Europa und den USA. Die Universität Zürich ist bei der internationalen Erhebung mit dabei.

Brigitte Blöchlinger

Antikriegsdemonstration in Bern vom 15. Februar 2003 (Bild: GSOA)

Sind es vor allem Jugendliche, die in den westlichen Industrienationen gegen den Irak-Krieg aufstehen, oder sind die Hunderttausenden von Demonstrierenden der Anfang einer breit abgestützten neuen Friedensbewegung? Wie wurden sie mobilisiert und wo stehen sie politisch? Eine international koordinierte Datenerhebung will Klarheit schaffen, wer im Vorfeld des Kriegs (am 15. Februar 2003) und am ersten Samstag nach Kriegsbeginn (am 22. März) dem Aufruf von über 150 Organisationen folgte und seinen Protest auf die Strasse trug.

Ideales Setting für Forschung

Die internationalen Anti-Kriegs-Demonstrationen bilden ein geradezu ideales Forschungsterrain, da alle zur gleichen Zeit und auf demselben Hintergrund stattfanden. Forscherteams aus Italien, Spanien, Belgien, England, den USA und der Schweiz mischten sich in ihren Ländern unter die Demonstrierenden und verteilten Fragebogen mit Antwortcouverts. Die Initiative für die Befragung und deren Koordination lag beim belgischen Politologieprofessor Stefaan Walgrave.

Soziale Bewegungen und Globalisierung

Nationale Koordinatorin in der Schweiz ist die Politologin Michelle Beyeler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Polititkwissenschaft der Universität Zürich. Die Untersuchung findet im Rahmen des Nationalfondsprojekts «Soziale Bewegungen und Globalisierung» statt. Mit einem Team von zehn Leuten verteilte Michelle Beyeler am 15. Februar rund 1200 Fragebogen an die Demonstrierenden in Bern. 630 sind bis jetzt (28. März 2003) ausgefüllt retourniert worden. Ergänzt wurde die Befragung durch 170 Face-to-face-Interviews am 15. Februar und am 22. März. «Die Fragebogen kamen gut an», ist Michelle Beyeler zufrieden, «und der Rücklauf ist aussergewöhnlich hoch.»

(Bild: GSOA)

Erste Ergebnisse

Nach Kriegsausbruch sei sie von der Presse regelrecht mit Anfragen «bombardiert» worden, erzählt Beyeler. So kamen erste Resultate bereits in die Medien, bevor sämtliche Fragebogen ausgewertet waren. Aber erste Tendenzen lassen sich bereits erkennen: Beispielsweise gleicht die soziale Struktur der Demonstrierenden jener früherer Friedensdemonstrationen. Die meisten Teilnehmenden sind Studierende, Schüler oder Jugendliche in Ausbildung; aber auch Angestellte des öffentlichen Dienstes, vor allem aus der Lehrtätigkeit und dem Pflegebereich, sind auf die Strasse gegangen. Die Mehrheit bezeichnet sich als politisch links, ist eher gut gebildet und überdurchschnittlich an Politik interessiert. Viele nutzen sowohl konventionelle Mitsprachemöglichkeiten wie Abstimmungen, Wahlen, Parteimitgliedschaft als auch unkonventionelle Partizipationsformen wie Hausbesetzungen, politisch motivierte (Konsum-)Boykotte oder eben Demonstrationen.

Zwischen Überzeugungswillen und Ohnmachtsgefühlen

Der grösste Teil der Demonstrierenden (ca. 85%) wollte die Bevölkerung von seinem Anliegen überzeugen. Gleichzeitig waren aber drei Viertel skeptisch, dass sie mit ihrem Engagement auch die Politiker beeinflussen könnten. Immerhin knapp die Hälfte hoffte im Februar, dass ihre Teilnahme an der Demo die Chancen, dass der Krieg verhindert werde, erhöhen würde. Etwa gleich viele fühlten sich diesbezüglich eher ohnmächtig.

Sympathie für die Globalisierungsgegner

Erstaunlich klar ist die Verbindung zu den Globalisierungsgegnern. Ungefähr 90% sympathisieren mit der Antiglobalisierungsbewegung oder identifizieren sich mit ihr. Was aber nicht bedeutet, dass vor allem «alte Demo-Hasen» mobilisiert wurden - knapp ein Drittel war nämlich zum ersten Mal an einer Demonstration. Ob die «Neuen» bisher politisch eher inaktiv gewesen sind und wie sie sich von den «Habitués» unterscheiden, muss aber erst noch ausgewertet werden.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Am häufigsten (ca. 37%) erfuhren die Interessierten über Freunde, Bekannte und Familienangehörige von der ersten Demonstration am 15. Februar. Auch Zeitungen spielten als Informationsdrehscheibe eine wichtige Rolle (16%). Und immerhin knapp 10% informierte sich auf Websites und via E-Mail-Listen.

Auf weitere Ergebnisse der Befragung darf man gespannt sein. Im Sommer sollte es so weit sein. Bis dann ist der Irak-Krieg hoffentlich vorbei.

Brigitte Blöchlinger ist Journalistin BR und regelmässige Mitarbeiterin von unipublic.