Religionskunde in der multikulturellen Gesellschaft

Im Kanton Zürich soll der bisherige, konfessionell-kooperative Religionsunterricht durch ein obligatorisches, religionskundlich orientiertes Schulfach «Religion und Kultur» ersetzt werden. Am vergangenen Wochenende befasste sich eine vom Theologischen Seminar der Universität Zürich organisierte Tagung mit den möglichen Inhalten dieses Unterrichtes.

Philipp Mäder

Blühende Osterglocken im Botanischen Garten umrahmten die Tagung. (Bild: Philipp Maeder)

Die Osterglocken blühten bereits im Botanischen Garten, als dort am vergangenen Wochenende die vom Fach Religionswissenschaft des Theologischen Seminars organisierte Tagung über «kulturelle Tradierung und religiöse Sozialisation» stattfand. Das österliche Motiv von Tod und Auferstehung bildete denn auch - zumindest aus christlicher Sicht - den Hintergrund der von gut achtzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern geführten Diskussionen: Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich plant, auf der Oberstufe den bisherigen, konfessionell-kooperativen Religionsunterricht in ein Schulfach «Religion und Kultur» zu überführen. Darin soll nicht mehr der christliche Glaube eingeübt, sondern religionskundliches Wissen über alle grossen Weltreligionen vermittelt werden. Im Gegenzug ist vorgesehen, den Unterricht für sämtliche Schüler obligatorisch zu machen - unabhängig von deren Glaubensrichtung. Zur Zeit erarbeitet eine bildungsrätliche Kommission den Lehrplan des Unterrichts.

Christoph Bochinger, Mitorganisator der Tagung (Bild: Philipp Maeder)

Zusammenarbeit von Religionsvertretern und Fachwissenschaftlern

Zu diesem Lehrplan des Faches «Religion und Kultur» einen inhaltlichen Beitrag zu leisten, war auch Ziel des Kernstücks der Tagung: In je einem Workshop zu Islam, Buddhismus, Christentum, Judentum und Hinduismus wurde am Samstag darüber diskutiert, welche zentralen Punkte der jeweiligen Religion den Schülern vermittelt werden sollten. Dabei brachten nicht nur Religionsvertreter, sondern auch Fachwissenschaftler ihre Vorschläge ein. Der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger, dessen Jahr als Gastprofessor an der Universität Zürich soeben zu Endegeht und der die Tagung mit organisierte, sieht an dieser Stelle eine wichtige Herausforderung für die Religionswissenschaft. Denn für ihn ist klar, dass das Schulfach «Religion und Kultur» nur dann funktionieren kann, wenn der jeweilige Lehrer einen möglichst neutralen, wissenschaftlichen Standpunkt einnimmt: «Die Alternative zu dieser Form des Unterrichtes wäre, allen Kindern eine konfessionell getrennte Unterweisung durch Lehrer ihrer eigenen Religion zu ermöglichen. Eine Vermischung dieser beiden Unterrichtsformen halte ich jedoch nicht für praktikabel.»

Dieser Punkt birgt allerdings Zündstoff. Die beiden christlichen Landeskirchen des Kantons Zürich fordern nämlich genau eine solche Vermischung: Zwar befürworten sie die Einführung des Faches «Religion und Kultur». Gleichzeitig wollen sie aber, dass ihre Religionslehrer auch diesen neuen Unterricht erteilen können. Die Schulsynode dagegen besteht darauf, dass der Unterricht ausschliesslich von Volksschullehrern erteilt wird.

Peter Antes, Religionswissenschaftler aus Hannover (Bild: Philipp Maeder)

Migration und schwindende Bindungskraft des Christentums

Die Tagung vom Wochenende ging aber auch den gesellschaftlichen Entwicklungen nach, die erst zur Diskussion um die Einführung eines religionskundlichen Unterrichtes an den Schulen führten. Einerseits ist dies die Migration, in deren Folge in Einwanderungsländern wie der Schweiz eine zunehmend multikulturelle Gesellschaft mit einem sinkenden Anteil an Christen entsteht. Andererseits nimmt aber auch die Bindungskraft des Christentums ab: Der Hannoveraner Religionswissenschaftler Peter Antes diagnostizierte für Deutschland einen eigentlichen «Kulturabbruch», der durch die schwindenden Kenntnisse der christlichen Grundlagen Europas ausgelöst werde. Eine Religionslehrerin habe ihm erzählt, so Antes, dass sie von ihren Schülern des Öfteren gefragt werde, wieso auf den Kirchtürmen ein Pluszeichen montiert sei.

Deutschland reagierte auf die seit den späten sechziger Jahren sinkende Teilnahme am schulischen Religionsunterricht mit der Einführung des Faches «Ethik». Bochinger ist aber skeptisch angesichts der Möglichkeiten, die ein solcher Unterricht bietet. Zwar gebe es in groben Zügen einen ethischen Konsens zwischen den Weltreligionen. «Sobald man aber etwas ins Detail geht, wird es schwieriger, Gemeinsamkeiten zu finden», sagt Bochinger. Hilfreicher sei es, den Schülern Kenntnisse über die anderen Religionen zu vermitteln und damit auch Verständnis für Unterschiede zu wecken.

«Religion und Kultur» frühestens ab 2005

Die Diskussionen um das Fach «Religion und Kultur» sind auch mit dieser Tagung noch lange nicht abgeschlossen. Im Sommer wird die bildungsrätliche Kommission ihre Vorschläge zur Ausgestaltung des Faches präsentieren. Im Januar 2004 organisieren die Theologische Fakultät und die Pädagogische Hochschule eine Folgetagung über verschiedene Unterrichtsmodelle im Religionsunterricht. Und frühestens im Jahr 2005 soll dann das Fach «Religion und Kultur» in der Oberstufe des Kantons Zürich unterrichtet werden.

Philipp Mäder arbeitet als freier Journalist.