Familiäre Kuschelromantik und moralische Überforderung
Viele Menschen freuen sich auf die bevorstehenden Festtage und hoffen auf ein schönes und stimmungsvolles Weihnachten – allerdings nicht alle «im Kreis der Familie», und friedlich wird es wohl auch nicht überall. Die weihnachtlichen Ideale von Harmonie und heiler Familie können nämlich auch zur Belastung werden, nicht selten sind die Feiertage von Konflikten überschattet.
Mit diesen Widersprüchen einen guten Umgang zu finden, fällt den meisten schwer. Und was ist mit all jenen, die von vornherein den romantischen Weihnachtsbildern nicht gerecht werden können, weil sie zur Weihnachtszeit alleine sind oder ihre Familie nicht den allgegenwärtigen Idealbildern entspricht?
«Jesus hatte auch zwei Väter»
Zu dieser Gruppe gehörte nota bene auch die Familie von Jesus – darauf macht der theologische Ethiker Michael Coors in der «Weihnachtsepisode» des Podcasts «Erleuchtung garantiert» der Theologischen und Religionswissenschaftlichen Fakultät aufmerksam.
Im Gespräch mit der Gastgeberin des Podcasts, der Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens, beschreibt Coors Weihnachten als ein zentrales zivilreligiöses Ritual unserer Kultur, das sich heute oft mehr um die Verehrung von Familienidealen dreht, als um das christliche Feiern der Geburt des Gottessohnes.
Dass dessen Familie dem heutigen bügerlichen Ideal, das erst in der Zeit der Romantik entstanden ist, nicht entsprach, sieht man ja schon daran, dass die Vaterschaftsverhältnisse von Jesus – …nun, zumindest kompliziert waren. Auch die örtlichen Bedingungen seiner Geburt waren bekanntlich alles andere als ideal. Weihnachten müsse, so Coors, nicht perfekt sein, biete aber die Chance, in der Imperfektion zusammenzukommen und diese auszuhalten.
Sich zugestehen, dass es gemeinsam nicht geht
Im konkreten Fall, wenn die Erwartungen ans Weihnachtsfest zu hoch und die Gräben in der Familie zu tief sind, kann es sinnvoll sein, sich zuzugestehen, dass es gemeinsam nicht geht, sind sich Lüddeckens und Coors im Podcastgespräch einig. Wichtig sei es, sich dem moralisch Zwanghaften, das unser Weihnachtsideal zuweilen mit sich bringe, nicht blind zu unterwerfen.
Die Hoffnung auf Versöhnung sei ein wesentlicher Aspekt des christlichen Glaubens, gleichzeitig gehöre aber auch der Realismus dazu, dass die Versöhnung in diesem Leben nicht immer möglich sei – schon gar nicht auf Knopfdruck, meint Coors. Bei tiefgreifenden Konflikten sei es ehrlicherweise plausibler, sie ausserhalb der Festtagszeit zu lösen, als unter dem Zwang der kuscheligen Harmonie und der heilen Welt.
Dass das Weihnachtsfest für viele Menschen dennoch als ein schönes und gutes gemeinsames Fest gefeiert werden kann, muss man deshalb ja nicht bestreiten. In welchen Konstellationen Michael Coors und Dorothea Lüddeckens selbst Weihnachten feiern und was sie damit konkret verbinden, erfährt man ebenfalls im Podcast.