Spektakuläre DNA-Analyse

Unter Verdacht

Mit einzigartigen DNA-Analysen konnte die Genetikerin Cordula Haas eine Familiengeschichte aus dem 19. Jahrhundert klären. Definitive Gewissheit zur Vaterschaft eines Mannes lieferten Erbgutspuren von Briefmarken, die vor hundert Jahren auf Postkarten geklebt wurden.

Stefan Stöcklin1 Kommentar

Briefmarken
Briefmarken
Cordula Haas beschäftigt sich gerne mit aussergewöhnlichen Fällen und hat viel Erfahrung mit der Analyse alter DNA. (Bild: Sabine-Claudia Nold)

 

Cordula Haas vom Institut für Rechtsmedizin der UZH hat viel Erfahrung mit Abklärungen von Verwandtschaftsbeziehungen. In der Forensischen Genetik gehören diese Nachweise zur Routine. Doch dieser Fall war nicht alltäglich, sondern eine einzige Herausforderung. Geklärt werden sollte die Vaterschaft eines Mannes, nennen wir ihn Renc, der 1886 als Sohn einer gewissen Dina in Österreich-Ungarn zur Welt gekommen war. Zwei Jahre nach der Geburt heiratete Dina ihre Jugendliebe Xaver, der Renc akzeptierte und in der Meinung aufnahm, er sei der Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes namens Ron, in dessen Haushalt Dina als Bedienstete gearbeitet hatte.

Xaver lebte zur Zeit der Geburt in der Nähe seiner geliebten Dina, hatte aber zunächst nicht genügend Geld für eine Heirat. Dies holte er später nach, nachdem er beruflich aufgestiegen war. Ein weiterer Sohn namens Arles erweiterte bald die Familie. Renc aber galt als illegitimes Kind – ein Familiengeheimnis, das wegen der jüdischen Herkunft Rons in der Familie gut gehütet wurde, hätte die Öffentlichmachung doch alle in Gefahr bringen können, besonders vor und während dem Zweiten Weltkrieg.

Renc aber wurde im 1. Weltkrieg zum Dienst eingezogen und schickte von dort Postkarten an seine spätere Frau, die nun dazu führten, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Denn Xaver betrachtete sich zeitlebends als Stiefvater – und so wurde es von Generation zu Generation weitererzählt, obwohl leise Zweifel bestanden.

DNA-Spuren im Leim

«Als die Nachkommen vor fünf Jahren an mich herantraten um die Familiensaga rund um Renc ein für allemal zu klären, war mir klar, dass ich mich auf einen schwierigen Fall eingelassen hatte», sagt Cordula Haas. Die Genetikerin hat sich einen Namen mit Analysen alter DNA gemacht und führte vor Jahren Studien zum fast 400jährigen Skelett des Bündner Freiheitskämpfers Jörg Jenatsch (1596 – 1639) durch. «Ich beschäftige mich gerne mit aussergewöhnlichen Fällen, das macht mir Spass», sagt sie.

Im Fall von Renc stellte sich das Problem, dass der Nachweis über drei Generation geführt werden musste. Bei dieser Fragestellung hilft das Y-Chromosom, das von Männern unverändert an die männlichen Nachkommen vererbt wird. Zwar stellten die lebenden Urenkel und Enkel bereitwillig Gewebeproben für einen DNA-Test zur Verfügung, doch es gab keine ununterbrochene väterliche Abstammungslinie. Genetisches Material der direkt Beteiligten fehlte, da diese längst verstorben waren.

«Ich fragte also nach persönlichen Gegenständen und Postkarten der Gross- und Urgrosseltern», sagt Haas. Als erfahrene Genetikerin spekulierte sie darauf, dass man mit etwas Glück im Leim der Marken noch genügend intakte DNA-Spuren der Personen finden könnte, welche das Wertzeichen abgeschleckt hatten. Denn die Marken bewahren die Spuren im Leim und schützen sie vor schädlichen Umwelteinflüssen wie UV-Licht. Haas setzte allerdings auf ungedeckte Checks, denn Erbgut-Untersuchungen an derart alten Karten hatte noch niemand gemacht. 

stamps
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Ausschnitte der analysierten Karten und Marken: Die Karte links sandte Ron 1922 von Marienbad, die mittlere stammt von Renc aus dem Jahr 1918 und die rechte von Arles aus Rankweil 1922. (Bilder: zVg)

 

Tatsächlich konnten die Verwandten, die anonym bleiben möchten, Postkarten auftreiben, die vom angeblichen Vater Ron und von Renc verschickt wurden. Haas und ihre Mitarbeiterinnen lösten im Labor die Marken mit Dampf ab und prüften zunächst mit einem Enzymtest, ob Speichel nachweisbar war. Danach extrahierten sie unter höchsten Vorsichtsmassnahmen die DNA aus dem Leim.

«Eine der grössten Herausforderungen bei der Arbeit mit alter DNA sind Verunreinigungen», sagt Haas. Deshalb wird die Isolierung der DNA und die nachfolgende Analyse unter höchsten Hygienemassnahmen durchgeführt. Weil DNA mit der Zeit degradiert, bleibt es allerdings Glückssache, ob die gesuchten Merkmale nachweisbar sind. In diesem Fall suchten die Genetikerinnen nach bestimmten Minisatelliten, das heisst kurzen DNA-Sequenzen, die sich mehrfach wiederholen. Die Kombination mehrerer solcher Minisatelliten ergibt für jeden Menschen charakteristische Muster.

Lösung nach fünf Jahren

Cordula Haas und ihr Team machten sich mit viel Elan an die Arbeit, doch nach anderthalb Jahren verliefen die Ergebnisse im Sand. Die DNA von Ron, dem vermuteten Vater von Renc, war derart degradiert, dass kein Abgleich mit den anderen Spuren möglich war. Haas war schon dabei, den schwierigen Fall aufzugeben, da recherchierte die Familie nochmals in den Nachlässen und förderte 2020 weitere Erbstücke zutage, unter anderem eine Karte von Arles, dem angeblichen Halbbruder von Renc.

Arles verschickte diese Postkarte 1922 aus Rankweil (bei Feldkirch) an seine Familie. Die Analyse seines Y-Chromosoms fast fünf Jahre nach Beginn der Arbeiten sollte den definitiven Beweis liefern, der schliesslich alle überraschte: Arles und Renc waren Brüder, keine Halbbrüder und hatten den gleichen Vater, nämlich Xaver. Dies zeigte die Auswertung der Y-Daten mit einer Wahrscheinlichkeit von 99.97 Prozent. Das Familiengeheimnis erwies sich als falsch.

«Wir konnten die falsche Saga nach über einem Jahrhundert richtigstellen», freut sich Cordula Haas. Der Nachweis ist so einzigartig und spektakulär, dass sie den Fall Ende November 2021 in der Fachzeitschrift «Forensic Science International» publizieren konnte. Der Case-Report zeigt exemplarisch, wie sich die genetische Spurensuche in den letzten Jahren weiterentwickelt hat. Der genetische Fingerprint basierend auf Minisatelliten wurde in den 1980er Jahren vom Briten Alec Jeffreys entwickelt, der übrigens auch mit Briefmarken experimentierte, die allerdings wesentlich jünger waren.

Unterdessen ist die Empfindlichkeit der Methoden um Grössenordnungen gestiegen, es braucht immer weniger Ausgangsmaterial. Die Zeiten von Briefmarken als Beweismittel sind allerdings gezählt. Leider, gibt Cordula Haas zu bedenken, schlecke heutzutage kaum mehr jemand Briefmarken ab. Wer überhaupt noch Schneckenpost verschickt, drückt ein selbstklebendes Wertzeichen drauf.

Hinweis: Alle Namen der Familienangehörigen sind fiktiv.

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News

1 Leserkommentar

René Kunz schrieb am Interessante Recherche Gratuliere zu dieser interessanten Erfolgsstory. Es zeigt sich, dass Ausdauer und Hartnäckigkeit in der Sache zum Erfolg führen können. Eine gute Geschichte, die auch Nichtwissenschaftler interessiert.

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