Medienforschung und Kommunikationswissenschaft

«Bauchgefühl und Klimakrise»

Verschwörungstheorien reagieren auf Ängste von Menschen und stiften in Krisenzeiten Sinn, sagen Brigitte Frizzoni und Mike Schäfer. Die Medienforscherin und der Kommunikationswissenschaftler über immunisierte Weltbilder, gefährliche Behauptungen und gute Geschichten.

Roger Nickl und Thomas Gull

frizzoni und schäfer
frizzoni und schäfer
Brigitte Frizzoni forscht und lehrt im Bereich populärer Literaturen und Medien mit Fokus auf populäre Genres und TV­-Serien. Mike Schäfer untersucht im Rahmen eines SNF­-Projekts wissenschafts­bezogene Verschwörungstheorien im Internet. (Bild: Stefan Walter)

Brigitte Frizzoni, Mike Schäfer, zurzeit sind wir mit Phänomenen wie Corona-Leugnern oder der QAnon-Bewegung in den USA konfrontiert. Erleben wir einen Boom von Verschwörungstheorien?

Brigitte Frizzoni: Krisenzeiten generieren immer Verschwörungstheorien. Doch sie sind heute sichtbarer, weil sie sich auf allen möglichen Kanälen viel schneller verbreiten. Allerdings: Wie die Forschung zeigt, sind Verschwörungstheorien heute kein legitimes Wissen mehr, das gesellschaftlich akzeptiert ist. Früher war das anders.

Hängt das nicht von der Perspektive ab? Wenn man QAnon-Anhänger fragt, dann dürften sie ihre Verschwörungstheorie für glaubwürdig halten.

Frizzoni: Absolut, für Anhängerinnen und Anhänger ist sie die Wahrheit. Sie sehen sich als jene, die hinter die Fassade schauen und die Wahrheit entdecken können. Deshalb lehnen sie den Begriff Verschwörungstheorie auch ab.

Mike Schäfer: Verschwörungstheorien gibt es schon seit Jahrhunderten, oft bezogen auf Pandemien wie die Pest. Aber eine klare Zunahme scheint es nicht zu geben. Ein Beispiel: US-Kommunikationswissenschaftler haben sich Leserbriefe in Zeitungen über einen Zeitraum von 130 Jahren angeschaut und untersucht, ob darin Verschwörungstheorien zunehmen. Sie finden keinen linearen Anstieg, aber eben Spitzen rund um Krisen wie die Spanische Grippe. In solchen Momenten bricht das auf. Deshalb ist nicht überraschend, dass jetzt rund um die Corona-Pandemie wieder Verschwörungstheorien ins Kraut schiessen. Zudem wirken heute die sozialen Medien als Katalysator für solche Theorien.

Weshalb bieten Krisen einen fruchtbaren Boden für Gegenentwürfe zu gängigen Weltbildern?

Frizzoni: Krisen machen Angst. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen und wen es trifft. Das weckt den Wunsch nach Erklärungen, um das Chaos dieser Welt in den Griff zu bekommen. Da eignen sich Verschwörungstheorien, die einen Bösewicht vorführen, im Fall von Corona etwa das chinesische Labor, das das Virus in die Welt gesetzt haben soll, oder Bill Gates, der uns via Impfung angeblich einen Chip implantieren will, um die ganze Welt zu kontrollieren. Wenn man den Bösewicht überführen kann, wird man wieder handlungsmächtig.

Schäfer: Verschwörungstheorien sind auch eine Strategie des individuellen Sensemaking. Und derartige Sinnstiftung ist für einige Menschen in der aktuellen Krise auch deshalb so wichtig, weil rund um das Thema Corona eben noch vieles unklar ist.

Wie meinen Sie das?

Schäfer: Die beiden Philosophen Silvio Funtowicz und Jerome Ravetz haben diesen Zustand mal als postnormale Wissenschaft beschrieben: eine Situation, in der ein grosser Bedarf an Information in der Bevölkerung und bei Entscheidungsträgerinnen und -trägern besteht, wo der wissenschaftliche Wissensstand aber noch relativ unsicher ist. In einer solchen Phase der Ungewissheit sind wir im Moment. Obwohl viele ausgezeichnete Virologen und Epidemiologen viel zu Corona sagen können, gibt es immer noch Facetten, die wir nicht verstehen. Und schlagkräftige Lösungen haben wir auch noch keine, auch wenn die ersten Impfungen am Horizont sichtbar werden.

Verschwörungstheorien füllen demnach ein Vakuum in der Welterklärung?

Schäfer: In Krisensituationen, in denen die Menschen keine für sie befriedigende Antworten auf drängende Fragen bekommen, fangen sie an, nach Alternativen zu suchen – Beispiele sind 9/11, die Finanzkrise oder eben die aktuelle Pandemie. Einige Menschen sind dann eher bereit, jenen zuzuhören, die Verschwörungstheorien anbieten.

Wie funktionieren diese Erklärungen?

Schäfer: Verschwörungstheorien haben eine bestimmte Struktur: Es gibt ein Phänomen mit einer etablierten Erklärung. Verschwörungstheorie ersetzt diese Erklärung durch eine Alternative, die postuliert, dass sich eine Gruppe von Akteuren heimlich und böswillig verschworen hat, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Je besser die Theorie diese Elemente bedienen kann – beispielsweise je abgekoppelter die Eliten von der Bevölkerung sind –, umso eher finden Verschwörungstheorien Anhänger.

Frizzoni: Verschwörungstheorien reagieren immer auf die Realität. Aber sie interpretieren diese anders. Wenn man etwa an die Migrationsbewegung denkt: In diesem Kontext taucht die Theorie des grossen Austauschs auf. Sie postuliert einen geheimen Plan, der die weisse Mehrheitsbevölkerung gegen muslimische und nichtweisse Einwanderer austauschen will. Das fällt auf fruchtbaren Boden bei Menschen, die sich bedroht fühlen, Angst haben, etwa ihren Job zu verlieren. Das sehen wir auch bei Corona. Verschwörungstheorien reagieren auf Ängste und Befürchtungen von Menschen, die überzeugt sind, dass die offiziellen Erklärungen nicht stimmen.

Das Bild einer satanistischen, pädophilen demokratischen Elite in den USA, das die QAnon-Verschwörungstheorie zeichnet, ist bizarr. Trotzdem scheinen solche Vorstellungen bis in die politischen Kreise der Republikaner einzusickern und dort salonfähig zu werden. Ist das nicht erstaunlich?

Frizzoni: Das ist ein schönes Beispiel für den bewussten, manipulativen Einsatz von Verschwörungserzählungen. Sie werden weiterverbreitet, weil solche Verunglimpfungen für bestimmte politische Kreise nützlich sind.

Schäfer: Dass Falschinformationen und Verschwörungstheorien von der politischen Elite verbreitet werden wie momentan in den USA, ist nicht typisch für demokratische Gesellschaften. Doch Verschwörungstheorien sind kein Mehrheitsphänomen. Nach allem, was wir wissen, liegt ihre Anhängerschaft im Bereich von 10 bis manchmal 15 Prozent. Allerdings: Es gibt auch historische Fälle, in denen sich vermeintliche Verschwörungstheorien im Nachhinein als zutreffend erwiesen haben. Als Hintergrund des Einbruchs ins Watergate-Hotel 1972 wurde zum Beispiel lange eine Verschwörung aus dem Dunstkreis Richard Nixons vermutet – aber erst Jahre später wirklich belegt. Auch die Überwachung anderer Länder bis in die höchsten Regierungsämter hinein durch US-Geheimdienste war lange eine Mutmassung, die erst durch die Enthüllungen von Edward Snowden bestätigt wurde. Aber das sind natürlich Ausnahmen.

Sind Verschwörungstheorien eine Bedrohung für die Gesellschaft, trotz des relativ geringen Anteils an «Gläubigen»?

Schäfer: Wer an Anti-Corona-Demonstrationen teilnimmt oder öffentlich Corona-Massnahmen kritisiert, ist nicht immer und automatisch ein Verschwörungstheoretiker. Das ist eine reflexartige Kategorisierung, die nicht sinnvoll ist, weil sie den Dialog über berechtigte Kritikpunkte verunmöglicht. Aber man muss auch klar sagen: Wenn sich Verschwörungstheorien gegen rationale Argumente immunisieren und deshalb sinnvolle Massnahmen etwa gegen Corona negieren, sind sie wirklich gefährlich – weil solche Theorien dann dafür sorgen, dass mehr Menschen erkranken und sterben.

Verschwörungstheorien zu verbreiten, ist heute ein Geschäft, etwa in den USA. Wie funktioniert das?

Frizzoni: Der rechtsextreme amerikanische Radiomoderator und Verschwörungstheoretiker Alex Jones etwa verfügt über Youtube-Kanäle, Radio- und Fernsehsender, über einen ganzen Medienapparat. Zwischen den Beiträgen wird immer wieder Werbung geschaltet für Produkte, die Bezug nehmen auf spezifische Verschwörungen, etwa um das Trinkwasser zu entgiften. Jones ist ein ganz gewiefter Geschäftsmann und wahrscheinlich der kommerziell erfolgreichste Verschwörungstheoretiker.

Schäfer: Mittlerweile ist Jones von Youtube verbannt worden und bezeichnet sich selbst als «most banned man on the internet». Social-Media-Plattformen gehen heute geschlossener gegen Verschwörungstheorien und Verschwörungstheoretiker vor. Facebook, Youtube, Twitter und andere machen verschwörungstheoretische Angebote teils dicht – mit dem Effekt, dass sich Verschwörungstheoretiker neue Plattformen suchen, die weniger reguliert sind. Einer dieser Orte ist 8kun, eine ehemalige Gamer-Plattform. Dorthin sind nun viele Verschwörungstheoretiker aus den Mainstream-Social-Media hingewandert. Sie haben dort zwar kein so grosses Publikum, aber deutlich weniger Regulierung seitens der Plattform.

Kevin Roose, ein Blogger der «New York Times», hat in einer Kolumne geschrieben, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sei eine historische Ausnahmesituation gewesen mit einer Konsens-Realität, hergestellt und aufrechterhalten durch die grossen Forumsmedien als Gatekeeper. Heute sei das aber vorbei. Sehen Sie das auch so?

Schäfer: In vielen Ländern sieht man, wie sich Milieus entwickeln, die gesellschaftliche Institutionen kritisieren oder sich gar von ihnen abwenden. Wir untersuchen in unserer Forschung gegenwärtig beispielsweise etwas, das wir wissenschaftsbezogenen Populismus nennen: Behauptungen, die wissenschaftliche Methode sei nicht privilegiert, um die Welt zu beschreiben. Wissenschaft sei im Gegenteil abstrakt, alltagsfern und artifiziell und könne durch persönliche Erfahrung ersetzt werden. Trump spricht etwa von seinem «gut instinct», seinem Bauchgefühl bei wissenschaftlichen Themen. Ein Bauchgefühl ist natürlich nur mässig gut, will man das Klimaproblem lösen. Doch was dahintersteckt, ist die Annahme, persön­liche Wahrnehmung und Empfindung, ­persönlicher Instinkt eigne sich genauso gut dazu, die Welt zu beschreiben, wie die Wissenschaft. Diese und andere wissenschaftskritische Positionen scheinen heute präsenter zu sein. Wobei nicht so klar ist, ob diese Milieus wirklich wachsen oder einfach an ­Lautstärke gewonnen haben.

Verliert die Wissenschaft an Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs? Glaubt man ihr weniger?

Frizzoni: Das glaube ich nicht. Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie wurden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Stars. Die Virologen und Epide­miologen waren eine Zeit lang omnipräsent. Als die Gefahr nach dem Lockdown gebannt schien, hat man sie wieder vom Podest geholt. Die Wissenschaftsfeindlichkeit ist aber sichtbarer geworden, auch die Elitenfeindlichkeit ist sichtbarer geworden, weil die Leute mehr Kanäle haben, auf denen sie sich öffentlich äussern können. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass die Wissenschaft geschätzt wird, wie die Corona-Krise gezeigt hat. Meine Nichte ist ­Epidemiologin. Sie sagte mir: «Einen Vorteil hat die Krise für mich – ich muss niemandem mehr erklären, was Epidemiologie ist.»

Schäfer: Ich glaube, hier in der Schweiz müssen wir uns weniger Sorgen machen. Auch die Ergebnisse unseres «Wissenschaftsbarometers Schweiz» sehen ganz zufriedenstellend aus, was die Wahrnehmung und das Vertrauen in Forschung und Wissenschaft angeht. In anderen Ländern hat man gesehen, dass das Vertrauen in die Wissenschaft in der Corona-Zeit eher gestiegen ist. Das ist gut so. Das Schreckgespenst sind die USA, wo die Debatte über die ­Stellung der Wissenschaft viel heftiger ausgefochten wird als bei uns.

Brigitte Frizzoni, Sie beschäftigen sich mit Verschwörungstheorien in Literatur und Film. Werden via Film und Literatur Verschwörungs-theorien quasi salonfähig gemacht?

Frizzoni: Verschwörungstheorien liefern tatsächlich immer auch Stoff für tolle Erzählungen. Sie haben alle Ingredienzen, die gute Geschichten ausmachen. Man denke an die Verschwörungsromane von Dan Brown – ein begeisterter Fan meint dazu: «Wenn Dan Brown eine Sekte wäre, würde ich beitreten.» Wenn man Dan Browns Bücher liest, wird man mit Verschwörungsdenken vertraut gemacht, mit Geheimbünden, die im Verborgenen agieren, um eine neue Weltordnung zu etablieren. Literatur kann also durchaus ein Mittel zur Verbreitung von Verschwörungsideologie sein. Genauso Dokumentarfilme wie «Zeitgeist», die versuchen, Verschwörungen eingängig und involvierend darzustellen. Ich möchte aber den Bogen doch noch zur Wissenschaft schlagen. Es ist ja nicht so, dass im Wissenschaftsbetrieb keine Verschwörungstheorien zirkulieren würden. Eine Kollegin hat sich mit der Gender-Agenda befasst, einer Verschwörungstheorie, die unterstellt, Gender Studies seien unwissenschaftlich und gesellschaftsschädigend, sie würden den Hochschulbetrieb infiltrieren, um ihren heimlichen Plan – die Abschaffung der Geschlechter, die Bekämpfung der bürgerlichen heterosexuellen Familie – zu verfolgen. Das wird auch von Wissenschaftlern diskutiert.

Roger Nickl und Thomas Gull, Redaktoren UZH Magazin

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000