Schweizer Digitaltage 2020

«Meine Zukunftsvision ist die digitale Kreislaufwirtschaft»

Die Schweizer Digitaltage finden dieses Jahr vom 1. bis 3. November statt. Die UZH beteiligt sich mit drei Talks. Das Impuls-Referat hält Informatik-Professor Lorenz Hilty. Im Interview mit UZH News beschreibt er, was in Zukunft geschehen muss, damit wir die Chancen der Digitalisierung auch nachhaltig nutzen.

Marita Fuchs

Umweltschutz
Umweltschutz
Zukunftsvision digitale Kreislaufwirtschaft: Das Material, das wir der Natur entnehmen, möglichst lange in der Technosphäre halten und nutzen. (Bild: IStock, Pom669)

 

Herr Hilty, das Leitthema des Digitaltages stellt die Frage nach der Zukunft: Was wünschen Sie sich von der digitalen Zukunft?

Lorenz Hilty: Wir müssen die Digitalisierung gezielt einsetzen, um Materialflüsse und nicht Menschen zu überwachen. Und wir müssen das Material, das wir der Natur entnehmen, möglichst lange in der Technosphäre halten und nutzen, anstatt es immer schneller in Abfall zu verwandeln und als Schadstoff in die Ökosysteme zurückzuleiten. Meine Zukunftsvision ist die digitale Kreislaufwirtschaft, nicht die digitale Diktatur.

Welche Themen stehen beim diesjährigen Digitaltag im Vordergrund?

Erfreulicherweise sehr relevante Themen wie Gesundheit, Bildung, Mobilität, Umwelt, Energie, Demokratie. Das zeigt, dass die Digitalisierung nicht Selbstzweck ist, sondern eine Aushandlung der Zwecke erfordert. Von der UZH wird Juristin Aurelia Tamò-Larrieux, Fellow der Digital Society Initiative der UZH, über Roboter und Recht referieren, Burçu Demiray vom Psychologischen Institut der UZH wird über eine Fernunterricht-Plattform für Seniorinnen und Senioren sprechen und ich werde erläutern, wie wir die Digitalisierung nachhaltig nutzen können.

Wie kann das gehen?

Leider setzen wir heute unsere raffiniertesten Algorithmen dazu ein, das Verhalten von Menschen zu beobachten, um sie beispielsweise zu mehr Konsum anzuregen. Damit beschleunigen und steigern wir nahezu alles, was bereits in die falsche Richtung läuft. Aber sobald es um einen Richtungswechsel geht, wie zum Beispiel die rasche Abkehr von fossilen Brennsstoffen oder einen grundlegenden Wandel der Nahrungsmittelproduktion, wird digitale Technologie nur zögerlich eingesetzt.

Lorenz Hilty
Lorenz Hilty
Informatikprofessor und UZH-Delegierter für Nachhaltigkeit, Lorenz Hilty (Bild: Frank Brüderli)

Wie könnten wir digitale Technologien gezielt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit einsetzen?

Eine gerade publizierte Studie für Swisscom und Swisscleantech, die wir gemeinsam mit meiner früheren Abteilung «Technologie und Gesellschaft» der Empa durchgeführt haben, zeigt unter anderem Potenziale für Smart Farming. In der Landwirtschaft können solarbetriebene Roboter, die Unkraut erkennen, den Einsatz von Herbiziden reduzieren, was Grundwasser und Biodiversität schützt. Oder ein Smart Grid, ein intelligentes Stromnetz, kann effizienter mit dezentralen Formen der Stromerzeugung und damit auch mit erneuerbaren Energiequellen besser umgehen.

Die Corona-Pandemie brachte einen Digitalisierungsschub im Zeitraffer. Was wird sich diesbezüglich in der Schweiz ändern?

Auffallend ist tatsächlich, dass es plötzlich möglich war, Büroarbeit aus dem Home Office zu erledigen und ohne Flugreisen auszukommen. Schon lange vor der Pandemie wurde Videoconferencing als Alternative zu Flugreisen propagiert, und doch hatte sich seither der Flugverkehr weltweit mehr als verdoppelt. Es musste eine Pandemie kommen, um den Trend zu brechen!

Ich kann aus Klimaschutzgründen nur hoffen, dass man nicht wieder in die alten Muster zurückfällt, wenn die Pandemie überwunden ist. Ein einziger Flug von Zürich nach New York und zurück verursacht über zwei Tonnen Treibhausgas-Emissionen pro Person. Das Doppelte der Jahresration, die sich ein Mensch leisten kann, wenn wir die Erde auf Dauer bewohnbar halten wollen.

Inwiefern ändert sich aufgrund des pandemiebedingten Technologieschubs die Arbeitswelt?

Das fällt nicht in mein Fachgebiet. Ich habe aber in der Lehre und in Sitzungen beobachtet, dass der virtuelle Kontakt auch Vorteile haben kann, weil er das Vordergründige des direkten Kontakts etwas zurückschraubt. Sitzungen verlaufen sachbezogener und sind schneller zu Ende. Manchmal finde ich die differenzierteren Argumente und die leiseren Stimmen in virtuellen Meetings oder im Chat.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

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