Buchvernissage

Professorin werden

Regula Kyburz-Graber war die erste Professorin für Gymnasialpädagogik an der UZH. In ihrer Autobiografie blickt sie zurück auf ihre Karriere und was diese möglich gemacht hat. An der Buch-Vernissage wurde diskutiert, wie Frauen zur Professur kommen können und was diesen Weg erschwert.

Thomas Gull

Buchvernissage
Was erschwert Frauen, Familie zu haben und gleichzeitig in der Wissenschaft zu reüssieren? Darüber sprachen Vizerektorin Gabriele Siegert, Prof. Regula Kyburz-Graber, Klaus Jonas, Dekan der Philosophischen Fakultät, und Christiane Löwe, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversität (v.l.n.r.). (Bild: zVg.)

 

Der Karriereweg von Regula Kyburz-Graber (*1950) entschied sich an einem kalten Februarabend 1987 auf der heimischen Ofenbank. So zumindest erzählt sie es in ihrer Autobiografie «Professorin werden»: «Ich sass auf der warmen Ofenbank. Da kamen mir Gedanken, die ich während Tagen gewälzt hatte. Als Peter sich neben mich setzte, brach es plötzlich aus mir heraus: 'So geht es nicht mehr weiter, so kann ich nicht mehr. Ich bin für alles zuständig. Du unterstützt mich zwar, aber nur punktuell. Jetzt muss sich etwas grundsätzlich ändern, weil ich keine Kraft mehr habe, mich um alles zu kümmern und dennoch das Gefühl zu haben, meine Karriere zu vernachlässigen.'»

Unbeschreibliche Leichtigkeit

Mit Tränen der Wut und Enttäuschung sass Kyburz-Graber neben ihrem Mann Peter, als ihr dieser ein überraschendes Angebot machte: «Ich reduziere auf 60 Prozent.» Er hatte bereits nach der Geburt der Kinder sein Pensum zuerst auf 90 und dann auf 80 Prozent reduziert, doch das reichte nicht, um seine Frau genügend zu entlasten. 60 Prozent reichten, und Regula Kyburz-Graber spürte plötzlich eine «unbeschreibliche Leichtigkeit».

Die zweite Überraschung war, dass Peters Chef an der Landwirtschaftlichen Beratungsstelle des Kantons Zürich die Reduktion bewilligte. Damit war der Weg frei für die wissenschaftliche Karriere von Regula Kyburz-Graber – 1998 wurde sie erste Professorin an einem Höheren Lehramt in der Schweiz und ordentliche Professorin für Gymnasialpädagogik an der UZH. Ihr gelang, was nur wenigen Frauen ihrer Generation möglich war: Eine Familie mit drei Kindern und die akademische Karriere unter einen Hut zu bringen. Doch trotz der Unterstützung ihres Mannes war der Weg hart und steinig. Auch weil sie nach dem Studium an der ETH ein Forschungsthema wählte, das damals zwar «in aller Munde war», wie sie an der Vernissage erzählte, aber wissenschaftlich ein noch unbestellter Acker: Die Ökologie beziehungsweise deren Vermittlung an den Gymnasien. Kyburz-Graber machte dazu ihre Dissertation «Ökologie im Unterricht» und baute darauf ihre wissenschaftliche Karriere auf – gegen viele Widerstände.

Mutmacher für junge Wissenschaftlerinnen

Ihre Biografie sieht Kyburz-Graber als Mutmacher für junge Wissenschaftlerinnen, die mit einer akademischen Karriere liebäugeln. Das ist heute einfacher als zu ihrer Zeit, aber immer noch schwieriger als für Männer, das machte die Podiumsdiskussion an der Vernissage, die am Mittwoch, 19. August, in der Pädagogischen Hochschule stattfand, einmal mehr klar. So räumte die Vizerektorin der UZH, Gabriele Siegert ein, dass sie reflexartig Bedenken habe, wenn eine Bewerberin für eine Professur offenlege, sie habe drei Kinder: «Das müssen wir reflektieren und überwinden.» Neben solchen Vorurteilen: Was erschwert Frauen, Familie zu haben und gleichzeitig in der Wissenschaft zu reüssieren? Sozial- und Wirtschafspsychologe Klaus Jonas erwähnte eine Studie an seinem Lehrstuhl zur leaking pipeline in der Wissenschaft: Die Befragung von Paaren, bei denen beide Partner an ihrer wissenschaftlichen Karriere arbeiten, hat gezeigt, dass die Frauen immer noch wesentlich mehr Haus- und Familienarbeit übernehmen. «Das bedeutet: Es werden immer noch die traditionellen Rollen gelebt», bilanzierte Jonas. Christiane Löwe, die Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversität der UZH, wies darauf hin, dass neben den bekannten Hindernissen viele Frauen auf eine akademische Karriere verzichten, weil sie für sich einen anderen Lebensweg wollen.

Immerhin: Die Strukturen an der UZH werden frauenfreundlicher. So gibt es immer mehr Teilzeitprofessuren, oder Vollpensen können vorübergehend reduziert werden. Möglichkeiten, die von Männern genauso genutzt werden wie von Frauen, wie Löwe betonte. Trotzdem werden an der UZH immer noch wesentlich mehr Männer auf Professuren berufen als Frauen: Im letzten Jahr gingen 35 Prozent der ausserordentlichen und ordentlichen Professuren an Frauen.

Es ist noch nicht alles gut. Aber es wird besser. Regula Kyburz-Grabers Biografie entwirft ein Lebens- und Partnerschaftsmodell für Frauen, die eine akademische Karriere anstreben.

Thomas Gull, Redaktor UZH Magazin

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