Geschichte

Was Republiken zu Fall bringt

Der Römer Marcus Tullius Cicero inspirierte einst die Gründerväter der USA. Doch sind seine Ideen auch heute noch von Belang, wo viele Amerikaner um ihre Republik fürchten? Der Historiker Benjamin Straumann geht dieser Frage nach.

Ümit Yoker

Cicero
Langfristige Ideengeschichte: Cicero hat unsere Vorstellung von Gerechtigkeit geprägt. (Bild: Wikipedia, Freud)

 

Er war wortmächtig, redegewandt, scharfsinnig. Ein Staatsmann, der flammende Reden hielt und das Römische Reich vor einem Putsch bewahrte. Ein politisches Naturtalent, dem jedes Amt nur so zuzufliegen schien. Als «Vater des Vaterlandes» verehrt, war Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.) im ersten Jahrhundert vor Christus ein grosser Verfechter und Verteidiger der Römischen Republik. Mit wachsender Sorge sah er damals zu, wie sich der Staat unter Cäsar auf eine Militärdiktatur zubewegte. Sein offener Widerstand gegen Cäsars Nachfolger Marcus Antonius wurde ihm schliesslich zum Verhängnis: Von diesem zur Ermordung freigegeben, soll Cicero auf der Flucht nur kurz den Kopf aus der Sänfte gestreckt haben, schon hatten ihm Häscher ebendiesen abgehackt, die Hände gleich mit; alles spiessten sie zum Spott auf ebenjener Tribüne auf, auf der ihm die Massen einst frenetisch zugejubelt hatten.

Was bringt grosse Republiken zu Fall?

Kein Historiker zweifelt an der Bedeutung Ciceros für seine Zeit als Politiker und Denker. Doch das war vor zweitausend Jahren. Die Frage, die ihn damals beschäftigte – Was bringt grosse Republiken zu Fall? – hat zwar bis heute nicht an Dringlichkeit verloren. Doch finden sich in den Schriften des römischen Denkers und Staatsmanns auch immer noch aktuelle Antworten darauf? Was hätte Cicero wohl zum Impeachment-Verfahren in den Vereinigten Staaten zu sagen, überhaupt: zu Donald Trump?

Ziemlich viel, ist der Historiker Benjamin Straumann überzeugt. Der Europäische Forschungsrat (ERC) scheint ebenfalls dieser Meinung zu sein: Gerade erst hat er dem Wissenschaftler, der an der Universität Zürich und an der New York University lehrt und forscht, Fördergelder in Höhe von knapp zwei Millionen Euro zugesprochen. Dieser Consolidator Grant ermöglicht Straumann und seinem Team, in den kommenden fünf Jahren ­diversen Fragen zu Cicero nachzugehen, etwa: Welche Entwicklungen haben die Theorien des römischen Philosophen in den vergangenen zwei Jahrtausenden durchgemacht? Wie hat Cicero unsere Vorstellung von Gerechtigkeit geprägt? Für Straumann sind das Fragen, die durchaus mit dem Hier und Heute zu tun haben: «Wir brauchen eine langfristige Ideengeschichte, die wichtige Wendepunkte der Geschichte erhellt und hilft, unsere heutige Welt zu erklären.»

Staat ohne König 

Ein solcher Wendepunkt war etwa die Gründung der Vereinigten Staaten: Die amerikanischen Gründerväter betraten im ausgehenden 18. Jahrhundert absolutes Neuland, als sie ihrem neuen Staat die Form einer Republik geben wollten. Die Welt um sie herum bestand fast ausschliesslich aus Monarchien.

Doch ein König kam nicht in Frage für die Kolonisten, die sich gerade erst die Unabhängigkeit von der britischen Krone erkämpft hatten. Zwar gab es auch damals einige Republiken – die Kantone der Schweiz gehören dazu, ebenso die niederländischen Provinzen oder Venedig – doch waren diese allesamt kleinräumig und überschaubar. Keine wies nur annähernd die Fläche des neuen Staatenverbundes in Nordamerika auf.

Suche nach einem Vorbild

Auf der Suche nach einem Vorbild mussten die amerikanischen Gründerväter deshalb weit in die Vergangenheit reisen – zurück bis ins Römische Reich. Denn einzig die Römer hatten sich einmal an einer vergleichbaren Struktur für ihren weitläufigen Staat versucht, und aus diesen Erfahrungen galt es nun zu lernen.
«In der Geschichtsschreibung ist man lange davon ausgegangen, dass damals vor allem das römische Tugendideal die Amerikaner inspiriert hat», sagt Straumann. Das heisst: Damit eine Republik funktioniert, braucht es Bürger, die dem Gemeinwohl grösseres Gewicht einräumen als ihren privaten Interessen. Den Kollaps des römischen Staats sahen viele deshalb als Folge zerfallender Moral.


Straumann sieht das anders. Er glaubt, dass sich die Amerikaner vor allem an Cicero orientierten. Und dieser hatte eine ganz andere Antwort auf die Frage, wie Cäsar aus dem republikanischen Grossreich eine Militärdiktatur machen konnte: «Was den Römern fehlte, um die Republik zu ­retten, war gemäss Cicero nicht die Tugend», sagt Straumann, «sondern eine Verfassung. Denn Gesetze allein reichen für eine stabile Republik nicht aus, befand der römische Staatsmann. Es braucht auch bestimmte unabänderliche Grundsätze und Gerechtigkeitsnormen, die den Gesetzen übergeordnet sind. Eine Verfassung, die der Volkssouveränität und der Freiheit vorangeht und ihnen Grenzen auferlegt.»

Lehren aus Ciceros Schriften gezogen

Cicero konnte seinerzeit das Scheitern der Römischen Republik nicht mehr verhindern. Doch die Gründerväter der Vereinigten Staaten zogen ihre Lehren aus seinen Schriften: Sie gaben den Vereinigten Staaten von Amerika eine Verfassung. Sie wurde 1787 verabschiedet und bestand ursprünglich aus sieben Artikeln. Zum ersten Mal in der Geschichte bestand damit das Fundament eines grossen Staates nun aus einem expliziten Rechtstext: Eine politische Ordnung mit zentralen Elementen wie verfassungsmässig garantierten Rechten und der Gewaltentrennung zwischen dem Präsidenten, einem Zweikammerparlament und einer unabhängigen Justiz sollte künftige Totengräber der Republik verhindern.


Und tatsächlich: Ganze 44 Präsidenten hat die amerikanische Verfassung bis heute schon überdauert. Doch wird sie auch den Angriffen eines Donald Trump standhalten, eines Staatsoberhaupts, dem offenbar selbst der Vorwurf schweren Amtsmissbrauchs nichts anhaben kann? «Natürlich rüttelt der amtierende Präsident mit seinem Vorgehen an der Rechtsordnung», sagt Straumann, der an der Universität Zürich als Privatdozent für Alte Geschichte tätig ist. Doch unterminiere Trump etwa mit seinem Versuch, die ukrainische Regierung für den eigenen Wahlkampf zu instrumentalisieren und Hilfeleistungen an das Land davon abhängig zu machen, längst nicht als erstes Staatsoberhaupt die politische Ordnung der USA.

Die Grenzen exekutiver Gewalt wurden in der Geschichte immer wieder ausgereizt. Straumann nennt als Beispiel die Internierung von Amerikanern japanischer Abstammung im Zweiten Weltkrieg. Oder die Häftlinge im Gefangenenlager von Guantanamo, denen während der Präsidentschaft von George W. Bush ordentliche Gerichtsverfahren verweigert wurden.
«Die Angst vor einem Präsidenten, der das politische Fundament der Vereinigten Staaten zerschlagen könnte wie einst Cäsar die Römische Republik, ist so alt wie die Bundesverfassung selbst», sagt Straumann. Dass der Präsident gerade in Notstandszeiten über weitgehende Entscheidungsfreiheit verfüge, hätten jedoch schon die Gründerväter durchaus so vorgesehen; auch hier hätten sie einst aus dem Kollaps des römischen Staats und Ciceros Schlüssen daraus gelernt. «Wo der Präsident die Freiheiten eines Diktators geniesst, tut er dies mit dem Segen der Verfassung.»

Nixon und den Bürgerkrieg überdauert

Längerfristig ist diese Macht jedoch vielerlei Kontrollen unterworfen. Und längst nicht jede Krisenreaktion hält einer späteren Überprüfung stand und erweist sich tatsächlich als verfassungskonform. Doch auch wenn im Nachhinein festgestellt wird, dass die Exekutive ihre Kompetenzen drastisch überschritten hat: «Für die Betroffenen von solch schwerwiegenden Verstössen ist das ein schwacher Trost», gibt der Historiker zu bedenken. «Das Unrecht ihnen gegenüber lässt sich oftmals nicht wiedergutmachen.»
Trotzdem: Diese Fähigkeit zur Selbstkorrektur ist für Straumann noch heute eine der grossen Stärken der US-Verfassung. Sie hat zur Folge, dass die Rechtsordnung regelmässig neu ausgelotet wird, dass nicht vergessen geht, was darin festgehalten ist, dass sie relevant bleibt und aktuell.

Zudem halte die von Cicero geprägte Vorstellung von Gerechtigkeit auch dem moralischen Skeptizismus unserer Gegenwart etwas entgegen – der Vorstellung also, dass es so etwas wie objektive Gerechtigkeit gar nicht gebe. Gemäss dem römischen Denker und Staatsmann ist es eben durchaus möglich, gewisse minimale, objektive Normen zu rechtfertigen und zu verankern, um damit die Stabilität einer Republik zu gewährleisten.
Und so wird wohl auch der 45. Präsident das politische Fundament der Vereinigten Staaten nicht zum Einsturz bringen. «Eine Bundesverfassung, die nicht nur Richard Nixon, sondern auch einen Bürgerkrieg überdauert hat, hält wohl auch einen Donald Trump aus», sagt der Wissenschaftler. Die wirkliche Gefahr lauert für Straumann anderswo: «Sollte die Bundesverfassung irgendwann für die meisten Amerikaner zu einem bedeutungslosen Dokument werden, dann steht die Stabilität des Staates tatsächlich auf dem Spiel.»

Cicero und Populismus

Der Vormarsch populistischer Bewegungen rückt auch in Europa wieder eine Frage ins Zentrum, mit der sich Cicero schon vor zweitausend Jahren beschäftigt hat: Wie weit reichen die Befugnisse des Volkes beziehungsweise der Regierungschefs als dessen Stellvertreter? Cicero schliesst das Staatsvolk als konstituierende Gewalt ausdrücklich aus.

Für populistische Bewegungen ist der Versuch, Verfassungsgrundsätze zu umgehen und sich als konstituierende Gewalt aufzuspielen, hingegen charakteristisch, wie der Historiker Benjamin Straumann sagt. Im Gegensatz zu Cicero definieren diese ausserdem das Volk über ethnische oder kulturelle Homogenität und nicht wie der römische Denker ausschliesslich als Rechtsgemeinschaft.

In der Schweiz wird der Volks­souveränität generell mehr Spielraum zugestanden als etwa in den USA. Die hiesige Verfassung sieht der Historiker nicht in Gefahr. Sorge bereiten ihm schon eher osteuropäische Staaten wie Polen oder Ungarn oder auch die Türkei, deren demokratische Ordnung auf deutlich weniger gefestigtem Fundament steht. Hier bestehe die Gefahr, dass rechtsstaatliche Garantien ausgehebelt würden. «Es ist deshalb die Aufgabe der EU, verfassungsrechtliche Grundsätze zu sichern», so Straumann.

Ümit Yoker ist freie Journalistin

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