Linguistik

«Incredible!»

Donald Trumps Sprache ist einfach, Ich-zentriert, sprunghaft und von emotionalen Ausdrücken durchsetzt. Der Computerlinguist Gerold Schneider hat den Sprachgebrauch des US-Präsidenten analysiert.

Interview Roger Nickl

Satirische Puppen politischer Figuren bei einem Souvenir-Schaufenster
Im Vergleich mit anderen Präsidenten ist Trumps Vokabularrepertoire mit Abstand am kleinsten. Im Bild: Satirische Puppen politischer Figuren in einem Souvenir-Schaufenster. (Bild: iStock, Roman Tiraspolsky)

 

Gerold Schneider, Sie haben sich als Computerlinguist mit der Sprache von Donald Trump beschäftigt. Was macht den US-Präsidenten sprachwissenschaftlich interessant?

Gerold Schneider: Seit dem Ende des letzten Jahrhunderts ist in den USA zu beobachten, dass die Sprache von Präsidenten in Debatten und Reden immer einfacher wurde. Die Sätze werden kürzer, die Komplexität geringer. Die Sprache wird damit verständlicher – Zugänglichkeit zu Inhalten ist ein wichtiges Kriterium einer Demokratie. Gleichzeitig neigt ein solcher Sprachgebrauch aber zur Simplifizierung und zum Populismus. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ronald Reagan war während seiner Präsidentschaft in den 1980er-Jahren in den USA der erste Präsident bei dem dieses Phänomen in der linguistischen und politischen Literatur diskutiert wurde. Er war ja ursprünglich Schauspieler und man kann sagen, dass er auch wusste, wie man die Zuhörer ansprechen muss. Im Vergleich zu Reagan, aber auch George W. Bush, ist Trumps Sprachgebrauch heute nochmals deutlich einfacher.

Ist die einfache, populistische Sprache ein Merkmal republikanischer Präsidenten?

Das kann man so nicht sagen. Feststellbar ist aber, dass Republikaner zu deutlich kürzeren Sätzen neigen als Demokraten in den von uns untersuchten Daten. Andere Merkmale waren weniger klar parteienspezifisch.

Wie würden Sie Trumps Sprachstil beschreiben?

Trump spricht in kurzen Sätzen, er nutzt viele Schlagwörter und Wiederholungen. Seine Sprache ist emotional und mit Drohgebärden und Eigenlob versetzt. Und sie ist oft von negativen Aussagen geprägt. Wir haben mit statistischen Analysen auch untersucht, welche Worte Trump besonders häufig benutzt. Etwa «great» oder «incredible», emotionale Verstärker also, oder Begriffe wie «deal» und «money».

Wie wirkt Trumps Sprache, sein Kommunikationsstil, auf die Zuhörer?

Sehr unterschiedlich. Von den einen wird er als starker Mann, der die Dinge beim Namen nennt, wahrgenommen. Von den anderen als jemand, dessen Sprache so simpel ist wie sein Weltbild. Als ein von Egomanie getriebener Mensch, der sich weder die Mühe nimmt, bei der Wahrheit zu bleiben, noch in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen.

Wie haben Sie Trumps Sprachgebrauch konkret untersucht?

Wir haben mit quantitativen Methoden die präsidialen Wahlkampfdebatten von 2000 bis 2016 untersucht, um Donald Trumps Sprache mit der früherer Präsidenten und Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten zu vergleichen. Was sich dabei zeigt: Trumps Vokabularreichtum ist mit Abstand am kleinsten. Auch andere Messwerte wie Satz- oder Wortlänge zeigen die gleichen deutlichen Unterschiede. Der amtierende US-Präsident verwendet viele Verben und eher weniger Nomen, also eine Sprachform, die mehr Merkmale gesprochener, informeller Sprache enthält als die anderer Kandidaten.

Untersucht und verglichen haben wir zudem Interviews mit Trump aus den 1980-er Jahren mit aktuellen Interviews. Besonders im Fokus hatten wir dabei den Vokabularreichtum, die Egozentrizität und sprachliche Inkohärenzen. Aber auch die Frage, ob sich in Trumps Sprachgebrauch Anzeichen einer allfälligen Demenzerkrankung zeigen, hat uns interessiert.

Gerold Schneider
Computerlinguist Gerold Schneider. (Bild: zVg.)

Weshalb?

Die Frage, ob der mächtigste Mann der Welt an einer neurodegenerativen Erkrankung leidet, ist beunruhigend. Sie stand in den USA am Ende von Ronald Reagans Präsidentschaft schon einmal im Raum. Sprachlich manifestiert sich eine sich ankündigende Demenz in zunehmend vagen Referenzen, etwa dem verstärkten Verwenden von Personalpronomen anstatt von Namen, einem schwindenden Vokabular und zunehmenden sprachlichen Inkohärenzen, etwa wenn jemand am Satzende den Satzanfang bereits vergessen hat. Um die Entwicklung von Donald Trumps Sprache in dieser Hinsicht zu untersuchen, haben wir alte und neue Interviews mit ihm verglichen.

Was haben diese Analysen ergeben?

Es hat sich gezeigt, dass der Vokabularreichtum von Donald Trump in den letzten rund vierzig Jahren ähnlich blieb, während er typischerweise im Alter leicht zunimmt. Verstärkt hat sich auch die Neigung, sich sprachlich zu wiederholen. Das kann beides einer bewusst populistischen Sprache geschuldet sein. Aber am deutlichsten war, dass die sprachlichen Inkohärenzen zugenommen haben. Trump spricht immer wieder in einem eigentlichen «Stream of Consciousness», einem Bewusstseinsstrom von Gedanken und Assoziationen, der für Zuhörer oft nicht mehr nachvollziehbar ist. Das ist politisch sicher wenig zuträglich, keiner Kommunikationsstrategie geschuldet, und auch nicht vereinbar mit der oft gehörten Behauptung, dass dies einfach ein typisches Zeichen gesprochener Sprache sei, wie beispielsweise der Linguist McWhorter betont. Die Häufigkeit von Trumps Inkohärenz heute ist deutlich grösser als in den 1980-er Jahren. Ob die sprachliche Entwicklung Donald Trumps pathologische Züge hat, lässt sich aber letztlich nicht sagen.

Untersucht haben Sie auch, wie wichtig der Selbstbezug – die Egozentrizität – in Trumps Sprachgebrauch ist. Was ist da Ihr Befund?

Wir haben den Gebrauch der Personalpronomen Ich (I) und Wir (we) bei allen Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten seit 2000 analysiert. Gezeigt hat sich, dass bei allen die Verwendung der Ich-Form, also der Selbstbezug, den Gebrauch des inklusiven «Wir» überragt. Einzige Ausnahme ist Barack Obama, der deutlich mehr das «Wir» betonte. Klar wurde aber auch, dass der Selbstbezug bei Trump im Vergleich am häufigsten ist, gefolgt von George W. Bush und Hillary Clinton. Auch vage Referenzen (they) sind bei Trump am häufigsten, und zwar mit grossem Abstand. Teilweise werden unklare Bedrohungen und Abgrenzungen aufgebaut, das berühmte «us» versus «them» des Populismus.

Was ist der Nutzen solcher linguistischer Analysen?

Damit lässt sich der Eindruck, den man von einem bestimmten Sprachstil hat, empirisch verifizieren. Und solche Studien tragen auch zur Populismusforschung bei. Viele der Hypothesen zu Trumps Sprache lassen sich bestätigen, sein Sprachgebrauch ist deutlich anders als der seiner Vorgänger und früherer Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten.

Kann man aus Ihrer Forschung Erkenntnisse für das erfolgreiche politische Sprechen ableiten?

Ich denke schon. Zentral ist, klare Aussagen klar zu präsentieren, wichtige Punkte zu wiederholen und deutliche Meinungen zu äussern. Vermeiden sollte man dagegen das Verbreiten von offensichtlichen Unwahrheiten. Auch aus dem Umfeld von Donald Trump hört man immer öfter den Satz «(He should) keep his mouth shut». Negativ ist auch fehlende sprachliche Kohärenz. Und Politiker, und natürlich wir alle, sollten vermehrt nicht nur das Sprechen, sondern gerade auch das Zuhören lernen.

Roger Nickl, Redaktor UZH Magazin

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