Medizingeschichte

Krankheiten als historische Ereignisse

Gab es eine Pandemie wie die aktuelle schon einmal? Oder ist alles neu? Ein Blick zurück lohnt, weil man aus der Geschichte lernen kann. Im Rahmen der digitalen Ringvorlesung über Covid-19 gibt Flurin Condrau, Professor für Medizingeschichte, einen Einblick in die Geschichte der Infektionskrankheiten.

Raphael P. Borer

Flurin Condrau
Flurin Condrau
Bildausschnitt aus Arnold Böcklin's "Die Pest" von 1898 (Bild: wikimedia commons)

 

Nach dem das Virus unser Leben über die letzten drei Monate stark beeinflusst hat, kehrt Mitte Juni zunehmend Normalität in den Alltag zurück. Dennoch bleibt Sars-Cov-2 auch in Zukunft ein zentrales Thema und Veränderungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen sind abzusehen. In welcher Form aber wird Corona unsere Welt verändern?

Krankheiten haben eine lange Geschichte. Sie sind historische Ereignisse mit ihren eigenen Akteuren, Erklärungen und Herausforderungen, meint Flurin Condrau, Professor für Medizingeschichte. Die historische Einordnung vergangener Pandemien und Seuchen gibt zumindest einen Eindruck, wie die Menschen früher mit Infektionskrankheiten umgegangen sind. 

Pest und Schuldzuweisungen 

Obgleich der Vergleich der heutigen Krise mit der Pest, aufgrund der fundamental anderen Gesellschaftsform sich als schwierig erweist, so Condrau, scheint es trotzdem interessant, einen Blick auf die Pest zu werfen: werden heute selbst­verständlich nach medizinischen Gründen gesucht, um die Krankheit zu erklären, war hierfür damals die Religion zuständig. So war es üblich, dass die jüdische Bevölkerung für die Verbreitung des Schwarzen Tods verantwortlich gemacht wurde. Ihnen wurde vorgeworfen, die Brunnen vergiftet und somit das Trinkwasser verseucht zu haben.

In dieser religiös geprägten Gesellschaft stiess die Pest einen Strukturwandel an. Sie hat zunächst dazu beigetragen, dass grosse Ackerflächen brach lagen und nicht mehr genutzt wurden. Die damals fast ausschliesslich agrarisch dominierte hochmittel­alterliche Wirtschaft wurde durch die Infektionskrankheit in eine städtisch geprägte, von Handel charakterisierte Wirtschaftsform überführt. Insofern kann eine Mikrobe zu einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturwandel beitragen.

Wird die heutige Krise unsere Welt in demselben Ausmass verändern? Covid-19 könnte in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft zu einem Umdenken kommen, die vorwiegend umweltspezifischer und wirtschaftlicher Natur sind: Sharing-Modelle, Selbstversorgung und regionale Wertschöpfung dürften globale Netzwerke möglicherweise etwas schwächen.

Cholera und Hygienemassnahmen

Nach dem man sich zunehmend von der Religion abgewendet hatte, versuchte man die Bekämpfung von Krankheiten wissenschaftlich zu begründen. Die Hygiene­wissenschaft gewann an Bedeutung, welche auf die hygienischen Missstände in der Stadt aufmerksam machte. Man vermutete nämlich, dass die Verbreitung der Infektionskrankheit auf eben diese Missstände zurückzuführen sei, und nicht wie bei Covid-19, auf die Übertragung von Mensch zu Mensch.

Um 1860 nutzte die in der Schweiz aufkommende demokratische Bewegung die Epidemie, um auf das Elend hinzuweisen, zumal vor allem die ärmere Bevölkerungs­schicht von der Krankheit betroffen war. In vielen Städten wurde in der Folge das Trink- und Abwassersystem saniert. Wird heute auf die Eigenverantwortung hingewiesen und die Notwendigkeit der Händehygiene unterstrichen, wurden früher zur Eindämmung der Cholera sogar ganze Städte saniert. 

Flurin Condrau
Flurin Condrau
Flurin Condrau geht vorsichtig mit Prognosen über die Covid-19-Pandemie um. (Bild: UZH)

Influenza und Statistik

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde auch die Schweiz von der Spanischen Grippe heimgesucht. Anfangs bestand bei einer Infektion keine Meldepflicht, sodass die Zahl der Infizierten statistisch nicht nachweisbar war. Wie viele Menschen von Sars-Cov-2 infiziert wurden oder auch in Zukunft infiziert werden, ist schwer zu quantifizieren, da viele keine Symptome zeigen und auch nicht getestet werden. Heute fürchten wir, dass Covid-19, wie dies bei der Spanischen Grippe der Fall war, in mehreren Wellen zurückkommt. 

Zur Zeit der Spanischen Grippe wurde die medizinische Versorgung, wie heute auch, von der Öffentlichkeit hoch gelobt. Es waren vor allem Frauen, die diese Arbeit leisteten, sagt Condrau. Nach Abflachung der Krankheit sei die harte und riskante Arbeit aber schnell in Vergessenheit geraten.

AIDS und die Bedeutung des Patient Zero

So wie heute fragte man sich beim Aufkommen von AIDS, wo genau der Ursprung der HIV-Infektionen war. Es entstand die Idee des Patient Zero, der auch heute in der Corona-Pandemie wieder ein Thema ist, so Condrau. Der Patient Zero der AIDS-Epidemie in Nordamerika war Gaëtan Dugas. Seinen Angaben zufolge hatte er über 2500 Sexualpartner und seine Kontaktdaten bildeten die Grundlage der damaligen Epidemiologie.

Gegen Ende des Podcasts thematisiert Condrau das schwindende Interesse an AIDS. Die Krankheit wurde als neue Armutskrankheit deklariert, die immer seltener in den Schlagzeilen ist, da sie in den westlichen Ländern kein Problem mehr darstellt. Führen wir uns eine Weltkarte vor Augen, auf der die Verbreitungsgebiete von Cholera, Tuberkulose oder auch AIDS abgebildet sind, müssen wir feststellen, dass diese als global verbreitete Krankheiten nun auf die ärmeren Gebiete der Welt gedrängt wurden. Wird das auch mit Covid-19 passieren?

 

Covid-19: Universitäre Verantwortung in Zeiten globaler Verwerfungen

Podcast-Ringvorlesung der Kommission UZH Interdisziplinär (UZH-i).
Die Ringvorlesung wird laufend aktualisiert und mit Beiträgen erweitert.
Website und Programm

Raphael P. Borer, Mitarbeiter UZH News

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