Universitätsgeschichte

Tiefsitzende Ressentiments

Die Historikerin und ehemalige UZH-Archivarin Silvia Bolliger hat in ihrer Dissertation untersucht, wie in der Zwischenkriegszeit (1919-1939) an der Universität Zürich mit ausländischen Studierenden umgegangen wurde. Sie hat dabei einen «diskreten Antisemitismus» festgestellt.

Interview: Roger Nickl3 Kommentare

Silvia Bolliger
Hat ein bisher kaum erforschtes Stück Universitätsgeschichte aufgearbeitet: Historikerin Silvia Bolliger. (Bild: Roger Nickl)

 

Silvia Bolliger, Sie haben in Ihrer Dissertation, die Sie an der UZH geschrieben haben, die Haltung der Universität gegenüber ausländischen Studierenden in der Zwischenkriegszeit (1919-1939) untersucht. Was wusste man bislang über diese Zeit?

Silvia Bolliger: Die Universitätsgeschichte in diesem Zeitraum war überhaupt nicht aufgearbeitet. Mich interessierte, wie sich die Universität zwischen 1919 und 1939 gegenüber ausländischen und speziell jüdischen Studierenden verhielt.

Sie haben diese historische Terra incognita nun erforscht. Welche Rolle spielten Studierende aus dem Ausland damals an der Universität Zürich?

Bolliger: Ausländische Studierende waren immer dann willkommen, wenn die Universität nicht ausgelastet war. Das war nichts Neues, dasselbe Phänomen lässt sich schon im 19. Jahrhundert beobachten. Die Schweiz hatte schon damals ein dichtes Netz von Universitäten, aber nicht so viele Studierende. Die Universität versuchte deshalb, die freien Plätze mit ausländischen Studierenden zu besetzen. Man war auf Zuzug aus dem Ausland angewiesen. Zu Beginn der Zwischenkriegszeit wurden deshalb die Zulassungsbedingungen in bestimmten Fächern gelockert. Die Zulassungspraxis änderte sich dann im Verlauf der 1930er-Jahre: Gegen Ende der Zwischenkriegszeit war die Universität kaum noch auf fremde Studierende angewiesen. Es gab genügend Nachwuchs in der Schweiz. Entsprechend wurden viel weniger ausländische Studierende in Zürich zugelassen.

Die Ausländerinnen- und Ausländerpolitik der Universität wurde restriktiver?

Bolliger: Ja, ausländische Studierende waren durchaus noch erwünscht. Internationalität war erstrebenswert. Man wollte aber nicht alle ausländischen Studierenden. Es gab da klare Präferenzen. Die verschärften Zulassungsbedingungen betrafen offiziell alle ausländischen Studierenden, de facto richteten sie sich aber vor allem gegen jüdische Studierende. Ab 1933 versuchten viele deutsche Juden, sich an der Medizinischen Fakultät einzuschreiben. An der Medizinischen, aber auch an der Juristischen Fakultät waren dann die Hürden für eine Zulassung auch am grössten.

In Ihrer Studie stellen Sie einen «diskreten Antisemitismus» an der Universität Zürich fest. Woran lässt sich das zeigen?

Bolliger: 1933, nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, wurde an der Universität Zürich beispielsweise die Konfession bei ausländischen Studierenden, später bei allen Studierenden erhoben. Das war neu. Die Konfession und damit die darüber zugeschriebene ethnisch-rassisch Herkunft erlangte damit für die Zulassung von Studierenden Bedeutung. Dies zu einem Zeitpunkt, wo der Strom von jüdischen Studierenden aus Deutschland, die an die Universität Zürich wollen, zunimmt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten haben sich die Bedingungen für jüdische Studierende in Deutschland massiv verschlechtert. Das ging bis zum Studienverbot und zur Vertreibung. Die Schweiz und Zürich waren in dieser Situation für viele die letzte Hoffnung, vielleicht doch noch eine Ausbildung zu machen oder das begonnene Studium abzuschliessen. Auch aus Polen und den USA gelangten jüdische Studierende nach Zürich.

Wie viele Bewerberinnen und Bewerber wurden abgewiesen?

Bolliger: Das lässt sich nicht bestimmen, weil die Immatrikulationsformulare der abgelehnten Studierenden nicht mehr vorhanden sind. Aus Protokollen lässt sich aber erschliessen, dass beispielsweise 1933 mehrere Hundert Studierende aus Deutschland sich an der Universität Zürich einschreiben wollten. Die meisten von ihnen wurden abgewiesen. Die Begründungen dafür fehlen, weil eben die Dokumente heute nicht mehr greifbar sind. Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die Konfession dabei eine zentrale Rolle spielte.

Gibt es weitere Hinweise für eine antisemitische Haltung?

Bolliger: Interessant ist, wie die jüdischen Studierenden bezeichnet wurden. Da gab es verschiedene Codes. Zum Beispiel stand «osteuropäische Studenten» für Ostjuden, «Emigranten» stand für Juden aus Deutschland. Man hat es in den universitären Protokollen vermieden, von Juden oder jüdischen Studierenden zu sprechen. Wer die «amerikanischen Medizinstudenten» waren, war aber völlig klar.

Wie verhielten sich die damaligen Studierenden?

Bolliger: Man muss unterscheiden zwischen der damaligen offiziellen Studentenschaft, der SUZ, und den Studierenden ganz allgemein, die in verschiedenen Vereinen organisiert waren. Bei letzteren gab es ein riesiges Spektrum an Positionen – von extrem links bis extrem rechts. Die SUZ war aber klar nationalistisch geprägt. Viele Vertreter der Studentenschaft waren auch in der rechtsnationalen Frontenbewegung aktiv. Die beiden Redaktoren des «Zürcher Studenten» etwa, Hans Vonwyl und Robert Tobler, waren prägende Figuren. In der Studentenzeitung wurden klar antisemitische Artikel publiziert. Auf solche Artikel reagierten die Universitätsvertreter nicht. Es gab keine offizielle Klar- oder Richtigstellung, jüdische Studierende wurden seitens der Universitätsvertreter auch nie aus humanitären Überlegungen in Schutz genommen.

Gab es bei den Studierenden auch eine Oppositionsbewegung, die sich mit den jüdischen Studierenden solidarisierte?

Bolliger: Die gab es schon – ausserhalb der organisierten Studentenschaft. Etwa die «Kampfgruppe gegen geistigen Terror», ihr gehörten vor allem Sozialisten und Marxisten an. Sie hatten allerdings weit weniger Gewicht und waren auch viel weniger akzeptiert bei den Universitätsbehörden. Ganz im Gegensatz zur ab 1933 an der Universität zugelassenen studentischen «Hochschulgruppe Neue Front», die bei den Universitätsvertretern mit Milde rechnen durfte.

Es gab weniger Berührungsängste zwischen Universitätsvertretern und rechtsnationalen studentischen Vereinen?

Bolliger: Die Angst vor einer kommunistischen Revolution war in dieser Zeit nicht nur an der Universität, sondern ganz allgemein in der Gesellschaft viel grösser als die vor einer rechts-nationalistischen Diktatur.

Wie unterscheidet sich die Haltung gegenüber Juden und Ausländern an der Universität Zürich von anderen Schweizer Institutionen?

Bolliger: Es ist wenig überraschend, dass Antisemitismus an der Universität Zürich zu dieser Zeit geduldet bis unterstützt wurde. Die Haltung der Universität unterschied sich in diesem Punkt nicht vom Rest der Gesellschaft. Insofern bestätigen meine Befunde, dass auch in der Schweiz das akademische Milieu von Antisemitismus durchdrungen war. Die Zürcher Akademiker schwammen im ideologischen Mainstream ihrer Zeit mit. Man weiss auch aus Studien zu Deutschland, Österreich und weiteren Ländern in Europa, dass faschistisch-nationalsozialistische Bewegungen gerade von Akademikern getragen wurden. In Zürich war das offensichtlich nicht anders.

Sie haben auch die Haltung der Universität Zürich Frauen gegenüber untersucht, weshalb? 

Bolliger: In den Nationalisierungstendenzen, die im Laufe der 1930er-Jahre zunahmen, ging es um Abgrenzung. Juden, Ausländer, aber auch Frauen hatten da einen schweren Stand. Ich wollte mir deshalb anschauen, wie sich die Haltung der Universitätsbehörden, aber auch der Mitstudierenden gegenüber Frauen zeigte. Die Haltung der Behörden erwies sich als unproblematisch, die Mitstudierenden verhielten sich aber immer wieder frauenfeindlich. Auch die Studentenzeitung «Zürcher Student» publizierte frauenfeindliche Artikel.

Worin sehen Sie die Gründe für die ausländerfeindliche, antisemitische, aber auch frauenfeindliche Haltung an der Universität Zürich in der Zwischenkriegszeit?

Bolliger: Die 1920er- und 1930er-Jahre waren von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen geprägt. Das waren sicher keine einfachen Zeiten. Viele waren verunsichert – auch die Zürcher Studenten. Deshalb versuchten sie durch Abgrenzung gegenüber Ausländern, Juden, aber auch Frauen, ihre eigene Identität zu stärken. Interessant ist, dass noch vor dem Ersten Weltkrieg fast die Hälfte aller Studierenden an der UZH aus dem Ausland stammte. Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus waren dennoch nie so virulent wie in den 1930er-Jahren: Damals lag der Ausländeranteil deutlich tiefer, die Ressentiments vor allem gegen Juden waren aber so stark wie nie zuvor. Das ist erschreckend. Es zeigt: Für Antisemitismus braucht es keine Juden.

Was war für Sie die überraschendste Erkenntnis?

Bolliger: Überrascht hat mich, dass an der Universität Zürich prinzipiell dieselben Diskriminierungsmechanismen gegenüber Juden und Frauen spielten wie an anderen deutschsprachigen, europäischen, aber auch amerikanischen Universitäten.

 

Stellungnahme des Rektors

Die Studie von Silvia Bolliger arbeitet ein bisher kaum erforschtes Kapitel der Zürcher Universitätsgeschichte auf und zeigt, wie sich die Universität in den Zwanziger- und Dreissigerjahren gegenüber jüdischen Studierenden und Studieninteressierten verhalten hat. Die Erkenntnisse dieser Forschungsarbeit sind für die UZH wichtig.

Es ist traurig und enttäuschend zu sehen, dass die Zulassungspolitik der Universität in der Zwischenkriegszeit von antisemitischen Motiven bestimmt war und dass humanistischen Erwägungen in diesem Zusammenhang kein Raum gegeben wurde. Spätestens seit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland wäre dies angesichts der prekären Lage jüdischer Studierender dringend angezeigt gewesen.

Dass die von Teilen der Studentenschaft ausgehende antisemitische Hetze an der UZH stillschweigend geduldet wurde, war verantwortungslos und moralisch verwerflich. Dieses Verhalten steht in krassem Widerspruch zu den Werten des Humanismus und der Aufklärung, auf die sich die Universität beruft.

Heute wird Vielfalt an der UZH gross geschrieben, und es ist für mich immer wieder beeindruckend zu sehen, wie diese Vielfalt im Alltag gelebt wird. Die Vitalität und die starke nationale und internationale Ausstrahlung der UZH sind ganz wesentlich dem Reichtum an unterschiedlichen Standpunkten, Sichtweisen und Erfahrungen zu verdanken, die hier zusammenkommen.

Gelebte Vielfalt ist aber keine Selbstverständlichkeit. Die Gefahr, dass einzelne Gruppen diskriminiert werden, ist ständig gegeben. Dieser Gefahr arbeiten wir an der UZH entgegen, indem wir die Vielfalt gezielt und bewusst fördern. Dabei hilft uns unsere Diversity Policy.

Einen aktiven Beitrag zur gelebten Vielfalt an der Universität zu leisten ist nicht immer bequem. Man muss bereit sein, die eigene Denkweise, das eigene Umfeld und die eigenen Urteile und Vorurteile kritisch zu hinterfragen. Die Studie zur Haltung der UZH gegenüber ausländischen Studierenden in der Zwischenkriegszeit ist in diesem Zusammenhang von grosser Bedeutung: Sie leistet einen Beitrag zur kritischen Selbstreflexion unserer Universität. Dafür danke ich Silvia Bolliger im Namen der UZH.

Michael Hengartner, Rektor der UZH

3 Leserkommentare

Viktor E. Meyer schrieb am Grosser Dank und Respekt Grosser Dank und Respekt gebührt Frau Bolliger für ihre beeindruckende Arbeit, die gerade auch in unserer Zeit so wichtig ist. Denn viele glauben, dass Antisemitismus und Rechtsextremismus erneut aufflamme, was keineswegs zutrifft; denn der Antisemitismus und Rechtsextremismud war gar nie verschwunden. Nur mit dieser Tatsache im Bewusstsein kann man wirklich wachsam bleiben. Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeit von Frau Bolliger die ihr gebührende Verbreitung und Beachtung finden wird. Mit dem endrücklichen Statement unseres Rektors wäre das Vorwort zu dieser Monografie schon bereit!
Andreas Pospischil schrieb am Herzlichen Glückwunsch Frau Bolliger möchte ich zu dieser Arbeit beglückwünschen. Es freut mich, dass diese Zeit für die UZH aufgearbeitet wurde. Man nur hoffen und wünschen, dass diese Arbeit auch als ein Zeichen für die Zukunft verstanden wird. Solche Zeiten dürfen sich nicht wiederholen. Darüber hinaus gibt es aus dieser Zeit noch Vieles aufzuarbeiten. Herzliche Grüsse Andreas Pospischil
Klara Landau schrieb am Chapeau! Ich habe mit grossem Interesse diesen Bericht gelesen und möchte mich bei Frau Dr. Silivia Bolliger für die Aufarbeitung dieses Kapitels der UZH Geschichte bedanken. Mein Dank geht auch an unseren Rektor, dessen Kommentar mich mit Stolz erfüllt! Es sind nicht leere Worte, dahinter verbirgt sich ein klares Bekenntnis zu einer Universität, die wirklich universal ist und damit zum Vorbild der Gesellschaft wird. Machen wir so weiter...

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