Gleichstellung und Diversität

«Diversität tut der UZH gut»

Die Universität Zürich setzt sich aktiv und konsequent für die Förderung von Vielfalt sowie gegen Diskriminierung ein. Vor einem Jahr wurde die Diversity Policy der UZH in Kraft gesetzt. Welche Ideen dahinter stecken und wie die Policy umgesetzt wird, erklären Christiane Löwe und Jennifer J* Moos von der Abteilung Gleichstellung und Diversität im Interview.

Interview: Marita Fuchs, David Werner5 Kommentare

Wissenschaft ist so vielfältig wie die Menschen, die sie betreiben.

 

Frau Löwe, wie vielfältig ist die UZH?

Christiane Löwe: Sie ist ausserordentlich vielfältig. Zum Beispiel hat keine andere Universität der Schweiz ein so breit gefächertes Studienangebot, nirgendwo treffen mehr Forschungsrichtungen aufeinander, entsprechend vielfältig ist die disziplinäre Ausrichtung und die fachkulturelle Prägung der Menschen, die an der UZH studieren und arbeiten.

Sie unterscheiden sich aber noch in vielerlei anderer Hinsicht – zum Beispiel bezüglich ihres Alters, ihrer Qualifikationsstufe, Fähigkeiten, Sprachkenntnisse, Geschlechtsidentität, sexuellen Orientierung oder ihrer sozialen und geografischen Herkunft. Über die Hälfte der Professorinnen und Professoren haben zum Beispiel eine ausländische Staatsangehörigkeit und zwanzig Prozent der Studierenden kommen aus dem Ausland.

Worin besteht der Wert dieser Vielfalt?

Christiane Löwe: Aufgabe der Universität ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und diese zu vermitteln. Mit welchen Gegenständen wir uns auch immer beschäftigen – unser Bild davon wird genauer und komplexer, wenn wir es von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Ich bin überzeugt: Perspektivenreichtum macht uns in unserer gemeinsamen Arbeit an der UZH kreativer und ideenreicher. Vielfalt tut der UZH gut.

Jennifer J* Moos:  Vielfalt ist eine Realität – in der Gesellschaft wie auch an der UZH. Indem die UZH das Bewusstsein ihrer Angehörigen für aktuelle Fragestellungen bezüglich Diversität und Inklusion schärft, übernimmt sie gesellschaftliche Verantwortung, unterstützt ein diversitätsgerechtes und inklusives Miteinander und beugt Diskriminierungen vor. Zugleich fördert sie damit attraktive Studien-, Arbeits- und Forschungsbedingungen. Gelebte Vielfalt trägt dazu bei, dass wir auch international leistungs- und wettbewerbsfähig bleiben.

Der Name der Abteilung Gleichstellung wurde dieses Jahr um das Wort «Diversität» erweitert. Warum?

Christiane Löwe: Durch die Namensänderung signalisieren wir, dass wir erkannt haben, dass Diversität eine zeitgemässe Erweiterung der bisherigen Gleichstellungsarbeit darstellt. Das bedeutet einerseits, dass wir uns weiterhin für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen. Das ist gesetzlich verankert und weiterhin extrem wichtig. Wir streben nach wie vor an, dass mehr Frauen Professorinnen werden und dass sie – genauso wie ihre männlichen Kollegen – faire Chancen auf gute Stellen und höhere Positionen haben.

Andererseits stellen wir uns neue Fragen: Welche Karrierechancen haben Frauen mit oder ohne Kinder? Welche diejenigen, die nicht aus akademisch geprägten Elternhäusern kommen? In welchen Bereichen sind Männer vielleicht benachteiligt? Welche Hürden bestehen für Väter, die ihr Pensum reduzieren wollen? Das haben wir uns in der Gleichstellungsarbeit vor 10 Jahren noch weniger gefragt.

Wie verändert sich das Aufgabenspektrum der Abteilung durch den neuen Aspekt der Diversität?

Jennifer J* Moos: Unsere Arbeit wird komplexer und differenzierter. Neben Fragen rund um die Gleichstellung der Geschlechter sind wir neu auch Anlaufstelle für alle UZH-Angehörigen bei Fragen zu Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung. Kooperation und Teamwork, gute Kommunikation und Netzwerke sind extrem wichtig für Diversitätsprozesse.

Deshalb arbeiten wir seit Anfang 2017 mit der Steuerungsgruppe Diversity Policy zusammen. Hier sind die Abteilungen Personal, Internationale Beziehungen, Sicherheit und Umwelt und die Fachstelle Studium und Behinderung vertreten. Neu werden auch die Abteilungen Kommunikation und Professuren sowie die Zentrale Informatik mit dabei sein. 

Die Diversity Policy trägt den Untertitel «Vielfalt fördern – leben – nutzen». Wie will die UZH ihre Diversität fördern?

Christiane Löwe: Bei Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht oder Behinderung oder auch in Fällen sexueller Belästigung haben wir Gesetze. Auch für die Bauten gibt es vergleichsweise klare Regelungen. Schwieriger ist es mit unbewussten Vorurteilen, sogenannten unconscious oder implicit biases. An unserer Abteilung sind derzeit zwei Projekte angesiedelt, die sich mit unbewussten Vorurteilen in Berufungsverfahren und bei der Vergabe von Drittmitteln beschäftigen.  

Jennifer J* Moos: Wir versuchen Bewusstseinsprozesse in Gang zu bringen und die Bereitschaft anzustossen, die eigenen eingespielten Routinen auch einmal kritisch zu hinterfragen. Das betrifft auch unsere eigene Arbeit in der Abteilung Gleichstellung und Diversität. «Vielfalt leben» und diversitätsgerecht zu handeln bedeutet eben auch, sich auf einen ständigen Lernprozess einzulassen.

Welchen Ansatz verfolgt der Umsetzungsplan zur Diversity Policy, der soeben in Kraft gesetzt wurde?

Christiane Löwe: Es gibt an der UZH bereits viele Anstrengungen, die Diversität zu fördern, zum Beispiel auf Instituts- oder Fakultätsebene. Im neuen Umsetzungsplan zur Diversity Policy haben wir zentrale Massnahmen erarbeitet, um all diese Anstrengungen zu koordinieren. Sehr hilfreich für diese Koordination ist es, dass das Querschnittsthema Diversität direkt bei der Vize-Rektorin Gabriele Siegert angesiedelt ist.

Jennifer J* Moos: Uns ist es wichtig, zu zeigen, was an der UZH in puncto Diversität schon alles passiert. Auf diese Weise können die verschiedenen Abteilungen, Institute und Arbeitsteams der UZH voneinander lernen und miteinander kooperieren. Wir möchten zudem zum Mitmachen einladen. Aus den Workshops zur Erarbeitung des Umsetzungsplans sind unter Beteiligung verschiedener UZH-Einheiten erste kleine Massnahmen entstanden.

Welche konkreten Massnahmen sind daraus entstanden?

Christiane Löwe: Im Rahmen der zentralen, koordinativen Massnahmen wollen wir mit den Fakultäten und Kommissionen noch enger ins Gespräch zu kommen. Zudem möchten wir nächstes Jahr ein «Netzwerk Diversity» an der UZH gründen und unser Beratungs- und Informationsangebot erweitern.

Jennifer J* Moos: Zusätzlich sieht der Umsetzungsplan auch dezentrale Massnahmen vor, solche also, die nicht von unserer Abteilung oder der Steuerungsgruppe Diversity Policy verantwortet und umgesetzt werden, sondern von den einzelnen UZH-Einheiten.

Ein Beispiel dafür ist, wenn ein Institut prüft, ob seine Websites barrierefrei und in geschlechtergerechter Sprache verfasst sind. Wir selbst bieten dieses Semester einen Workshop zum Thema «inklusive Sprache» an. Weitere Anliegen sind die Zweisprachigkeit der UZH-Websiten sowie die Förderung interkultureller Kompetenzen. Das neue Stellenportal der UZH und das Gesundheitsportal «health@uzh – gemeinsam gesund...» sind weitere Beispiele. 

Zum Umsetzungsplan der Diversity Policy wurde ausserdem ein Video zum Thema Diversity veröffentlicht. Was ist die Idee dahinter?

Christiane Löwe: Mit dem Video wollen wir einen anderen Zugang zur Diversity Policy eröffnen. Manche Menschen werden eher von Bildern angesprochen; andere eher von Text. Mit dem Video zeigen wir noch einmal, dass Diversität uns alle angeht.

Jennifer J* Moos: Ein Stück weit möchten wir der UZH Community – Mitarbeitenden und Studierenden – mit diesem Video auch etwas zurückgeben und uns für das bisherige Engagement, hilfreiche Feedbacks und die gelungene Zusammenarbeit bedanken.

 

Christiane Löwe und Jennifer J* Moos

Christiane Löwe ist Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversität; Jennifer J* Moos ist Projektleitung im Bereich Diversity Policy.

Positionspapier der LERU

In Brüssel wurde vor einigen Tagen ein Positionspapier der LERU (League of European Research Universities) zur Gleichstellung, Diversität und Inklusion vorgestellt.

Die UZH ist Mitglied der LERU. Das Papier mit dem Titel «Equality, Diversity and Inclusion at Universities: The Power of a systemic Approach» enthält zahlreiche nachahmenswerte Beispiele dafür, wie LERU-Universitäten die Gleichberechtigung, die Diversität und die Inklusion fördern.

 

Marita Fuchs, David Werner, Redaktion UZH News

5 Leserkommentare

Ruth Floeder-Bühler schrieb am Dringend: Lobby 50plus Problem: Diskriminierung kommt im Paket. Aktuell am stärksten betroffen: Frauen 50plus Schweizerinnen ohne Migrationshintergrund. Forderungen: Masterplan für Lehre und Forschung für den Einbezug von individuellen Talenten und Expertisen der 50plus (gem. Prof. Margrit Stamm). Qualitätsmanagement Seminar- und Abschlussarbeiten. Neue Qualifikationskriterien. Fokus: Interdisziplinarität, Lebensweisheit und Praxisbezogenheit. Plattform für die Öffentlichkeit (öffentlicher Auftrag der Uni). Peergroups 50plus, die ihre Interessen vertreten. Förderung/Quoten nicht nur Frauen, sondern auch Schweizerinnen ohne Migrationshintergrund und 50plus auf allen Stufen und in allen Funktionen des Uni-Betriebs.
Reinhard Gösse schrieb am Wo ist die Diversität in der Abteilung? Die Abteilung Gleichstellung und Diversität an der UZH besteht zu 90% aus Frauen. Wo ist hier die Diversität und was wird dagegen unternommen?
Alex Gamma schrieb am Divers? Wenn die Uni so divers ist, wo bleiben dann die Beiträge, die den ständigen Diversitätsbeschwörungen kritisch oder ablehnend gegenüberstehen?
Matthias Rothacher schrieb am Implizite Aussage Hier wird zwar ausgesagt, dass verschiedene "Rassen", Geschlechter oder Herkünfte andere Perspektiven haben, dass aber innerhalb dieser einzelnen Gruppen bereits verschiedene Perspektiven existieren wird komplett verschwiegen. Es hört sich so an als wäre jede "Rasse", Geschlechtsgruppe oder Herkunftsgruppe ein Monolith der nur eine Meinung vertritt/ eine Ansicht hat und das ist sexistisch und rassistisch. Meines Erachtens sind diese Kategorien absolut illegitim und man sollte Menschen nur nach Qualifikationsstufe, Fähigkeiten und Sprachkenntnissen beurteilen. Falls sie diese Argument weiter ausgeführt möchten: https://www.youtube.com/watch?v=UrmeW3W35r8
Luca Hofmann schrieb am Geschlechtergerechte Sprache Werden in diesen Workshops zur inklusiven Sprachen auch Gegenmeinungen präsentiert? Es gibt ja doch starke Kritiker dieser gewollten Sprachveränderung von oben, deren Kritikpunkte nicht zu missachten sind und linguistisch fundiert sind. Beispielsweise müssen wir für die feministische Sprachkritik ja der Annahme folgen, dass Genus und Sexus in der deutschen Sprache deckungsgleich sind, was ja nicht der Fall ist. In den meisten Fällen sind sie es nicht und Abstrakta haben ja gar kein Sexus. Wird da also auch "Diversität" zelebriert werden oder ist geplant, dass kritische Meinungen selektiert und verschwiegen werden?

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