Studium und Behinderung

Surfen ohne Hindernisse

Bei der Gestaltung von Internetseiten gehen Nutzerinnen und Nutzer mit Behinderung oft vergessen. Die Fachstelle Studium und Behinderung will das ändern und setzt sich für barrierefreie Websites ein.

Roger Nickl

Barrierefreiheit
Fachstellenleiter Benjamin Börner (l.) im Gespräch mit seinem Mitarbeiter Daniele Corciulo, der praktisch blind ist. (Bild: Frank Brüderli)

 

Schneller Zugang zu Informationen aller Art, Bestellungen online, Zahlungsverkehr per E-Banking: Das Internet ist unglaublich praktisch und erleichtert uns im Alltag vieles. Doch nicht alle profitieren gleichermassen von den Segnungen der digitalen Technologie. Für Daniele Corciulo beispielsweise, der seit November letzten Jahres an der Fachstelle Studium und Behinderung der UZH tätig ist, wird das Surfen im Internet immer wieder zu einem frustrierenden Spiessrutenlauf: Corciulo ist seit Geburt blind. Um am Computer arbeiten zu können, verwendet er eine «Braillezeile» – ein taktiles Display mit Blindenschrift – und einen «Screenreader» – ein Programm, das ihm die Inhalte und Funktionen einer Website vorliest und auf diese Weise die Navigation ermöglicht.

Die Website – eine Sackgasse

Doch das Surfen mit diesen praktischen Mitteln ist häufig problematisch. «Ich nutze Internetseiten linear – von oben nach unten», sagt Daniele Corciulo. Dazu verwendet er verschiedene Tastenkombinationen, die vom Screenreader erkannt werden. Dies gelingt nur, wenn eine Website gut strukturiert ist und die Inhalte so aufbereitet sind, dass der Screenreader sie lesen und wiedergeben kann. Doch das ist bei Weitem nicht immer der Fall. Und so endet die vermeintlich freie Fahrt im Internet immer wieder einmal in einer Sackgasse. Nicht nur Texte, auch Grafiken, Tabellen und Bilder lassen sich oft nur schlecht oder gar nicht erschliessen. Und wie sollen Blinde anhand von Bildzuweisungen oder visuellen Codes (sogenannten Captchas) beweisen, dass sie keine Bots sind?

«Die Probleme, mit denen Internetnutzende mit Behinderung kämpfen, sind vielen Website-Betreibern schlicht nicht bewusst», sagt Benjamin Börner, der die UZH-Fachstelle leitet. Für Menschen wie Daniele Corciulo bedeuten die Hindernisse im World Wide Web Frust, grösseren Zeitaufwand und mehr Kosten. Und sie erhöhen die Abhängigkeit von anderen Menschen, die ihnen helfen müssen, wenn sie wieder einmal an einer nicht barrierefreien Website scheitern. «Die Problematik gilt übrigens auch für viele ältere Menschen – eine, wie wir wissen, zahlungskräftige Bevölkerungsgruppe», betont Benjamin Börner, «da geht auch ökonomisches Potenzial verloren.»

Auch an der UZH sind viele Websites für Nutzerinnen und Nutzer mit einer Behinderung nur schwer zugänglich. «Für sie ist  es zurzeit beispielsweise äusserst umständlich, sich für ein Studium einzuschreiben oder um eine Stelle an der Universität Zürich zu bewerben», sagt Benjamin Börner, «und es ist hürdenreich, an basale Informationen wie etwa die Höhe der Semestergebühren heranzukommen.»

Barrierefreier Zugang

Das soll sich nun ändern. Im Rahmen ihrer 2018 lancierten Diversity Policy will die UZH den barrierefreien Zugang zu Informationen verbessern. Die Fachstelle Studium und Behinderung bietet Instituten und Abteilungen der Universität Zürich deshalb seit geraumer Zeit -Unterstützung und Dienstleistungen an. Die Mitarbeitenden testen Websites und Apps im Hinblick auf Barrierefreiheit, identifizieren konkrete Probleme und helfen dabei, sie zu lösen. Daniele Corciulo verfügt auf diesem Gebiet bereits über mehrjährige Erfahrung. Bevor er seine Stelle an der UZH antrat, hatte er für die Stiftung «Access for all» mehrere Jahre lang Internetseiten geprüft und Webredaktorinnen und -redaktoren beraten.

Dabei beschäftigte er sich nicht nur mit den Problemen von Blinden und Sehbehinderten, sondern auch mit solchen von Tauben und Hörbehinderten oder Menschen mit einer motorischen oder kognitiven Beeinträchtigung. Dieses Wissen fliesst nun in die Beratung an der UZH ein, aber auch in die Workshops, die die Fachstelle Studium und Behinderung zum Thema organisiert.

Kleine Verbesserungen, grosse Wirkung

Konkrete Anhaltspunkte liefern dabei die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0): Empfehlungen, die das World Wide Web Consortium (W3C) erlassen hat. Sie sollten die erste Adresse für Webredaktoren sein, wenn es darum geht, Websites barrierefreier zu gestalten, darin sind sich Börner und Corciulo einig.
Neben einer sauberen Struktur und pro-blemlos zugänglichen Bildern, Tabellen und Grafiken ist das Zwei-Sinne-Prinzip ein -weiteres wichtiges Kriterium für eine barrierefreie Website. «Wenn rote und grüne Felder zeigen, ob eine Ferienwohnung frei ist oder besetzt, dann ist diese Information für einen farbenblinden Menschen beispielsweise nicht lesbar», sagt Benjamin Börner. «Es braucht deshalb immer eine zweite, etwa akustische oder textbasierte Information, die einen weiteren Sinn anspricht, damit Informationen besser erschlossen werden können.»

Auf den ersten Blick scheinen all die Richtlinien, die das Internet barrierefreier machen, aufwendig und kompliziert. Dieser Eindruck täusche jedoch, sagt Daniele Corciulo. Man könne schon durch kleine Verbesserungen viel erreichen. Wie sich das bewerkstelligen lässt, zeigt er nun den zuständigen Webverantwortlichen an der Universität.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins.

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