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Gut gerüstet in die Vergangenheit

Das E-Learning-Tool «Ad fontes» vermittelt das nötige Wissen, um Archive zu nutzen und alte Handschriften zu lesen. Es richtet sich an Studierende, ist aber auch für die Öffentlichkeit zugänglich – und wird geschätzt.

Adrian Ritter

Ad fontes
Das Online-Tool «Ad fontes» ermöglicht es, den Umgang mit Archiven und das Lesen von alten Schriften zu erlernen. Im Bild: Karolingische Minuskel Psalterium, Frankreich, Ende 9. Jh. (Ad fontes; Zentralbibliothek Zürich)

 

Ulrich Brandenberger ist ein Vielschreiber. Sein WeiachBlog umfasst bereits mehr als 1300 Artikel. Darin widmet sich der 51-jährige Landwirt einer zeitaufwändigen Freizeitbeschäftigung – er erforscht seit zwanzig Jahren die Geschichte seines Heimatdorfes Weiach im Zürcher Unterland. So wurde er zum «inoffiziellen Ortshistoriker», wie er sich selber nennt. Dabei interessiert ihn die Entwicklung Weiachs von der Urzeit bis heute.

Auf seinem Blog findet man entsprechend eine grosse Bandbreite von Beiträgen – etwa zum umstrittenen Gründungsjahr des Dorfes im 13. Jahrhundert, zur Abwehr der Pest um 1720 oder zur Suppenküche um 1817. Gegenwärtig beschäftigt sich Ulrich Brandenberger vor allem mit alten Weiacher Flurnamen – im Hinblick auf eine geplante Publikation. 

In die Geschichte von Weiach eintauchen heisst für ihn auch immer wieder: in historische Quellen eintauchen und zum Beispiel alte Schriftdokumente entziffern. Das nötige Wissen dazu hat sich Ulrich Brandenberger autodidaktisch erarbeitet: «Hilfreich war für mich insbesondere das Online-Lehrmittel Ad fontes der UZH.»

Zu den Quellen

Ad fontes – wörtlich «zu den Quellen» – ist seit 2002 online, entwickelt vom Historischen Seminar der Universität Zürich. Das Online-Tool hilft Studierenden der Geschichte und verwandter Fächer, den Umgang mit handschriftlichen Quellen und die Benützung von Archiven zu erlernen. Aber eben nicht nur Studierenden: Ad fontes ist auch kostenlos zugänglich für Interessierte ausserhalb der Universität. Mehr als 30'000 Personen haben das Online-Lehrmittel bisher genutzt.

Bereits bei seinem Erscheinen wurde Ad fontes mit einem Mediendidaktischen Hochschulpreis ausgezeichnet. Seit diesem Herbst ist eine neue Version online – noch umfassender, an neue technologische Entwicklungen angepasst und noch benutzerfreundlicher. Die Texte sind in gut überblickbare Portionen gegliedert, anschaulich und gut verständlich geschrieben und sorgfältig bebildert.

Als weitere Neuerung ist Ad fontes neu gänzlich öffentlich zugänglich. Ein Benutzerkonto ist nicht mehr nötig – kann aber zum Speichern der eigenen Lernfortschritte nach wie vor eingerichtet werden.

Ad fontes
Ad fontes
Gut portionierte, verständliche Inhalte und Übungen, mit denen sich die erworbenen Kompetenzen vertiefen lassen. (Bild: Screenshot Ad fontes)

Von Papyrus bis Fotoarchiv

Zu lernen gibt es viel. Ad fontes bietet einen enormen Fundus an Informationen – von der Kulturgeschichte des Papiers bis zur Recherche in elektronischen Fotoarchiven. Im Zentrum aber steht das Lesen, Einordnen und Datieren von Handschriften aus der Zeit vor 1800. Ausserdem lernen die Nutzerinnen und Nutzer, wie sich Dokumente in Archiven finden und auswerten lassen.

Ad fontes vermittelt aber nicht nur Wissen, sondern bietet in der Rubrik «Training» auch Übungen, in denen sich die wichtigsten Kompetenzen gezielt und mit interaktivem Feedback vertiefen lassen. Die Übungen stammen aus verschiedenen Archiven wie dem Staatsarchiv Zürich oder dem Klosterarchiv Einsiedeln.

Die Gliederung des Online-Lehrgangs ist so angelegt, dass man sich das Wissen systematisch aneignen kann – oder aber sich punktuell zu einer spezifischen Fragestellung weiterbilden. Hilfreich sind auch die Links zu weiterführenden Informationen und das umfassende Glossar der wichtigsten Begriffe. «Wir sind überzeugt, dass wir mit der neuen Version von Ad fontes eine noch wertvollere Wissensquelle für Studierende, Forschende und die Öffentlichkeit anbieten können», sagt Tobias Hodel, der am Historischen Seminar für das Projekt zuständig ist.

Flexibles Lernen

«Citizen Scientist» Ulrich Brandenberger kann dem nur zustimmen. Er ist wird das Online-Tool auch in Zukunft nutzen, etwa um bestimmte historische Schriften entziffern zu lernen. «Es wäre für mich als Berufstätigen zeitlich schwierig, einen entsprechenden Kurs zu besuchen. So kann ich mir die nötigen Fertigkeiten flexibel zuhause aneignen», sagt Brandenberger. Als Hommage an Ad fontes hat er eine seiner jüngsten Publikationsreihen zur Weiacher Ortsgeschichte «Wiachiana Fontes» getauft.

bildungsgeschichte.ch

Ebenfalls kostenlos öffentlich zugänglich ist eine weitere interessante Quelle für historische interessierte Personen: bildungsgeschichte.ch. Das Wissensportal besteht seit Sommer 2018 und erlaubt Forschenden, Studierenden und der Öffentlichkeit den Zugriff auf Quellen und Daten zur Schweizer Bildungsgeschichte. Das mehrsprachige Portal verfügt über eine differenzierte Suchfunktion. Forschenden ermöglicht das Portal gleichzeitig die Veröffentlichung von Forschungsdaten im Sinne von Open Access. Angeboten wird bildungsgeschichte.ch vom Lehrstuhl für Historische Bildungsforschung und Steuerung des Bildungssystems der UZH.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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