Broadcasting Swissness

Die musikalische Visitenkarte der Schweiz

Der Kurzwellendienst sendete zur geistigen Landesverteidigung jahrzehntelang Botschaften und Volksmusik ins Ausland. Ein Forschungsprojekt der UZH hat untersucht, welches Bild der Schweiz er dabei vermittelte.

Fabio Schönholzer

Ein Forschungsprojekt zur Schweizer Volkmusik bildete letzten Mittwoch den Hintergrund für einen ungewöhnlichen Publikumsanlass mit Akkordeon-Virtuose Hans Hassler.

Der Schweizerische Kurzwellendienst (KWD) war von seiner Gründung 1935 bis in die 1990er-Jahre die politische und kulturelle «Stimme der Schweiz». Im Auftrag des Bundesrates sollte er im Ausland zur geistigen Landesverteidigung beitragen, indem er mit seinem Programm die Schweiz und ihre Werte verkörperte. Um das Publikum auf die eigene Frequenz zu locken, wurde viel Volks- und Unterhaltungsmusik gesendet.

Für seinen Programmauftrag konnte der Auslandssender auf die Archive aller Radiostudios der Schweiz zugreifen. Der damalige Archivleiter des KWD Fritz Dür erstellte so in den 1950er- bis 1960er-Jahren eine grössere Sammlung von Schweizer Volksmusik. Diese umfassende Kollektion von knapp 7'600 Tonbändern diente dem KWD als «musikalische Visitenkarte». Heute ist die Sammlung Dür ein bedeutendes Spiegelbild der damaligen Volksmusik und wird als Kulturerbe in der Schweizer Nationalphonotek in Lugano aufbewahrt.

Anhand der Sammlung Dür haben Forschende der Universität Basel, der Hochschule Luzern und der UZH im interdisziplinären Forschungsprojekt «Broadcasting Swissness» untersucht, wie das Radio bei der identitätspolitischen Inszenierung der Schweiz mitwirkte.

Vom Vergessenen zum Kulturerbe

Die kürzlich abgeschlossene Forschung der UZH konzentrierte sich besonders auf die geschichtlichen Hintergründe der Sammlung Dür, und wie sie sich über die Jahrzehnte zu einem Stück Schweizer Kulturerbe entwickelte. «Interessant ist, dass diese kulturhistorisch wertvolle Sammlung ihre Entstehung ganz profan dem Radioalltag verdankt», erklärt Kulturanthropologe Johannes Müske. «Erst später, als die Volksmusik ein Revival erlebte, wurde sie als wertvoll angesehen.» Dass die Kollektion von Fritz Dür zum Kulturgut wurde, liege an ihrer politischen und kulturellen Bedeutung, die ihr verschiedene Akteure wie Radio, Kultur, Politik und Forschung zuschrieben.

Fast wären die Tonbänder verloren gegangen: «Die Sammlung wurde bis Ende der 1960er-Jahre fürs Radio genutzt, anschliessend geriet sie in Vergessenheit», sagt Kulturanthropologe Johannes Müske. Die Bänder trotzten der Entsorgung, bis sie in den 1980er-Jahren durch zwei Radioarchivare gerettet wurden. Zum Glück, denn nach Schätzungen des Forschers sind rund ein Drittel der Musikstücke der Sammlung Unikate, die eigens für den KWD produziert wurden. Rund 1'000 davon wurden im Rahmen von «Broadcasting Swissness» gemeinsam mit SRF digitalisiert.

Die Forschenden des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft beleuchteten auch, wie damals «Swissness» musikalisch repräsentiert wurde. Ganz eng lasse sich das typisch Schweizerische nicht definieren, sagt Müske: «Es gibt gewisse Vorstellungen davon, wie ‹Swissness› klingen soll, verblüffenderweise wurde Schweizer Musik aber sehr weit gefasst.» In der Sammlung Dür findet sich so neben Ländlern und Jodel vor allem Musik der Unterhaltungsorchester, aber auch Klassik, Jazz, oder Chormusik – das Alphorn hingegen fehlt fast völlig. Dessen Klang war schlicht nicht kurzwellentauglich. Die Sammlung reflektiere auch eine gewisse Öffnung für neue musikalische Einflüsse nach dem Zweiten Weltkrieg. «Es gab ein musikalisches Spiel mit verschiedenen Stilen, Genres und Instrumenten.» Dieses Spielerische höre man auch der Sammlung Dür an, findet Müske.

Hans Hassler und Thomas Hengartner
Hans Hassler und Thomas Hengartner
Präsentierten letzten Mittwoch Musik und Forschung: Akkordeon-Spieler Hans Hassler (li.) mit Thomas Hengartner, Projektleiter von «Broadcasting Swissness». (Bild: Fabio Schönholzer)

Nachklang

Dank einer Zusammenarbeit der Forschenden mit dem Verein zum Erhalt von audiovisuellem Kulturgut Memoriav, der Schweizer Nationalphonotek und dem SRF sind die Ergebnisse von «Broadcasting Swissness» auch für die Öffentlichkeit zugänglich: Jeden Mittwochabend um 18.30 Uhr in der Fiirabigmusig und freitags, 9.40 Uhr strahlt SRF Musikwelle eine Perle aus der Kollektion aus. Weiter ist die Sammlung auch an Hörstationen der Nationalphonotek zu hören. Zwar nicht mehr zur Landesverteidigung, aber doch immer noch für das Heimatgefühl.

Fabio Schönholzer ist Redaktor UZH News.

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