Forschungsplatz Schweiz

«Diese Rechnung kann nicht aufgehen»

Die Ausgaben des Bundes für Bildung, Forschung und Innovation sollen weniger wachsen als zunächst vorgesehen, gab der Bundesrat im Februar bekannt. Die Schweizer Hochschulen und Forschungsinstitutionen appellierten heute an die Politik, die vorgesehenen Sparvolumen zu überdenken, um die führende Stellung des Forschungsplatzes Schweiz nicht zu gefährden.

David Werner

Konferenzteilnehmer
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Medienkonferenz: Petra Studer, Koordinatorin Netzwerk Future, Michael Hengartner, Präsident swissuniversities und Rektor der UZH, Luciana Vaccaro, Fachhochschule Westschweiz, Maurice Campagna, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, Katharina Fromm, Präsidiumsmitglied des Forschungsrats des SNF. (v.l.n.r.) (Bild: David Werner)

Der Bundesrat hat in seiner Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation in den Jahren 2017-2020 ehrgeizige Ziele für den Bildungs- und Forschungsplatz Schweiz formuliert. Dazu gehören insbesondere Reformen zu Gunsten des wissenschaftlichen Nachwuchses, die Erhöhung der Studienplätze in der Humanmedizin, die Erschliessung neuer Forschungsbereiche sowie die Stärkung der höheren Berufsbildung.

Zugleich heisst es in der im Februar erlassenen BFI-Botschaft, das Ausgabenwachstum dürfe nicht wie zuvor geplant 3,2 Prozent, sondern nur 2,0 Prozent betragen. Unter Berücksichtigung des erwarteten teuerungsbedingten Sockelwachstums ergibt dies ein reales Wachstum von gerade noch 1,0 bis 1,4 Prozent. Von den ursprünglich vorgesehenen Mitteln des Bundes werden den Hochschulen und Forschungsinstitutionen in den kommenden vier Jahren eine halbe Milliarde Franken weniger als ursprünglich geplant zur Verfügung stehen.

«Die Ziele des Bundesrates decken sich mit der Ausrichtung der Hochschulen, die vorgesehenen Mittel reichen aber nicht aus, um diese Ziele zu realisieren», erklärte UZH-Rektor und swissuniversities-Präsident Michael Hengartner heute an einer Medienkonferenz in Bern. «Wir müssen mit weniger Geld mehr leisten», sagte er – «diese Rechnung kann nicht aufgehen».

Die Reduktion der vorgesehen Finanzmittel treffe die universitären Hochschulen zu einem Zeitpunkt, wo sie besonders gefordert seien – bei der Weiterentwicklung der Lehre, der Schwerpunktsetzung in der Forschung und der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dazu komme die Unsicherheit bezüglich der Beteiligung der Schweiz am europäischen Forschungsrahmenprogramm (Horizon 2020). Die Führungsrolle der Schweiz in Bildung, Forschung und Innovation sei durch die Finanzplanung des Bundes gefährdet. Sie zwinge die Hochschulen zu Anpassungen, die den Zielsetzungen zuwiderliefen: So könne der akademische Nachwuchs unter diesen Bedingungen nicht wie erwünscht gefördert werden, der Bau und Unterhalt der wissenschaftlichen Infrastrukturen könne nicht wie geplant vorangetrieben werden, und der angestrebte Anstieg der Studierendenzahlen in den MINT-Fächern und der Medizin könne nicht im nötigen Masse gewährleistet werden, sagte Hengartner.

«Der Vorsprung schmilzt»

Maurice Campagna, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, machte an der Medienkonferenz auf die tragende Rolle aufmerksam, die der Wissenschaft und der Innovation bei der Erhaltung des Wohlstandes in der Schweiz zukommen. «Stehvermögen und Kontinuität» in der Forschungsförderung habe die Schweiz zum Erfolg geführt – an diesem Erfolgsmodell müsse festgehalten werden.

Katharina Fromm, Vizepräsidentin des Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds, sagte, der Bundesrat gehe mit seiner BFI-Botschaft «an die Schmerzgrenze» und sende «ein negatives Signal» aus. Der Forschungsplatz Schweiz müsse sich in einem dynamischen Umfeld behaupten, und dies werde zunehmend schwieriger: «Unser Vorsprung gegenüber anderen europäischen Ländern schmilzt», stellte sie fest.

Korrektur um 322 Millionen gefordert

Einhellig stellten die Vertreterinnen und Vertreter der Schweizer Hochschulen und Forschungsinstitutionen fest, dass das vom Bundesrat für die Legislatur 2015-2019 erklärte Ziel, wonach die Schweiz in Bildung, Forschung und Innovation führend bleiben soll, gefährdet sei. Mit den in den nächsten vier Jahren vorgesehenen Finanzmitteln könne die Schweiz keine Vorreiterrolle bei der Weiterentwicklung zukunftsweisender Forschungsbereiche wie Personalisierte Medizin, Big Data, Energieforschung und Advanced Manufacturing übernehmen.

Damit die Hochschulen und Forschungsinstitutionen die vom Bundesrat festgelegten Ziele zumindest in Angriff nehmen können, ohne zugleich die vorhandene Substanz zu beschädigen, bedürfe es der Korrekturen am Finanzplan des Bundes. Dieser müsse um mindestens 322 Millionen Franken aufgestockt werden. Für die universitären Hochschulen beträgt der finanzielle Mehrbedarf gegenüber der BFI-Botschaft 55 Millionen Franken, für den ETH-Bereich 160 Millionen.

Bildungsinstitutionen ziehen am selben Strang

Michael Hengartner betonte in seiner Funktion als Präsident von swissuniversities, dass die Forschungs- und Bildungsinstitutionen der Schweiz sich im Bemühen um die nötigen finanziellen Ressourcen nicht auseinanderdividieren liessen. So unterstütze die Hochschulrektorenkonferenz zum Beispiel ausdrücklich die angestrebten Verbesserungen in der höheren Berufsbildung. Die Bildungslandschaft sei wie ein Ökosystem: «Wenn ein Teil auf Kosten eines anderen gestärkt wird, wird das gesamte System geschwächt», sagte Hengartner.

David Werner, Leiter Publishing

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