Psychologische Beratungsstelle

Einfach mal darüber reden

Wo viele Menschen zusammenkommen, bleiben Konflikte nicht aus. Die Psychologische Beratungsstelle von UZH und ETH unterstützt Angestellte in schwierigen Alltagssituationen, etwa im Umgang mit psychotischen Menschen. Ein Seminarbesuch.

Alice Werner

«Die Zahl der ratsuchenden Personen aus der Administration steigt»: Ulrich Frischknecht, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle. (Bild: Frank Brüderli)

Da ist die Studentin, die sich im Institutsgebäude versteckt, weil der Schweizer Staat angeblich hinter ihr her ist. Da ist der Student, der seine Exmatrikulation für eine Verschwörung hält. Da ist der gekündigte Kollege, der weiterhin am Arbeitsplatz auftaucht, als wäre nichts gewesen. Da ist die Nachwuchsforschende, die sich in eine inadäquate Liebesbeziehung verstrickt. Und da ist der Doktorand, der die IT-Abteilung der Spionage verdächtigt.

Was die Teilnehmenden des Seminars «Umgang mit wahnhaften, paranoiden und psychotischen Kunden in der Administration der UZH» erzählen, oder besser: sich von der Seele reden, klingt manchmal schräg, fast komisch – und manchmal auch beunruhigend. Wahn und Psychosen an der Universität Zürich? Ulrich Frischknecht, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle von UZH und ETH, führt gemeinsam mit seiner Kollegin Susanne Richter durch das Seminar.

Weit geöffnete Türen

Die beiden Psychologen sind von den Erfahrungsberichten nicht überrascht. Laut WHO beträgt das Risiko, im Laufe des Lebens an solch schweren psychischen Störungen zu erkranken, rund ein Prozent. Gemäss diesen Daten, schätzt Frischknecht, wären an der Universität Zürich jährlich gut 20 Personen betroffen. Vielleicht ein paar mehr, da junge Menschen in sich verändernden Lebenssituationen häufiger an Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen erkranken als der Rest der Gesellschaft.

Hinzurechnen müsste man noch all die  «komischen Gestalten», die von aussen an die UZH kommen: Hochschulen sind ja bekanntermassen öffentliche Institutionen mit liberaler Geisteshaltung und (nicht nur bildlich gesprochen) weit geöffneten Türen.

Stichhaltige Daten dazu liegen allerdings nicht vor. Nur bei einem Teil der Betroffenen nimmt die Störung überhaupt Formen an, die von anderen, Kommilitonen oder Arbeitskollegen, als auffällig, unangenehm oder beängstigend wahrgenommen werden. Und wiederum nur ein Teil dieser Fälle wird dann schliesslich auch gemeldet. Bei der Psychologischen Beratungsstelle gehen durchschnittlich 15 solcher Mitteilungen pro Jahr ein.

Situationen mit «schwierigen» Personen

Hört man sich an diesem Nachmittag die Erlebnisse der rund 20 Seminarteilnehmenden aus verschiedenen administrativen Bereichen der Universität Zürich an, erstaunt diese vergleichsweise geringe Fallzahl zunächst. Denn alle anwesenden Mitarbeitenden können gleich von mehreren Situationen mit «schwierigen Personen» berichten.

Wie passt das zusammen? Offenbar scheut man sich, Probleme mit psychisch beeinträchtigten Menschen förmlich zu melden. Oder man ist verunsichert hinsichtlich der Frage, welches Verhalten, welche Reaktionen noch als individuelle Marotten beziehungsweise kulturelle Eigenheiten einzustufen sind und was schon als anormal gilt.

Allerdings können einige wenige Fälle erstaunlich weite Kreise ziehen, oder wie Ulrich Frischknecht es ausdrückt: «Eine einzige Person mit wahnhafter Störung kann sehr viele andere Personen auf Trab halten.» Warum? Weil psychopathologische Erkrankungen meist chronisch sind und nicht – wie etwa Belastungsreaktionen im Zuge arbeitsintensiver Prüfungen – nach einer gewissen Dauer von alleine abklingen.

Gefahr der Überforderung

Weil den Betroffenen fast immer die Einsicht in ihr irrationales Verhalten fehlt, sie sich bei Problemen also nicht an psychologische oder psychiatrische Dienste wenden, sondern an Mitarbeitende in der Verwaltung. Weil an einer Hochschule immer irgendein Ansprechpartner greifbar ist, sei es am Ausleihschalter der Bibliothek, im Sekretariat des Instituts, in der Studienberatung, bei der Zulassungsstelle. Weil diejenigen, die exponiert «an der Front» arbeiten, in der Regel zugewandte und engagierte Personen sind. Angestellte, die freundlich sein und helfen möchten. Und die gerade deswegen Gefahr laufen, sich selbst zu überfordern.

«Ich war total baff» ‒ «Ich habe mich hilflos gefühlt» ‒ «Es war frustrierend, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten soll» ‒ «Die Situation hat mich noch tagelang belastet » ‒ «Ich habe mich gefragt, wann der Punkt erreicht ist, zum Telefon zu greifen, um Hilfe zu holen». Solche Sätze fallen an diesem Seminarnachmittag häufig. Das Redebedürfnis ist gross; alle vorangegangenen und folgenden Kurse zum Thema sind ausgebucht. Wohl auch, weil die Mitarbeitenden aus den administrativen und technischen Diensten sonst wenige Möglichkeiten haben, über schwierige Alltagssituationen zu sprechen.

Einige Anlaufstellen gibt es zwar: Die Personalabteilung berät bei personalrechtlichen Fragen, die Personalkommission schlichtet bei Arbeitskonflikten, und die Abteilung Gleichstellung hilft bei geschlechtsspezifischer Diskriminierung und sexueller Belästigung. Aber für spezifisch betriebssoziologische und zwischenmenschliche Probleme, die weniger (arbeits-)rechtlicher denn psychologischer Hilfestellung bedürfen, fehlt im Universitätsgetriebe ein eigener Ansprechpartner.

Ulrich Frischknecht ist überzeugt, dass die UZH in puncto Employee Assistance Program, sprich: bei der Mitarbeiterberatung, ihre Dienstleistungen noch ausbauen könnte. «Die Zahl der ratsuchenden Personen aus der Administration, die sich an uns wenden, steigt.»

Die Feedbackkultur stärken

Aus diesem Grund will die Psychologische Beratungsstelle – in Zusammenarbeit mit der Abteilung Sicherheit und Umwelt, die die Trägerschaft für die Schulungen übernimmt – ihr bestehendes Angebot an (präventiven) Unterstützungsmassnahmen für Mitarbeitende weiterentwickeln, auch wenn nichtimmatrikulierte Personen aus formalen Gründen eigentlich nicht zu ihrer Klientel gehören.

Die Feedbackkultur stärken, so nennt Frischknecht das: den Mitarbeitenden einen geeigneten Rahmen geben, in dem sie Beschwerden formulieren und Kummer verarbeiten können. «Negatives Feedback wird noch viel zu sehr als ausschliessliche Quelle für Ärgernis betrachtet. » Dabei könne man aus Konflikten und ihrer Aufarbeitung nur lernen. Im Seminar dürfen sich auch alle ausgiebig über erlebte Krisensituationen und unerfreuliche Vorfälle aussprechen, bevor die Psychologen geeignete Handlungsoptionen vorstellen.

16.30 Uhr, Ende der Veranstaltung. Eine Blitzumfrage unter den Kursbesuchern bestätigt die Binsenweisheit, dass «einfach mal darüber reden» schon sichtlich zur Entlastung beitragen kann. Eine Teilnehmerin sagt erleichtert: «Jetzt kann ich mich endlich wieder auf die vielen erfreulichen Begegnungen am Arbeitsplatz konzentrieren.» 

Angebote für Mitarbeitende von UZH und ETH 

Die Psychologische Beratungsstellebietet Angestellten von UZH und ETH, die in der Lehre tätig sind, Studierende betreuen (Administration, Beratungsstellen, Career Services, Zulassungsstelle, Studienfachberatung) oder in Servicestellen arbeiten (Auskunftsschalter, Infodesk, Empfang) folgende Dienstleistungen: • Einzelcoachings: problematische Situationen mit Studierenden • Supervisionsgruppe: problematische Situationen in der Beratungspraxis • Netzwerk Krise & Suizid: Arbeitsgruppe mit dem Ziel, krisen- oder suizidgefährdete Studierende und Mitarbeitende zu erkennen und professionelle Hilfe zu vermitteln.

Alice Werner ist Redaktorin des Journals der UZH.

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