Nobelpreisträger Alfred Werner

Genialer Wissenschaftler und Lebemann

Vor hundert Jahren erhielt Alfred Werner als erster Schweizer Chemiker den Nobelpreis. Das Anorganisch-chemische Institut feiert dieses Jubiläum mit einer Ausstellung. Sie wurde von zwei Kantonschülern als Maturaarbeit gestaltet und zeugt von der guten Zusammenarbeit zwischen der UZH und den Schulen. Am Donnerstag findet die Vernissage statt. 

Natalie Grob

Bereit für die Vernissage: Anna Bot und Noah Geistlich mit ihrem Ausstellungsobjekt, einer Büste des Chemie-Nobelpreisträgers Alfred Werner. Werner war von 1895 - 1919 Ordinarius für Chemie an der Universität Zürich. (Bild: zVg.)

Es war im September 2012: Der Chemielehrer Reto Beeli stand vor seiner Klasse und erzählte von Alfred Werner. Er warb für die herausfordernde  Aufgabe, im Rahmen einer Maturaarbeit eine Ausstellung an der Universität Zürich über den genialen Wissenschaftler und Lebemann zu gestalten, der vor hundert Jahren den Nobelpreis erhalten hatte. Anna Bot und Noah Geistlich waren gleich Feuer und Flamme und meldeten sich nach der Stunde bei ihrem Lehrer.

Nun begann eine intensive Zeit für alle Beteiligten, vor allem aber für die Schüler.  Anfang des Jahres trafen sich Beeli und die beiden Gymnasiasten erstmals mit Roger Alberto, Irène Studer, Ferdinand Wild und Oliver Zerbe vom chemischen Institut. Die Wissenschaftler hatten im Zuge der Jubiläumsorganisation die Idee zur einer Ausstellung von Schülern für Schüler entwicklet und in Reto Beeli einen idealen Partner gefunden. Der Chemielehrer des schweizerisch-italienischen Kunstgymnasiums Liceo Artistico pflegt seit Jahren einen persönlichen Austausch mit dem Institut und engagiert sich beim Projekt Hochschulen und Gymnasium (HSGYM). Dieses hat zum Ziel, den Übergang der Schüler vom Gymnasium an die Hochschulen zu verbessern.

Professor mit 26 Jahren

Die Schüler teilten sich die Arbeit auf: Anna Bot (18) beschäftigte sich mit dem Leben von Alfred Werner und der Epoche, in der er lebte, Noah Geistlich (18) mit dessen Forschung und dem Verhältnis zu seinem grossen wissenschaftlichen Widersacher Sophus Mads Jørgensen.

Alfred Werner wurde 1866 in Mulhouse geboren. Sein Studium führte ihn in die Schweiz. Als 26-Jähriger verfasste Werner unter dem Titel «Beiträge zur Konstitution anorganischer Verbindungen» eine Arbeit, die innerhalb weniger Stunden entstand. Nach eigenem Bekunden wurde er mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und hatte plötzlich die Lösung eines Problems vor Augen, das ihn bereits seit einiger Zeit beschäftigte.

Seine Idee war revolutionär und betraf die Struktur anorganischer Komplexverbindungen: Er führte die 3-Dimensionalität in die räumliche Beschreibung dieser Verbindungen ein, und ordnete die Liganden – Atome oder Moleküle –korrekt um das zentrale Metallatom an. Bis dahin hatte sich eine räumliche Betrachtungsweise nur in der organischen Chemie eingebürgert. Noch heute bildet seine Arbeit die theoretische Basis der Komplexchemie. Ein Jahr nach dieser Eingebung wurde Werner, erst 27-jährig, Professor für Chemie an der Universität Zürich.

Werner war bei den Studierenden als Dozent beliebt und galt als ruheloser Schaffer, getrieben von der wissenschaftlichen Neugier. Seine Abende verbrachte er in Gesellschaft anderer Chemiker in Kneipen beim Jassen oder Schachspiel. Mit dem dänischen Wissenschaftler Sophus Mads Jørgensen trug er einen heftigen wissenschaftlichen Disput aus. Jørgensen glaubte nicht an Werners Theorie und zweifelte seine Forschung an. Werner wollte später seinen Kontrahenten auf der Reise zur Nobelpreisfeier treffen. Doch Jørgensen war schon so krank, dass der Besuch nicht stattfand. Alfred Werner selbst starb 1919 nur sechs Jahre nachdem er den Nobelpreis erhalten hatte an einer schweren Krankheit.

Gute Zusammenarbeit

Nachdem beim ersten Treffen das Konzept der Ausstellung festgelegt wurde, machten sich die beiden Schüler mit vollem Elan an ihre Aufgabe. Sie stöberten im Internet und recherchierten in Bibliotheken und im Staatsarchiv. Einmal besuchten sie gar einen Werner-Experten in Heidelberg. Zusammen mit Reto Beeli trafen sie sich mit Heidi Amrein vom Landesmuseum, die ihnen den Tipp gab, nicht zu detaillierte Sachinformationen in die Ausstellung einfliessen zu lassen.

Das Anorganisch-chemische Institut stand den Schülern beim Projekt hilfreich zur Seite: Roger Alberto, Leiter des Instituts für anorganische Chemie, führte Noah Geistlich in die Materie der Komplexchemie ein. Oliver Zerbe, Professor am organisch-chemischen Institut, war jederzeit für die beiden Gymnasiasten mit Rat und Tat zur Stelle. In enger Zusammenarbeit mit Irène Studer, Koordinatorin des Instituts für Chemie, entstanden die Poster für die Ausstellung nach den Ideen und Erkenntnissen der beiden Gymnasiasten.

Glanzstück: Die goldene Nobelpreis-Medaille

Ferdinand Wild, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, half bei der Beschaffung der Exponate und kümmerte sich um die Vorauswahl der Dokumente aus der Zentralbibliothek. Weitere Ausstellungsobjekte fanden sich im Institutskeller – etwa Werners Notizbücher oder seine vielfarbige Präparatesammlung. Das Wertvollste ist aber sicher seine goldene Nobelpreis-Medaille, die das Landesmuseum zur Verfügung stellt, und die jeden Abend im Tresor eingeschlossen werden muss – aus versicherungstechnischen Gründen.

Für ihre Maturaarbeit haben Schülerinnen und Schüler zwischen 60 und 80 Arbeitsstunden zur Verfügung. Anna Bot und Noah Geistlich haben ein Vielfaches dafür eingesetzt. Der Aufwand hat sich für alle Seiten gelohnt.

«100 Jahre Nobelpreis Alfred Werner – Leben für eine Revolution in der Chemie» Am Donnerstag, 29. August, ist die feierliche Eröffnung der Ausstellung «100 Jahre Nobelpreis Alfred Werner – Leben für eine Revolution in der Chemie». Um 17 Uhr findet die öffentliche Vernissage statt. Regierungsrätin Regine Aeppli und Michael Hengartner, Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und zukünftiger Rektor der Universität, sprechen Grussworte. Die Ausstellung wird bis zum 22. November im Foyer des Anorganisch-chemischen Instituts am Standort Irchel zu sehen sein. Neben der Ausstellung veranstaltet das Chemische Institut am 22. November ein Symposium für Fachleute, zu dem unter anderem zwei Chemienobelpreisträger erwartet werden. Im Herbstsemester finden zudem Fortbildungsangebote für Lehrerpersonen sowie für Kantonsschülerinnen und -schüler statt.

Natalie Grob, Redaktorin des Journals der UZH.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000