Bildungspolitik

Erfolgsmodell mit ungewisser Zukunft

Immer mehr Auszubildende streben via Berufsmaturität an die Fachhochschulen. Wie sich dieser Trend auf Dauer auf das duale Bildungssystem auswirkt, erforscht Bildungsexperte Philipp Gonon vom Erziehungswissenschaftlichen Institut der UZH. 

Marita Fuchs

«Die Berufsmaturität steht und fällt mit der Akzeptanz der Ausbildungsbetriebe», sagt Philipp Gonon, Professor für Berufsbildung. (Bild: Marita Fuchs)

Gymi oder Lehre? Heute entscheiden sich zwei Drittel der Jugendlichen eines Jahrgangs für eine Berufsausbildung. Die Wertschätzung der Berufsbildung in der Schweiz wurde früher belächelt – konservativ, bedächtig und vorsichtig seien die Bildungspolitiker in der Schweiz, die berufliche Bildung ein Auslaufmodell. Heute jedoch wird das System weltweit als Erfolgsmodell gelobt, nicht zuletzt, weil es für die rekordtiefe Jugendarbeitslosigkeit mitverantwortlich ist.

Die Entscheidung für eine Berufslehre ist keine Sackgasse. Eine der wichtigsten Innovationen im Bildungswesen der letzten zwanzig Jahre war die Schaffung von Berufsmittelschulen bereits in den 1970er Jahren und die Möglichkeit einer Berufsmaturität seit den 1990er Jahren. Damit steht den Jugendlichen, die eine Lehre absolviert haben, der Weg zur Fachhochschule und über die so genannte Passerelle sogar zur Universität offen.

Kulturell verankert

In einer aktuellen Studie zur Entwicklung und Dynamik der schweizerischen Berufsbildung konnte Bildungsexperte Professor Philipp Gonon von der Universität Zürich nachzeichnen, wie sich das duale Bildungssystem in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat. Das Forschungsprojekt rekonstruierte die institutionelle Vielgestaltigkeit der beruflichen Bildung auf kantonaler und eidgenössischer Ebene. Die Ergebnisse liegen in Buchform unter dem Titel «Herausforderungen für die Berufsbildung in der Schweiz» vor.

Gonon hebt hervor, dass das Schweizer Berufsbildungsmodell stark im Kontext von etablierten kulturellen und politischen Traditionen zu sehen ist. Die Akzeptanz der Berufsbildung, vor allem in der Deutschschweiz, hat kulturelle Wurzeln. Personen, die eine Lehre absolviert haben, gelten als praktisch und bodenständig. Anders als in England oder anderen europäischen Ländern gibt es in der Schweiz aussergewöhnliche Karrieren, die mit einer Lehre anfingen: Bankdirektoren, die einst eine kaufmännische Lehre machten, oder einflussreiche Politiker, die als Landwirte anfingen.

Auch heute noch sind viele Akademikereltern in der Schweiz nicht unglücklich, wenn sich ihre Sprösslinge für eine Lehre entscheiden. Wissen sie doch, dass auch als Koch oder kaufmännische Angestellte eine weiterführende Ausbildung möglich ist und zumindest der Weg zu einer Fachhochschule offen steht. Dieser führt über die Berufsmaturität.

Auszubildender mit Säge: In der Schweiz gelten Personen, die eine Lehre absolviert haben, als praktisch und bodenständig. (Bild: Petra Bork)

Enorme Steigerungsraten

Mit der Berufsmaturität wollte man besonders begabte Schülerinnen und Schüler fördern, sagt Philipp Gonon, Professor für Berufsbildung an der UZH. «Die fachgebundene Fachhochschulreife, wie die Berufsmaturität präziser zu benennen wäre, ist für schulleistungsstarke Jugendliche ein vielversprechender Weg, denn die Wahl einer beruflichen Grundbildung versperrt diesen Weg zur Hochschule nicht mehr», sagt Gonon. Heute beträgt die Berufsmaturitätsquote knapp 13 Prozent der 21-jährigen Wohnbevölkerung der Schweiz. In den Jahren 1994 bis 2000 waren jährlich grosse Steigerungsraten festzustellen. Heute sind es jährliche Wachstumsraten von fünf Prozent.  

Es gibt verschiedene Wege zur Berufsmaturität. Wählt ein Jugendlicher die so genannte «BM1», absolviert er neben der betrieblichen Ausbildung und der regulären Berufsschule einen Tag in der Woche die Berufsmaturitätsschule. Dazu muss der Arbeitgeber bereit sein, den Auszubildenden einen zusätzlichen Tag freizustellen.

Einige Betriebe machen das gern und hoffen, dass die oft hochmotivierten Jugendlichen nach der Ausbildung bei ihnen bleiben. Für andere Betriebe ist es schwieriger, auf die Arbeitskraft des Auszubildenden an einem Zusatztag zu verzichten. Für diese gibt es den zweiten Weg zur Berufsmaturität, den «BM2». Dazu besuchen die Jugendlichen nach der Lehre ein Jahr lang die Berufsmaturitätsschule. Die Tendenz geht Richtung BM2. «Die BM1 verliert gegenüber der BM2 laufend an Gewicht», stellt Gonon fest.  

Fachhochschulen im Zwiespalt

Trotz des Erfolgs der Berufsbildung soll 2014 die Berufsmaturität mit der Umgestaltung der Rahmenlehrpläne ein neues Profil bekommen, indem der Fokus auf mehr Allgemeinbildung gelegt wird. Dies ist nicht unumstritten, einige Betriebe befürchten, dass die Auszubildenden zu lange die Schulbank drücken und zu wenig Zeit für die praktische Ausbildung bleibt.  

«In Zukunft jedoch sollten mehr Betriebe bereit sein, in die Allgemeinbildung zu investieren», sagt Gonon, der gerade in diesem Punkt ein Manko in der bisherigen Berufsbildung sieht. In vielen Berufen steigen die Anforderungen. Wenn dem nicht so wäre, dann würden schulleistungsschwächere Jugendliche auch bei uns heute problemlos eine Lehrstelle finden, was nicht mehr der Fall ist.

Auch die Quote der Übertritte an die Fachhochschulen und die Erfolgsaussichten der Berufsmaturanden lassen nach Ansicht Gonons noch Wünsche offen. Es ginge darum, in gewissen Branchen und Regionen die Quote und insgesamt die Qualität der Berufsmaturität weiter zu steigern.

Das wird von Fachhochschulseite bestätigt. Seit der Einführung der Berufsmaturität beklagen die Fachhochschulen eine zum Teil nicht ausreichende, insbesondere aber auch eine heterogene Vorbildung. Den Fachhochschulen wird umgekehrt unterstellt, sie wichen zu stark vom ihnen zugedachten Profil ab und bewegten sich Richtung universitären Status.

Die berufliche Bildung in der Schweiz sei gut aufgestellt, doch dürfe man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern müsse in der Ausbildung den wandelnden Anforderungen der Arbeitswelt gerecht werden, bilanziert Gonon.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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