Neue Ausdrucksformen von Kirche

Kirche für Skater

Jeder Generation das Evangelium auf neue und frische Art zu verkünden – das ist die Idee der «Fresh Expressions of Church» in England. Dabei sprechen sie Menschen an, die sonst nur schwer Zugang zur Kirche finden. Und das mit Erfolg. Mehr über das Thema «Kirche im Umbruch» lesen Sie in der neuesten Ausgabe des «facultativ», dem Magazin der Theologischen Fakultät. 

Sabrina Müller

Mit jugendlichen Skateboardern über Gott diskutieren: Jugendkirche in Nord Bradford. (Bild: zVg)

Beim Nachdenken, wie die reformierten Kirchen in der Schweiz in Zukunft aussehen könnten, kann uns ein Blick auf die Church of England neue Impulse geben. In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit der englischen Landeskirche und bin immer wieder aufs neue fasziniert von der Vielfältigkeit und Kreativität, mit welcher die «Fresh Expressions« Wege finden, Kirche bei den Menschen zu sein.

Im Ordinationsgelübde der Church of England heisst es, die Kirche habe den Auftrag, jeder Generation neu das Evangelium «afresh» zu verkünden. Daher stammt der Name des Konzepts. Fresh Expressions of Church werden seit 2004 offiziell als eigenständige anglikanische Kirchen anerkannt und seither von der Kirche von England gefördert, obwohl dadurch bestehende Strukturen des Pfarrbezirks gelockert werden mussten. Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, schrieb dazu, es gebe viele Formen und Wege, in denen die Realität «Kirche» existieren könne. Das territoriale Prinzip sei nur eines davon.

Die Kirchen bauen, wo die Menschen sind

Fresh Expressions teilen zentrale Grundwerte wie Zuhören, diakonisches Handeln, inkarnierende Mission und gelebte Spiritualität. Sie sind auf Menschen ausgerichtet, die keinen oder nur schwer Kontakt zur Kirche finden. Deshalb weisen die meisten Fresh Expressions eine starke «Geh-Struktur» auf. Das heisst, sie gehen zu den Menschen und bauen dort Kirche, wo sie sind, in ihrem jeweiligen Kontext. DasModell Fresh Expression gibt es nicht. Offiziell werden zwölf verschiedene Formen von Fresh Expressions aus allen theologischen Strömungen anerkannt, wie Netzwerkkirchen, Kaffeekirchen, Jugendkirchen, schulische und schulbezogene Gemeinden. An der Polzeath Beach entstand eine Surferkirche. Eucharistiefeiern werden für Leute aus der Gothic-Szene in Cambridge angeboten. Es gibt Zellkirchen unter Polizisten, monastische Weggemeinschaften entstehen in der Grossstadt. Kirche findet in Fitnesscentern statt.

Zum Beispiel die Jugendkirche im Skater Park

«Sorted» ist eine Kirche für Jugendliche in Nord Bradford, einer sozial schwachen Gegend. Es begann 2004 mit einem Skateboarder, der mit anderen jungen Skateboardern über Gott diskutierte und die Idee hatte, eine Kirche für die Jugendlichen dieser Gegend zu gründen. Zuerst stellte eine Schule der kleinen Gruppe jeden Freitagabend einen Raum zur Verfügung. Immer mehr Jugendliche kamen, sie spielten Fussball, waren auf ihren Skateboards unterwegs und setzten sich mit Gott und ihrer persönlichen Spiritualität auseinander. Heute treffen sich regelmässig 130 Jugendliche zu selbst gestalteten Gottesdiensten, Diskussionsgruppen, Essen und sportlichen Aktivitäten. Erst kürzlich wurde Sorted vom Bischof von Bradford als eigenständige anglikanische Kirche anerkannt.

Hinschauen lohnt sich

Die Fresh Expressions nun schon zum zweiten Mal Ziel der Studienreise der Vikarinnen und Vikare. Wir wollen das Phänomen der schon weit mehr als 1000 Fresh Expressions vor Ort beobachten und uns Gedanken über die «Volkskirche» machen. Denn die Kirche von England meistert den Balanceakt zwischen Tradition und Innovation hervorragend. Sowohl alte, traditionelle, als auch neue, innovative Formen von Kirche werden wertgeschätzt, gefördert und als Kirchen anerkannt.

Sabrina Müller  befasste sich im Rahmen ihrer Dissertation zum Thema: «Fresh Expressions of Church – Innovation und Tradition in der Church of England» mit den neuen Formen von Kirche in England. Ihr Artikel erschien in der neuesten Ausgabe des «facultativ», dem Magazin der Theologischen Fakultät.

Pfrn. Sabrina Müller ist Doktorandin in Praktischer Theologie.

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