Studienreform

Gesamtkunstwerk Studium

Seit der Studienreform kommt den Programmverantwortlichen eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der Lehre an der Universität Zürich zu. Doch worin genau besteht ihre Aufgabe? Programmverantwortliche aus der Ökonomie, der Geografie und der Politikwissenschaft geben Einblick in ihre Arbeit. 

Sabine Witt

«Bei Netzwerktreffen kommen die praktischen Probleme zur Sprache.» Programmverantwortliche für die Politikwissenschaften: Ursina Wälchli (l.) und Petra Holtrup. (Bild: Frank Brüderli)

«Ich spanne einen Schirm auf», sagt Petra Holtrup. Mit diesem Vergleich beschreibt sie ihre Aufgaben als Programmverantwortliche am Institut für Politikwissenschaft. Sie bringt die Lehrstühle zusammen, verknüpft die Studienangebote, sorgt dafür, dass Berufsperspektiven und die Bedürfnisse der Studierenden bei der Angebotsgestaltung berücksichtigt werden. Ziel ist, die Studienprogramme weiter zu optimieren.

Vor der Bolognareform verantworteten die Lehrstühle ihr Studienangebot. Der Professor oder die Professorin entwarf das Lehrprogramm nach Forschungsinteresse und weniger mit Blick auf übergreifende Qualifikations- oder Lernziele. Heute werden die Studienprogramme in Gremien oder Kommissionen erstellt, in denen neben Professorinnen und Professoren die Verantwortlichen für den Bereich Lehre, mitunter Budgetverantwortliche und auch Studierende ein Wörtchen mitreden. «Die Lehre wird programmbezogen entwickelt», erklärt Thomas Hidber, Leiter Studienangebotsentwicklung.

«Die Gestaltung von Lehrprogrammen muss im Kern das Geschäft der Professorenschaft sein», Programmverantwortliche für die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Professorin Uschi Backes-Gellner. (Bild: Frank Brüderli)

Freie Wahl der Programmverantwortlichen

2008 definierte die Universitätsleitung die Funktion der Programmverantwortlichen, die seitdem die Prozesse zur Entwicklung und Qualitätssicherung leiten und koordinieren sollen. Wem sie die Programmverantwortung übertragen möchten, können die Fakultäten selbst festlegen. An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät entschied der Fakultätsausschuss, dass Programmdirektoren Professorinnen oder Professoren der Fakultät sein sollten.

«Damit erhält die Funktion die ihr zustehende Bedeutung», sagt Programmdirektorin Uschi Backes-Gellner, die das Amt schon ausübte, bevor es die Funktion offiziell gab. Die Gestaltung von Lehrprogrammen müsse im Kern das Geschäft der Professorenschaft sein. «Nur so kann die Humboldtsche Idee der Universität wirklich aufrechterhalten und gelebt werden.» Unterstützt werden die Direktoren der Studienprogramme von Koordinatoren, Backes-Gellner etwa bei den operativen Aufgaben von einem Assistierenden an ihrem Lehrstuhl.

Im Prozess der Lernzielfindung: Yvonne Scheidegger, Leiterin des Ressorts Lehre und Programmverantwortliche am Geographischen Institut. (Bild: Frank Brüderli)

Neue Schlüsselrolle entstanden

Es gibt an der UZH auch Fakultäten, an denen nicht das Lehrpersonal die Funktion ausübt, etwa am Institut für Politikwissenschaft, wo sich eine Geschäftsführerin und eine Studienberaterin die Programmverantwortung teilen.

Gut zwei Drittel der Programmverantwortlichen sind inzwischen bestimmt, allerdings unter verschiedenen Bezeichnungen. «Der neue Begriff irritierte anfänglich», sagt Thomas Hildbrand, Bereichsleiter Lehre. Wurde nicht einfach alter Wein in neue Schläuche gegossen? Er verneint: «Es ist eine neue Schlüsselrolle.» Hier laufen alle Informationen zusammen, die die Studienprogramme betreffen.

Neu ist, dass das Studienangebot von einer veränderten Perspektive her gedacht wird: nicht mehr von der einzelnen Lehrveranstaltung, sondern «vom Gesamtkunstwerk Studium», so Hildbrand. Das Studienangebot wird somit aus der Perspektive dessen, was Studierende am Ende des Studiums können sollen, konzipiert.

Uschi Backes-Gellner bestätigt, dass auch an ihrer Fakultät heute viel mehr darauf geachtet würde, dass die Studierenden bestimmte Lernziele erreichten. Auch an anderen Fakultäten werden Lernziele neu formuliert oder überarbeitet. Am Geographischen Institut ist Yvonne Scheidegger Leiterin des Ressorts Lehre und zugleich Programmverantwortliche, wobei sie die Verantwortung zusammen mit dem Institutsdirektorium trägt. Sie leitet die Gremien und koordiniert die Arbeitsgruppen, die derzeit die Inhalte des Bachelorstudiengangs überarbeiten.

Im Zentrum stehen die Lernziele, die mithilfe von Vertretern der Abteilung Hochschuldidaktik und auch Studierendenvertretern des Fachvereins profiliert werden und helfen sollen, Lücken oder Überschneidungen in bestehenden Lehrangeboten zu beseitigen. Thomas Hildbrand regte die Gründung eines Netzwerks der Programmverantwortlichen an, damit sich diese austauschen können. Beim jüngsten Treffen referierte Yvonne Scheidegger über den Stand der Lernzielentwicklung: «Wir fanden keine verschriftlichten Studiengangsziele in vergleichbaren Curricula, an denen wir uns hätten orientieren können. Deshalb berichteten wir selber, wo wir uns im Prozess der Lernzielformulierung befinden.»

Kooperation bei der Lehrentwicklung

Bei den Netzwerktreffen kommen die praktischen Probleme zur Sprache. Das schätzt die Studienberaterin Ursina Wälchli, die am Institut für Politikwissenschaft den administrativen Part der Funktion ausfüllt. Für sie war es etwa hilfreich zu hören, wie andere Verantwortliche Probleme bei der Anrechnung von Studienleistungen lösen.

Bologna hat die universitäre Lehrentwicklung weiter rationalisiert. Davon zeugt die junge Funktion der Programmverantwortung. Diese repräsentiert auch einen kulturellen Wandel, und zwar von der autoritativen zur kooperativen Gestaltung der Lehre: Die Interessen jener, die sie betrifft, fallen nun mehr ins Gewicht.

Sabine Witt ist Journalistin.

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