Sommerlektüre

Was Professoren & Co. empfehlen

Die einen vertiefen sich in die Familiengeschichte der Generalin von Palinkow und ihrer adligen Verwandtschaft. Andere tauchen ein in das Leben des Viehdoktors Irminger im Strudel der französischen Revolution. Die Dritten lesen portionenweise im «Handbuch des Lebens». Achtzehn Lektüretipps für den Sommer. 

Redaktion UZH News

Lektüre am Strand: Achtzehn Tipps für heisse Sommertage.



Björn Bartling
ist Oberassistent am Departement für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Für die Sommerferien empfiehlt er:

Richard H. Thaler/Cass R. Sunstein, Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstösst, Ullstein, Berlin 2011. 389 Seiten.

«Liberaler Paternalismus» – ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick. Richard Thaler, Ökonom, und Cass Sunstein, Jurist, argumentieren überzeugend und unterhaltsam, dass Menschen nicht immer optimale Entscheide treffen – für klassische Ökonomen ein Affront. Und dann auch noch für Paternalismus plädieren? Bei Thalers und Sunsteins Diskussionen mit ihren Kollegen an der University of Chicago – Hort der Marktdogmatiker – wäre man gern dabei gewesen. Liberaler Paternalismus bedeutet, kluge Entscheide «anzustossen», gleichzeitig aber nicht die individuelle Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Dabei kann es um einfache Dinge gehen, etwa an der Mensakasse Früchte und nicht Schoggiriegel auf Augenhöhe zu platzieren, aber auch um fundamentale Fragen, welche die eigene Lebenssituation langfristig beeinflussen können.

Keyserling: Wellen (Bild: PD)

Mit ins Reisegepäck kommt:

Eduard von Keyserling, Wellen, München, Manesse 2011. 256 Seiten.

Ein malerischer Badeort an der Ostsee: Generalin von Palikow hat ihre Familie zur Sommerfrische geladen. Heitere Idylle? Von wegen: Unter dem Deckmantel des Kultiviertseins werden Machtpositionen abgesteckt, Freiheiten ausgelotet, Beziehungen geknüpft und zerstört. Keyserling zelebriert in «Wellen», erstmals erschienen vor genau hundert Jahren, meisterhaft die Theatralität der damaligen Adelsgesellschaft – vor perfekter Ferienkulisse. Ein Sommerklassiker. Für die Ost- und jede andere See.

Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch (Bild: PD)


Edouard Battegay ist Professor für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät und Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich.

Für die Sommerferien empfiehlt er:

Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2010 (32. Auflage). 304 Seiten.

Das Buch lässt mit humorvollen, sprachkräftigen und wunderbaren Anekdoten ein lebendiges und eigenwilliges Milieu der ungarisch-österreichischen Monarchie und der Zwischenkriegszeit aufleben, vor allem in Wien und Prag. Diese Welt der Kultur mit ihrer Lebensweisheit und ihren farbenfrohen, manchmal skurrilen Individuen existiert nicht mehr. Der Nationalsozialismus hat sie unwiederbringlich zerstört. Trotzdem prägt sie uns immer noch nachhaltig weiter. Humor und Erinnerung in der Einzelanekdote kontrastieren mit Wehmut über die Zerstörung und Einebnung des Individuellen als übergeordnetem Motto.

Mit ins Reisegepäck kommt:

Fritz B. Simon (Hrsg.), Vor dem Spiel ist nach dem Spiel, Carl-Auer-Systeme Verlag GmbH, Heidelberg 2009. 197 Seiten.

Fussball nimmt in unserer Gesellschaft und weltweit eine wichtige Rolle ein. Das Buch von Fritz Simon ist eine Zusammenstellung verschiedener Beiträge aus systemischer und soziologischer Sicht auf den Fussball. Fussball ist Spiegelbild einer multikulturellen Welt mit Spielregeln, Systemansätzen, Strategien, Taktiken, Stilen, Führung, Kommunikation und Business. Und im Zentrum steht, ich zitiere den Herausgeber, «etwas ziemlich Aufgeblasenes: ein Ball!».

Sutters Chirurgus (Bild: PD)

Sara I. Fabrikant ist Professorin für Geographie am Geographischen Institut.

Für die Sommerferien empfiehlt sie:

Erich Sutter, Irminger, Chirurgus. Roman einer Ärztefamilie (1769–99), Zytglogge Verlag, Bern 2011. 312 Seiten.

Über das abenteuerliche Leben der Pfaffhauser Quacksalber und Viehdoktoren im Strudel der Französischen Revolution.

Mit ins Reisegepäck kommt:

John Irving, Last Night in Twisted River, Random House, New York 2010. 592 pages.

Wieder ein sogenannter «page turner» von meinem Lieblingsautor John Irving, der seine Geschichten jeweils mit dem letzten Satz des Buches zu entwickeln beginnt: «He felt that the great adventure of his life was just beginning as his father must have felt, in the throes and dire circumstances of his last night in Twisted River …».

Gustaffsson, Blomqvist: Alles, was man braucht. (Bild: PD)

Heiko Hausendorf ist Professor für Deutsche Sprachwissenschaft am Deutschen Seminar.

Für die Sommerferien empfiehlt er:

Lars Gustafsson, Agneta Blomqvist, Alles, was man braucht. Ein Handbuch für das Leben, Hanser Verlag, München 2010. 336 Seiten.

Eine eigenwillige Ansammlung von Stichwörtern, alphabetisch geordnet, von «Abraxas» über Einträge wie «Berlin», «Das äusserst ärgerliche Ding an sich», «Ingwerbirnen», «Motten» und «Urban Sprawl» bis zu «Zusammenleben» und «Zwillingsschaft und andere Liebe»; kleine Lektüreportionen, alltäglich und philosophisch, biographisch und enzyklopädisch, die zeigen, wie unterhaltsam es sein kann, dem Alphabet als Ordnungsprinzip zu vertrauen.

Mit ins Reisegepäck kommt:

Georges Perec, Das Leben. Gebrauchsanweisung, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag 1991 (auch bei Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2001). 894 Seiten.

Dieses Handbuch ist eine Gebrauchsanweisung für das Leben als Puzzle: ein grosses Pariser Mietshaus, das mit seiner Architektur als Ordnungsprinzip fungiert, um Geschichte(n) zu erzählen, von denen, die in diesem Haus gelebt haben und die irgendwie ein Ganzes ergeben – wenn man die Teile richtig zusammensetzt. Lektüre als Spiel, für das es so etwas wie Ferien braucht, also das Richtige zum Mitnehmen.

Philip Roth: Nemesis (Bild: PD)

Konrad Schmid ist Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Theologischen Fakultät.

Für die Sommerferien empfiehlt er:

Philip Roth, Nemesis, Carl Hanser Verlag, München 2011 (7. Auflage). 224 Seiten.

Auch wenn manche Bücher von Philip Roth ermüdend sein können, dieses ist ein Meisterwerk. Es erzählt die Geschichte von Bucky Cantor, der 1944 als Sportlehrer eine Polioepidemie in Newark miterlebt, die sein späteres Leben nachhaltig prägen wird. Das Buch ist ein in atemberaubender Weise zugleich schlichtes und komplexes Stück Literatur, das durch seine Schnörkellosigkeit überzeugt.

Mit ins Reisegepäck kommt:

Michael Hampe, Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs: Die Gesetze der Natur und die Handlungen des Menschen, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft,  Frankfurt a.M. 2007. 201 Seiten.

Dass Regularitäten in der Natur und im Kosmos in gesetzlicher Terminologie beschrieben werden können, war bereits der babylonischen Astronomie und der alttestamentlichen Literatur geläufig. Weiss das auch die Philosophiegeschichte, und wenn nicht, weshalb nicht?

Ennio Flaiano: Alles hat seine Zeit (Bild: PD)

Christian Schwarzenegger ist Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie sowie Prodekan Lehre der juristischen Fakultät.

Für die Sommerferien empfiehlt er:

Ennio Flaiano, Alles hat seine Zeit, Manesse Verlag, München 2009. 512 Seiten.

Der Drehbuchautor von Federico Fellini schildert in diesem Roman die Geschichte eines namenlosen Tenente der italienischen Armee während des Äthiopienfeldzuges (1935/36). In der grossartigen, abessinischen Naturlandschaft verirrt sich der Protagonist nach einem Lastwagenunfall in einer Talsenke. Dort trifft er auf eine junge Einheimische beim Baden. Die Geschichte birgt eine überraschende Wende. Gleichzeitig handelt sie von den zeitlosen Themen der Liebe und des Zerfalls, der Hoffnung und der Verzweiflung, der Schuld und der Läuterung.

Mit ins Reisegepäck kommt:

Junichiro Tanizaki, Naomi oder eine unersättliche Liebe, Rowohlt Verlag, Berlin 1986 (nur antiquarisch). 134 Seiten.

In den Reisekoffer nach Japan gehört ein japanischer Autor. Tokyo in den 1920er Jahren, eine Mischung aus japanischer Ästhetik und westlicher Moderne.

Simenon: Die Ferien des Monsieur Mahé (Bild: PD)

Vreni Traber ist Verwaltungsassistentin in der Abteilung Dozierende an der Universität Zürich.

Für die Sommerferien empfiehlt sie:

Georges Simenon, Die Ferien des Monsieur Mahé, Diogenes Verlag, Zürich 2011. 176 Seiten.

Monsieur Mahé macht mit seiner Familie Ferien auf der Mittelmeerinsel Porquerolles. Diese neue Umgebung wühlt ihn auf und verändert sein Leben. Ausnahmsweise ein Simenon-Roman ohne Verbrechen. Aber nicht weniger spannend.

Der Diogenes Verlag gibt Simenons Werke neu übersetzt in sehr hübschen Bändchen heraus. Einziger Wermutstropfen: Das Buch erscheint leider erst im November. Umso grösser ist die Vorfreude.

Mit ins Reisegepäck kommt:

Meir Shalev, Meine russische Grossmutter und ihr amerikanischer Staubsauger, Diogenes Verlag, Zürich 2011. 288 Seiten.

Meir Shalev ist einer der bekanntesten und beliebtesten israelischen Schriftsteller. Ich habe von ihm fast alles gelesen und bin noch nie enttäuscht worden. Seine Geschichten sind traurig, lustig, spannend, absurd, aber immer liebevoll.

Auf das neue Buch freue ich mich besonders, weil es zwar Roman genannt wird, aber ein sehr persönliches Porträt von Shalevs Grossmutter ist. 

Norman Lembrecht: Why Mahler? (Bild: PD)

Christoph Zollikofer ist Professor für Anthropologie.
Für die Sommerferien empfiehlt er:

Norman Lebrecht, Why Mahler? How One Man and Ten Symphonies Changed  
Our World
, Pantheon Books, New York 2010. 336 pages.

Eine sehr persönliche Annäherung an Biographie, Breiten- und Tiefenwirkung des widersprüchlichsten Wegbereiters der modernen und postmodernen Musik. Brillant, unterhaltend und mit Weitblick geschrieben.

Mit ins Reisegepäck kommt:

Honoré de Balzac, Le Cousin Pons, Diogenes Verlag, Zürich 2009 (franz. Original 1847). 432 Seiten.

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