Sprache und Wissenschaft

Unser aller Englisch

Die Wissenschaft spricht Englisch – auf unterschiedlichem Niveau. Ist das schlimm? Die Hochschul-Sprachdidaktik gibt Entwarnung: Perfektion ist nicht das Ziel. Und obwohl Deutsch und Englisch eine besondere Position einnehmen, hält die Universität Zürich an der Mehrsprachigkeit fest, ohne jedoch zwingende Vorgaben zu machen.

Markus Binder2 Kommentare

Briten und US-Amerikaner sind nicht zu beneiden; sie sind zu einer kleinen Minderheit geworden. Gerade noch einen Fünftel machen diese Muttersprachler unter den Englischsprechenden dieser Welt aus; vier Fünftel sprechen Englisch als Zweitsprache, zum Teil sehr gut, zum Teil gebrochen und zum Teil ziemlich kreativ – also in manchen Ohren schlicht falsch.

Teatime mit Patricia Pullin und Sabina Schaffner, Sprachenzentrum Universität Zürich und ETH Zürich: «Nationale Sprachen dürfen nicht aufgegeben werden.» (Bild: Frank Brüderli)

Dieses neue Phänomen untersucht die finnische Linguistikprofessorin Anna Mauranen von der Universität Helsinki in ihrem Projekt «English as a Lingua Franca in Academic Settings». Sie will wissen, wie sich das Englisch verändert und was daraus für den Englischunterricht gefolgert werden kann. Dazu hat sie 650 Menschen mit 51 verschiedenen Muttersprachen beim Englischsprechen auf den Mund geschaut und eine Million Wörter aufgenommen.

Lerne, den Inder zu verstehen

Ihre Erkenntnisse: Die verschiedenen Englisch-Versionen sind gar nicht so verschieden. Die häufigsten Formulierungen zum Beispiel sind dieselben bei Muttersprachlern wie bei Zweitsprachlern: «I don't know», «you have to» oder «a little bit». Die Unterschiede aber sind spannend und führen dazu, dass Englisch heute an den Universitäten anders unterrichtet wird als noch vor zehn Jahren. Wer das Englische als Instrument erlernt, um sich im akademischen Alltag durchzuschlagen, will nämlich vor allem verstanden werden.

Anna Mauranen folgert daraus für den Englischunterricht, dass nicht die individuelle Leistung aus der Perspektive des Muttersprachlers, sondern die effektive Kommunikation getestet werden sollte. «Die Umgebung, in der Englisch gesprochen wird, ist heute viel weniger vorhersehbar als früher», sagt Mauranen.

Sie findet daher, dass man sich beim Lernen darauf konzentrieren sollte, was für das Verständnis wirklich wichtig ist. Dazu gehört, dass man die verschiedenen Akzente verstehen lernt. Mauranen: «Die Wahrscheinlichkeit, dass man einen Inder Englisch sprechen hört, ist in naturwissenschaftlichen Fächern sehr gross und die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn zuerst nicht versteht, ebenfalls.»

Englisch ist dein Master

Am Sprachenzentrum der Universität Zürich und der ETH Zürich, das die finnische Wissenschafterin kürzlich für einen Vortrag eingeladen hat, werden diese Erkenntnisse im Unterricht bereits umgesetzt. Das Angebot an Englischkursen ist breit und stark auf den akademischen Gebrauch ausgerichtet: zum Beispiel aufs Zuhören und Verstehen in einer Vorlesung oder auf das Schreiben einer Arbeit in Englisch.

Nachdem immer mehr Masterprogramme ausschliesslich in Englisch durchgeführt werden, steigt auch die Zahl jener markant, die sich im Sprachenzentrum auf ihre englische Masterarbeit vorbereiten. «Die Bedürfnisse haben sich gewandelt», sagt Patricia Pullin, Fachschaftsleiterin Englisch, «vor fünf Jahren kamen viele Studierende, um das Englisch für die Ferien aufzubessern, heute geht es ganz gezielt um den akademischen Gebrauch.»

Auch die Zahl der Kursteilnehmenden hat zugenommen; 2005 waren es 1600, heute sind es 2200 in rund 110 Englischkursen pro Jahr. Hinzu kommen massgeschneiderte Kurse an Instituten oder für Einzelpersonen.

Englisch ist nicht des Teufels

Hinter diesen linguistischen und didaktischen Fragen des Englischunterrichts stehen die politischen Fragen nach der Dominanz des Englischen und der Pflege der Landessprachen. Mauranen warnt davor, das Englische zu verteufeln: «Wenn Sprache das Denken beeinflusst, dann kann es nicht schaden, mehrsprachig zu sein, um sich von einem einzigen Denksystem zu befreien.»

Voraussetzung dafür ist eine solide Basis in der eigenen Sprache: «Alle Kurse in Englisch zu unterrichten ist Unsinn, und mit Blick auf die Zitierindices alles in Englisch zu publizieren ebenfalls», sagt Mauranen.

Ähnlich die Position des Sprachenzentrums: «Wir brauchen eine Sprachenpolitik mit klaren Kriterien, welche Veranstaltungen und Programme in welcher Sprache unterrichtet werden sollen», sagt die Leiterin Sabina Schaffner. «Man muss sich gut überlegen, was die Studierenden lernen sollen.» Keinesfalls dürften die nationalen Sprachen aufgegeben werden.

Keine Vorgaben der Universität

Die Universittä Zürich will allerdings zu den Sprachen keine übergreifenden Vorgaben machen. Das sei nicht sinnvoll, findet Otfried Jarren, Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Universität Zürich sei als international ausgerichtete und gut profilierte Forschungsuniversität nicht primär auf eine Sprache fokussiert, sondern pflege die Mehrsprachigkeit.

«Klar ist aber, dass Deutsch und Englisch aus je unterschiedlichen Gründen eine besondere Position haben.» Deutsch sei als Sprache der Lehre auf allen Studienstufen zentral. «Umgekehrt ist auch klar, dass Englisch als Sprache des Austausches in internationalen Wissenschaftsnetzen für die wohl meisten Fachrichtungen unbestritten die wichtigste Sprache geworden ist.» Deshalb biete man am Sprachenzentrum auch eine Vielzahl von Sprachen an.

Das Englische könnte allerdings in Zukunft auch wieder an Wichtigkeit verlieren, glauben Pullin und Schaffner vom Sprachenzentrum. Nicht weil es als Lingua franca bald schon ausgedient hätte, sondern weil die Studierenden schon mit einem höheren Englischniveau an die Universität kommen und andere Sprachen an Bedeutung gewinnen werden.

Die ungekürzte Version dieses Artikels erschien in: «Journal. Die Zeitung der Universität Zürich», 6/10, S. 3.

Markus Binder ist Journalist in Zürich.

2 Leserkommentare

Natalie Struve schrieb am Irgendwie verstanden zu werden genügt nicht Ich kann Anna Mauranen nur zustimmen, daß man sich vorrangig um effektive Kommunikation bemühen muß und dazu eben auch gehört, verschiedene Akzente zu verstehen. Nicht glauben mag ich aber, daß grobe Fehler im Gebrauch einer Fremdsprache regelmäßig ohne Einfluß auf diese Kommunikation bleiben: Denn gerade wissenschaftlicher Diskurs braucht Präzision, und an der mangelt es nun einmal, wenn man in einer Sprache schreibt, die man nur begrenzt zu nutzen weiß. Gegen Englisch als Lingua Franca der Wissenschaften habe ich gar nichts einzuwenden – allerdings sollte man dann auch entsprechende Sprachkenntnisse fordern und fördern, und zwar sowohl bei Studenten wie auch bei Dozenten. Wenn in bestimmten Fächern praktisch nur noch auf Englisch publiziert wird, dann sollte der Sprachnachweis zu den Zulassungsvoraussetzungen gehören und erst recht zu denen der Berufung, ebenso eine sinnvolle Sprachausbildung zum Kanon.
G. Pulver schrieb am Lingua Franca Nach rund 11-jähriger Tätigkeit an der Universität Zürich und jahrzentelanger Tätigkeit in der Privatwirtschaft in internationalem Umfeld, muss erlaubt sein zum Sprachenwirrwarr und daraus resultierenden Problemen (sprich Mehrarbeit,) an der deutschsprachigen Universität Zürich einiges anzumerken: Wenn sich die Universität Zürich in erster Linie als wichtige Forschungsuniversität sieht, dann sind unverzüglich die Arbeiten für die Uebersetzungen sämtlicher Reglemente, Verordnungen,usw. auf englisch in Auftrag zu geben. Wer A sagt muss B sagen. Und das will man aus politischen und finanziellen Gründen nicht! Tausende von Arbeitsstunden werden investiert, versanden. Mit sauberen Entscheidungen und Finanzierung in Uebersetzungen statt alle 10 Jahreein neues Corporate Design zu finanzieren, wäre vielen, sehr vielen gedient.

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