Tätowierungen

Tattoo-Farben, so giftig wie Autolack

Tätowierungen sind cool. Die Kehrseite: Die unter die Haut geritzten Farbpigmente enthalten schädliche Stoffe, die für immer im Körper bleiben und sich in den Lymphknoten ablagern. Dermatologie-Professor Reinhard Dummer vom Universitätsspital Zürich fordert im Interview mit UZH News eine Deklarationspflicht für Tattoo-Farben. 

Marita Fuchs

Ein Nachmittag im Schwimmbad bringt es an den Tag. Tätowierungen sind derart verbreitet, dass man bestenfalls damit auffällt, keine zu besitzen. Sogar die Gattin des deutschen Bundespräsidenten trägt ein Tattoo. Genauso wie Sissi. Die österreichische Kaiserin Elisabeth liess sich 1888 mit 51 Jahren einen Anker auf die Schulter tätowieren. Kaiser Franz Joseph war entsetzt.

Professor Dummer, gibt es Personen, die sich nicht tätowieren lassen sollten?

Ja, die gibt es. Zum Beispiel Patienten mit Immunsuppression, etwa bei HIV-Erkrankungen. Oder Personen, die besonders infektionsgefährdet sind, etwa Patienten mit Herzklappenfehlern, da ernsthafte infektiöse Komplikationen auftreten können. Vorsicht ist auch bei Allergikern angebracht. Sie können auf die Tattoo-Farben und darin enthaltene Duftstoffe heftig reagieren.

In seltenen Fällen kommt es bei einer Tätowierung auch zu einer unerwünschten Narbenbildung, so genannten Keloiden, einer Gewebswucherung. Ob man zu solchen Wucherungen neigt, sollte man vorher beim Hautarzt abklären lassen.

Welche Farben und Farbstoffe lösen am ehesten Allergien aus?

Es sind vor allem rötliche und grüne Farben. Und weil es keine Deklarationspflicht für Tattoo-Farben gibt, weiss man auch nicht, was den Pigmenten alles beigemischt wird. Die Farben enthalten Metalle, Kohle, Eisenverbindungen und andere Chemikalien. Besonders brisant sind Metallic-Farben, die für glitzernde oder glänzende Tattoos eingraviert werden. Die dazu verwendeten Farben haben komplizierte chemische Verbindungen und sind vergleichbar mit Farben, die zum Beispiel in der Autolackiererei verwendet werden.

Als Mediziner staune ich, wie blauäugig Leute eine Tätowierung mit nicht deklarierten Stoffen vornehmen lassen. Die Chemikalien gehen ja unter die Haut und bleiben lebenslang im Körper. Bei einem Medikament wäre das nicht möglich. Vor der Zulassung muss lange getestet werden und es besteht natürlich eine Hinweispflicht, ganz abgesehen davon, dass Medikamente zu 90 Prozent wieder ausgeschieden werden.

Tätowierer bei der Arbeit: «Metallic-Farben sind besonders brisant.» (Bild: Michael Deschenes)

Gibt es gesetzlichen Vorschriften für Tätowierungen?

Seit dem 1. Januar 2008 gelten in der Schweiz Vorschriften zur Sicherheit von Tätowierungen. Das Bundesamt für Gesundheit hat in 16 Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein 152 Proben von Tätowier-Farben erheben lassen. Die Farben wurden auf ihre mikrobiologische Reinheit, die chemische Zusammensetzung und die korrekte Etikettierung überprüft. Nur 32 Proben (21 Prozent) entsprachen geltenden gesetzlichen Vorschriften. Handlungsbedarf besteht insbesondere bei der chemischen Zusammensetzung und der Deklaration der Farben.

Meiner Ansicht nach reagieren die Behörden verzögert, weil Tätowierungen lange eher in Randgruppen der Gesellschaft, bei Seeleuten oder Prostituieren vorkamen. Dass mittlerweile sehr viele, vor allem junge Leute, sich tätowieren lassen, beachten die Behörden kaum. Die Firmen, die die Farben für Tätowierungen herstellen, müssten gezwungen werden, ihre Substanzen zu deklarieren. Heute können sie sich darauf berufen, dass sie ihre speziellen Rezepte nicht bekannt geben wollen. Ich bin übrigens auch davon überzeugt, dass einige Mischungen Dioxin enthalten.

Was macht einen guten Tätowierer aus?

Ein guter Tätowierer macht sich nicht sofort daran, die Haut mit Nadeln zu punktieren. Er berät seine Kunden, fragt die medizinischen Risiken ab und arbeitet hygienisch einwandfrei mit Mund- und Handschutz und mit guten Geräten, die die Nadeln 0.2 bis 0.5 mm unterhalb der Hautoberfläche gleichmässig setzen. Wird zu tief nachgestochen, kann schon mal Blut fliessen und die Farbe verläuft unter der Haut. Das Ergebnis sind dann Tätowierungen mit unregelmässiger Farbintensität, die sich auch schlechter entfernen lassen.

Am Universitätsspital setzen Sie zur Entfernung eines Tattoos einen «Q-switched Laser» ein.

Ja, das ist eines der weltweit  modernsten Lasergeräte zur Entfernung von Tattoos. Es arbeitet mit selektiver Thermolyse: Kurze Laserimpulse im Nanosekundenbereich erwärmen die Farbpartikel in der Haut, diese zerspringen dabei in einzelne Teilchen. Bei farbigen Tattoos wird gleichzeitig mit mehreren Lasern gearbeitet, die blaue, rote oder schwarze Farben entfernen. Besonders schwierig zu entfernen sind helle Farben wie rosa oder gelb.

Wenn es zu keiner Entzündung kommt, ist das Hautbild nach der Laserbehandlung wieder hergestellt.

Dermatologie-Professor Reinhard Dummer: «Chemikalien gehen unter die Haut und bleiben lebenslang im Körper.» (Bild: PD)

Wie gelangen die Farbpartikel aus dem Körper, wenn Sie mit dem Laser entfernt werden?

Gar nicht. Die Farben bleiben im Körper und lagern sich in der Regel in den Lymphknoten ab. Falls die Farbstoffe langsam gefährliche Substanzen freisetzen, kann das also nicht vermieden werden, aber die allergischen Reaktionen werden abgeschwächt.

Wie schmerzhaft ist die Behandlung mit dem «Q-switched Laser»?

Die Schmerzen sind etwa so wie die bei einer Tätowierung.

Was kosten diese Behandlungen und übernimmt die Krankenkasse die Rechnung?

Nein, die Krankenkassen zahlen nichts. Pro Sitzung verrechnen wir 450 Franken. Bis ein Tattoo entfernt ist, dauert es in der Regel drei bis fünf Sitzungen.

In letzter Zeit nimmt die Zahl derer zu, die sich die Tätowierungen entfernen lassen wollen. Ich rechne mit weiterem Zulauf in der nächsten Zeit.

Aufgepasst: Auch Hennatätowierungen können allergische Reaktionen auslösen. (Bild: Ilona Martin)

Es gibt auch sogenannte Hennatätowierungen, die nicht in die Haut gestochen sondern aufgemalt werden. Sind sie gesundheitlich völlig unproblematisch?

Hennatätowierungen sind besonders im Orient weit verbreitet. Solange mit reinem Henna gearbeitet wird, ist es für die Haut unproblematisch. Doch heute wird auch diese Naturfarbe häufig mit Benzolstoffen gestreckt. Wir haben öfter Patienten, die sich in Ägypten oder am Roten Meer Henna auftragen lassen und sich dann der Sonne aussetzen. Dabei kommt es zu starken Entzündungserscheinungen mit Blasenbildung. Touristen aus Indien zeigen diese allergischen Reaktionen nicht, dort scheint «sauberes» Henna verwendet zu werden.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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