Das maurische Hispanien

Symbiose zwischen Orient und Okzident

Gehört der Islam zu Europa? Georg Bossong, Professor für Romanistik an der Universität Zürich, erklärt im UZH News Interview, warum man die Frage aus kulturgeschichtlicher Sicht positiv beantworten kann.

Interview: Alice Werner

Herr Bossong, im Sommer 711, vor genau 1300 Jahren, begann auf der Iberischen Halbinsel die Zeit der arabischen Herrschaft. Taugt die fast ein Jahrtausend währende maurische Epoche als historisches Vorbild für das, was wir heute «Multi-Kulti» nennen?

Den Mythos von al-Andalus – diesen Namen gaben die Araber der Iberischen Halbinsel – als Paradies friedlichen Zusammenlebens der drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum möchte ich sicherlich nicht befeuern. Zwar gab es während dieser Periode von 711 bis 1492 immer wieder politische Kooperationen über Religionsgrenzen hinweg, sowie militärische Allianzen zwischen Christen und Muslimen. Und auch das gesellschaftliche Miteinander im maurischen Reich war lange Zeit geprägt von einem starken Gemeinschaftsgefühl, das die Gegensätze überbrückte.

Doch insgesamt gab es zu viele blutige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Königreichen, als dass man hier uneingeschränkt von einem Goldenen Zeitalter sprechen könnte. Was das hispanische Mittelalter aber tatsächlich auszeichnet, ist die einzigartige kulturelle Symbiose zwischen Orient und Okzident. Mittler zwischen diesen beiden Welten waren dabei oft die Juden.

Die Holzdecke im Kloster de San Juan de los Reyes in Toledo ist im typischen Mudéjarstil gefertigt. (Bild: Bernard Gagnon / Wikimedia)

Die Befruchtung der spanischen durch die arabische Kultur spiegelt sich wohl am deutlichsten in der Architektur wieder.

Richtig. Die arabischen Baumeister, Künstler und Kunsthandwerker, die aus dem islamischen Süden in den christlichen Norden kamen, entwickelten einen ganz eigenen, hybriden Baustil, der Spanien über viele Jahrhunderte hinweg prägte: die Mudéjar-Baukunst. Die Verschmelzung von arabischen mit christlichen Baustilen gilt als eines der wichtigsten Ereignisse in der spanischen Baukunstgeschichte, mit weltweiter Ausstrahlung bis heute.

In welchen anderen kulturellen Bereichen fanden Christen, Juden und Muslime zueinander?

Zum Beispiel in der Poesie. Die arabische Lyrik wurde vor allem von jüdischen Dichtern aufgenommen. In der Folge kam es zu einer Renaissance des Hebräischen und zu einem Aufblühen der jüdischen Literatur. Diese Renaissance war übrigens Voraussetzung für das Wiederaufleben des gesprochenen Hebräischen in Israel Ende des 19. Jahrhunderts. Die grossen Klassiker unter den jüdischen Dichtern wie Salomo Ibn Gabirol und Yehuda ha-Levi sind allesamt Söhne dieser Zeit. Aber auch die spanische Literatur nimmt ihre Anfänge in dieser gemischtsprachigen Lyrik, die arabisch-hebräische und altspanische Elemente vereint.

In Ihren Publikationen betonen Sie immer wieder, die islamische Zivilisation sei eine Schwester der abendländischen. Was meinen Sie damit?

Wenn man von der kulturellen Symbiose zwischen West und Ost spricht, darf man nicht vergessen: Nicht nur das heutige Europa, auch die islamische Zivilisation ist Erbin der griechischen Antike, seit muslimische Herrscher ins Byzantinische Reich vorgestossen waren. Im 9. Jahrhundert liessen die Kalifen in Bagdad viele griechische Werke aus Wissenschaft und Philosophie ins Arabische übersetzen – zum Glück für den Westen, dem die Kenntnis des Griechischen verloren gegangen war.

«Die islamische und die westliche Zivilisation sind beide zutiefst von der griechischen Antike geprägt», sagt Romanist Georg Bossong. (Bild: Alice Werner)

Arabisch wurde damit zur internationalen Kultursprache, aus der man beispielsweise Schriften von Aristoteles ins Lateinische übersetzte. Unter dem direkten Einfluss des Arabischen hat sich auch die spanische Schriftsprache entwickelt: In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts liess Alphons X. von Kastilien eine Übersetzerschule gründen, in der Juden, Christen und Muslime arabisierte Werke der Antike ins Spanische übertrugen. Die spanische Sprache, ursprünglich eine orale Volkssprache, wandelte sich damit zur Wissenschaftssprache.

Wie vertrug sich der aristotelische Rationalismus mit dem Gedankengut des Islam?

Die Frage, wie sich Vernunft und göttliche Offenbarung in Einklang bringen lassen, führte zu zwei entgegengesetzten Reaktionen. Während Intellektuelle, wie der aus Córdoba stammende Ibn Rushd, der wichtigste Aristoteliker des Mittelalters, diesem Widerspruch diskursiv begegneten und eine rational begründete Religionskritik innerhalb des Islams anstiessen, verschlossen sich die Hüter der Orthodoxie jeder Form von Aufklärung. Die islamische Welt hat die im maurischen Spanien aufkeimende islamische Aufklärung nicht weiterentwickelt, sondern fiel in geistige Stagnation.

Was waren die Folgen dieser tiefgreifenden Spannungen im Denken?

Schon im ausgehenden 11. Jahrhundert kam es zu einer Radikalisierung innerhalb der Offenbarungsreligionen. Religiöse Toleranz und intellektuelle Offenheit wurden von fundamentalisierten Gruppen unterlaufen. Der europäische Kreuzzugsgedanke fiel im christlichen Norden Spaniens auf fruchtbaren Boden. Die Rückeroberung Toledos, der ehemaligen Hauptstadt des untergegangenen Westgotenreiches, war ein erster Höhepunkt dieser Entwicklung.

Als Antwort auf den christlichen Vorstoss riefen die muslimischen Kleinstaaten eine Berberdynastie aus Nordafrika zu Hilfe, die Almoraviden. Diese schlagkräftigen Gotteskrieger waren über den ihrer Meinung nach aufgeweichten Islam hispanischer Prägung so entsetzt, dass sie ihrerseits den kleinen muslimischen Fürstentümern den Krieg erklärten – und ihre eigene Herrschaft errichteten.

Nach einer Europäisierung und Radikalisierung des spanischen Christentums kam es also auch zu einer Fundamentalisierung, zu einer Afrikanisierung des Islams und in der Folge zu einer blutigen Zeit der Religionskriege. Sie endete 1248 mit der Einnahme von Sevilla und später, 1492, mit der Eroberung des kleinen, noch verbliebenen, muslimischen Königreichs von Granada.

Was nützt uns das Wissen um die maurische Epoche in Spanien für die aktuelle Diskussion, ob der Islam zu Europa gehört – oder nicht?

Diese Frage lässt sich positiv beantworten, wenn man weiss, dass die islamische und die westliche Zivilisation nicht nur gemeinsame jüdisch-abrahamische Grundlagen haben, sondern auch zutiefst von der griechischen Antike geprägt sind. Auf Grundlage dieses Bewusstseins um eine gemeinsame geistige Vergangenheit sollte ein friedlicher Dialog möglich sein.

Alice Werner ist Redaktorin UZH News.

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