Musikwissenschaft

Klingt so der Norden?

Reine Ideologie oder wahre Kunst? Im 19. Jahrhundert suchten Komponisten in Europa nach einem spezifischen Nationalton. In einem Forschungsprojekt setzt sich der Musikwissenschaftler Michael Matter mit dem Dänen Niels W. Gade auseinander.

Roger Nickl

Dunkle, samtweiche Streicher, wogende Wellen, heitere Melancholie. Dann nähert sich ganz langsam und in würdevollem Schritt ein heroisch gleissendes Heer von Blechbläsern. So könnte man den Beginn von Niels W. Gades (1817-1890) Ouvertüre «Efterklange af Ossian» beschreiben. Mit dieser Komposition gewann Gade 1841 den Wettbewerb des Kopenhagener Musikvereins. Das Werk machte den damals 24-Jährigen auf einen Schlag berühmt. Und das nicht nur in Dänemark, sondern auch im benachbarten Deutschland. Gerühmt wurde im südlichen Nachbarland vor allem der «ächt nordische Charakter» von Gades Musik.

So sieht Dänemark aus: Typisch nordisch eben. Aber atmet auch Gades Musik echt nordischen Charakter? (Bild: Muns/Wikimedia)

Doch was ist tatsächlich nordisch an Gades Musik? Und welche Vorstellungen vom Norden geisterten damals in den Köpfen der Zeitgenossen herum? Solche Fragen untersucht der Musikwissenschaftler Michael Matter in seiner Dissertation. Seinen Blick richtet er dabei auf die Diskussionen, wie sie damals in Deutschland geführt wurden. Dazu hat der Forscher eine breite Palette von Quellen untersucht – Artikel in Musikzeitschriften, Briefe von Komponisten, musikhistorische Beiträge der Zeit und vieles mehr.

Einsam und erhaben

In der deutschen Romantik war der Norden ein Sehnsuchtsort par excellence. Verbunden wurden damit Vorstellungen der Einsamkeit, Melancholie und einer unbändigen, erhabenen Natur. «Robert Schumann, damals neben Felix Mendelssohn die Autorität im deutschen Musikleben, sah diese Vorstellungswelt in Gades Musik verwirklicht und sprach als erster vom nordischen Charakter in dessen Kompositionen», erzählt Michael Matter, «Schumann eröffnete damit einen nachhaltigen Diskurs.»

Musikwissenschaftler Michael Matter: «Bei Gade gibt es viel zu entdecken.» (Bild: PD)

Gekoppelt wurde dieser «Nördlichkeitsdiskurs» mit nationalen Zuschreibungen. Denn in der Musik des 19. Jahrhunderts, dem Zeitalter des Nationalismus und der Herausbildung der modernen Nationalstaaten, entstanden auch nationale musikalische Bewegungen. Sie wollten sich dezidiert von der französisch-deutsch-italienisch dominierten Musiktradition absetzen und suchten nach einem unverwechselbaren, nationalen Ton, nach einer nationalen musikalischen Identität. Die Quellen für solche Kompositionsbemühungen waren oft Volksliedsammlungen, die Musiker der Zeit anlegten.  

Homer des Nordens

Auch Niels W. Gade flocht immer wieder Elemente von Volksliedern in seine symphonische Kompositionen ein. Elemente, die er musikalisch variierte, verfremdete, umspielte. Darüber, wie national-typisch und -spezifisch, seine Kompositionen aber letztlich waren, lässt sich streiten. «Zwar ahmt Gade in seinem sinfonischen Frühwerk immer wieder Schlachtgesänge mit Harfenbegleitung nach – eine Reminiszenz an Ossian, den mythischen und als Homer des Nordens bezeichneten Rhapsoden», sagt Michael Matter, «und er harmonisiert eigentümlich stufenreich.»

Das ergibt einen neuen Sound, der in der Sinfonik so zuvor nicht zu hören war. Spezifisch nordisch, wie er damals in Deutschland wahrgenommen worden ist, ist er deswegen nicht unbedingt. «Musikalische Elemente und Kompositionsprinzipien wie sie Gade benutzte, könnte man auch bei den Tschechen, Ungarn oder Polen finden», mutmasst Michael Matter und ergänzt: «Vergleicht man zudem verschiedene Volksmusiken stellt man fest, dass die Stilmittel beschränkt und oft über die Grenzen hinweg austauschbar sind.»

Berühmt, vergessen, wiederentdeckt: Niels W. Gade auf einer Lithographie von Josef Kriehuber aus dem Jahr 1844.  (Bild: Peter Geymayer/Pixelio)

Das heisst, die Debatte um nationale Musikschulen und einen nationalen Ton in der Sinfonik war vor allem ideologisch geprägt. In der Musik selbst lässt er sich kaum eindeutig nachweisen. In seiner Dissertation geht der Musikwissenschaftler nun am Beispiel Gades den verschlungenen Wegen dieses ideologischen und kulturellen Diskurses nach und betreibt damit neben Musikgeschichte zu einem guten Teil auch Ideengeschichte.

Komponist zum Wiederentdecken

Niels W. Gade selbst wurde das nationale Korsett mit der Zeit zu eng und er begann im «Universalstil» Beethovens, Schumanns oder Mendelssohns zu komponieren. Mitte 19. Jahrhundert gehörte Gade zu den berühmtesten Komponisten seiner Zeit, danach begann sein Stern allmählich zu sinken. «Nach 1900 war er nahezu unbekannt», sagt Michael Matter.

In den 1980er-Jahren wurde der Komponist aus dem Norden dann wieder ausgegraben. Seither sind viele seiner Werke auf Tonträger eingespielt worden und die Musik des Dänen wird heute vermehrt wieder im Konzertsaal aufgeführt. «Bei Gade gibt es viel zu entdecken», ist Matter überzeugt, «schöne Melodien, unkonventionelle Harmonien und originelle Instrumentierungen – die Musik klingt wunderbar und unverbraucht.» Ob dieser Klang spezifisch nordisch ist oder nicht spielt dabei keine wesentliche Rolle.

Zum Anhören

Niels W. Gade, Ouvertüre «Efterklange af Ossian» op. 1(1841)

Roger Nickl ist Redaktor des Magazins.

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