Wiederkäuermedizin

Keine Ferien für kranke Kühe

Die Abteilung Nutztiere des Tierspitals kennt keine Sommerpause. Hier kümmern sich Tierärzte, Studierende und Tierpfleger um die kranken Wiederkäuer, die am Tropf hängen anstatt die Sommerzeit auf der Alp zu verbringen. Eine Visite im Kuhstall, wo die Ärzte Gummistiefel tragen. 

Claudio Zemp

Wie auf jedem Bauernhof ist auch im Kuhstall des Tierspitals Zürich schon früh am Morgen viel Betrieb. Die Pfleger melken die rund 20 Kühe, füttern sie mit Heu und putzen den Stall. Erst auf den zweiten Blick sieht der Besucher, dass die Kühe im Stall Patientinnen sind. Fitschi und Havanna hängen an einer Infusion, letztere hat auch einen grossen Verband um den Bauch. Tiziana hat ein Vorderbein im Gips und Judy, das Kalb, hat ihren Hals links und rechts eingesalbt. Viele Kühe tragen zudem eigentümliche Fellfrisuren: Ihre Flanken wurden grossflächig geschoren, damit sie mit Ultraschall untersucht werden können.

Veterinärmediziner Christian Gerspach untersucht Neuankömmling Colombine. (Bild: Claudio Zemp)

Heikle Mägen

«Die Tiere kommen aus der ganzen Deutschschweiz, die meisten werden von regionalen Tierärzten an uns überwiesen», sagt Oberassistent Christian Gerspach. Er leitet während des Sabbaticals von Professor Ueli Braun interimistisch die Abteilung für Wiederkäuermedizin. «Kühe kommen oft mit Verdauungsproblemen zu uns», sagt der Veterinär: «Labmagenverlagerung, Blinddarm- oder Bauchfellentzündungen sind Routine.» Der Verdauungsapparat der Rinder ist mit vier Magenteilen ein diffiziles Gefüge. Frisst eine Kuh einen Nagel oder ein Stück Draht, gerät die «Wiederkäuerei» ins Stocken. Die Aufgabe von Gerspach und seinem Team ist es, die Kuh wieder zum Fressen zu bringen.

Die Assistenzärztinnen Sonka Krüger (li.) und Maren Lesser verabreichen ein Medikament. (Bild: Claudio Zemp.)

Die weisse Mara war auf der Alp oberhalb von Flims in Graubünden, als ihr Blinddarm sich verschloss. Ein Notfall! Verlagerte oder verstopfte Mägen schmerzen nicht nur, sie blähen sich und sind für das Tier lebensbedrohlich. Mara wurde am späten Abend mit der Seilbahn ins Tal transportiert, von dort mit der Grosstierambulanz direkt ins Tierspital gebracht. Kurz vor Mitternacht kam sie in der Notfallaufnahme an und wurde noch in der Nacht operiert. Weil der grosse Pansen bei Kühen immer voll ist, sind Vollnarkosen problematisch. «Es besteht die Gefahr, dass der Panseninhalt ausläuft», erklärt Gerspach. Deshalb werden möglichst viele Operationen an Kühen mit lokaler Betäubung ausgeführt.

Die Operationssäle der Grosstierklinik verfügen über massive Kipptische und einen Klauenstand, an dem die chirurgische Abteilung etwa Knochenbrüche oder Klauenverletzungen operieren kann. Röntgenbilder und Ultraschall sind Standard, Computertomografie ist für Kühe und Pferde dagegen nur sehr beschränkt nutzbar, weil nur der Kopf knapp in die Röhre passt.

Kälbchen Lily ist der Darling der Tierärztinnen. (Bild: Claudio Zemp)

Winzige Kälber und aggressive Schotten

Neben Chirurgie und Medizin hat das Nutztierdepartement eine Abteilung für Schweinemedizin, eine für Fortpflanzung und ein Veterinärmedizinisches Labor. In das Wiederkäuerspital kommen nicht nur kranke Rinder, sondern auch Schafe und Ziegen. Soeben erkundigt sich eine Besitzerin von Alpakas telefonisch, wie sie ihr neugeborenes Fohlen füttern soll, weil dessen Mutter keine Milch hat.

In einer separaten Box des Stalls steht das schottische Hochlandrind Luna. Der gedrungene Zottel mit seinen langen Hörnern sieht aus wie ein renitenter Patient und benimmt sich auch so: «Achtung! Tier ist sehr angriffslustig» warnt ein Schild am Gatter. Einen besonderen Platz im Herzen der Tierspitalärzte hat dagegen Lily, in der Box am anderen Ende des Stalls. Das Kalb war eine Frühgeburt und wächst nur langsam, weshalb es dem Besitzer nicht von Nutzen war und im Tierspital vorläufige Aufnahme fand.

Christian Gerspach und Ladina Caviezel hören genau hin, wie es im Kuhbauch rumort. (Bild: Claudio Zemp)

Jeden Morgen um acht Uhr ist Visite. Gerspach und sein Team von Tierärztinnen gehen Kuh für Kuh im Stall durch, besprechen den Zustand und beschliessen die Behandlung. Die Assistenzärztinnen Julia Ritz, Sonka Krüger und Maren Lesser hatten schon am Morgen die Tiere untersucht: Temperatur, Puls, Atmung, Milchleistung und allgemeiner Zustand werden auf dem Patientenblatt festgehalten. Im Stall beschäftigt sind auch Studentinnen wie Ladina Caviezel, die dieses Jahr das Staatsexamen in Veterinärmedizin macht. 

Ein Loch im Bauch

Lily darf tagsüber auf die Weide. Dort grast sie meist in Gesellschaft von Ricola, eines anderen Dauergasts im Tierklinikstall. Das Braunvieh hat einen kuriosen Plastikring an ihrer Seite eingebaut. Das Loch darin geht direkt in den Pansen der Kuh. Ricola ist Spenderkuh für Pansensaft. Diese Flüssigkeit wird benötigt, um den Verdauungstrakt von kranken oder operierten Kühen wieder in Gang zu bringen. Dank der Öffnung im Loch in Ricolas Seite können die Pfleger und Tierärztinnen die Flüssigkeit jederzeit einfach entnehmen, ohne das Tier mit einem schmerzhaften Katheter anzuzapfen. Heute kriegt Maras Stallnachbarin Maite den Magensaft. Sie erholt sich von einer Lungenentzündung. Die Pansenflüssigkeit wird ihr durch einen Schlauch eingetrichtert.

Kuh Maite wird Pansensaft verabreicht. (Bild: Claudio Zemp)

Eine neue Patientin ist angemeldet, sie wird nach der Visite vor dem Untersuchungsraum erwartet. Der Besitzer und sein Sohn laden eine stattliche Simmentalerkuh aus: Colombie hat ihren Appetit verloren, seit heute morgen frisst sie gar nichts mehr. Pfleger Martin Schönthal führt Colombie in das Gestänge, und schert ihr zuerst den Hals, dann die Seite. Die Kuh wird umschwärmt von Personal in Kombis und Gummistiefeln: Ihr wird Blut, Milch und Pansensaft entnommen. Colombie wird auch ein Venenkatheter in die Halsader gesteckt, später wird sie im Stall eine Infusion erhalten.

Zur Bedienung des Ultraschallgeräts setzt sich der Tierarzt auf einen Melkschemel. Neben dem Auge für die schwarzweissen Ultraschallbilder brauchen die Veterinäre Fingerspitzengefühl und ein gutes Ohr: Die Kuh wird mit Stetoskop und den Händen abgeklopft. Die Bauchgeräusche geben wichtige Indizien für die Diagnose. Bei geblähtem Labmagen etwa hört der Tierarzt ein hohes, metallenes Geräusch. Nach der ersten Untersuchung ist Gerspach aber zuversichtlich, dass Colombies Leiden konservativ behandelt werden kann. Ihr wird wohl eine Operation erspart bleiben.

Rind Judy ist bereit für die Ultraschalluntersuchung. (Bild: Claudio Zemp)

Zurück auf die Alp

Als nächstes muss Doktor Gerspach einen unangenehmen Anruf tätigen. Die Kuh Kim hat sich über Nacht von ihrer schweren Lungenentzündung trotz Medikamenten nicht erholt. Bei der Visite keuchte sie und bot einen jämmerlichen Anblick. Gerspach ruft den Besitzer an, um über das Schicksal von Kim zu entscheiden. Nach dem Anruf steht fest: Kim wird eingeschläfert und von ihrem Leiden erlöst.

Auch das gehört zum Alltag im Tierspital-Stall. Nicht jedes Tierleben kann gerettet werden. Eine Erfolgsstatistik wird aber nicht geführt: «Wir kriegen halt auch sehr viele besonders kritische Fälle», sagt der Oberassistent. Die Besitzer müssen die Behandlungen selber bezahlen. Eine Labmagenoperation mit stationärer Nachbehandlung etwa kostet rund 1200 Franken. Folglich rechnet jeder Bauer, ob sich die Therapie einer Milchkuh überhaupt lohnt. In der Nutztiermedizin spielen auch wirtschaftliche Kriterien wie etwa die Leistungsprognose eine wichtige Rolle, sagt Gerspach. Eine Krankenversicherung für Kühe gibt es übrigens nicht. Einige Rinder sind jedoch unfallversichert, wenn sie auf die Alp gehen.

Claudio Zemp ist freier Journalist.

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