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Handystrahlung

«Kein dramatischer Effekt»

Die elektrische Aktivität des Gehirns ändert sich, wenn es zuvor hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt war. Dies hat Peter Achermann vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich in einer neuen Studie über die Auswirkung von Handystrahlung festgestellt. Er relativiert jedoch: Hirnströme verändern sich auch, wenn jemand am Abend einen Kaffee trinkt oder Schlafentzug hat. 
Roman Benz

Wie wirkt sich die nichtionisierende Strahlung, die unter anderem beim Telefonieren mit dem Handy entsteht, auf Gesundheit und Umwelt aus? Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 57 «Nichtionisierende Strahlung – Umwelt und Gesundheit» hat der Schweizerische Nationalfonds zahlreiche Forschungsprojekte zu diesem Themenbereich finanziell unterstützt.

Peter Achermann, Titularprofessor für Schlafforschung und Signalanalyse in der Pharmakologie, hat mit seiner Forschungsgruppe am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der UZH das Projekt «Auswirkungen von pulsmodulierten elektromagnetischen Feldern im Mobilfunkbereich auf das menschliche Gehirn» durchgeführt. Im Interview mit UZH News gibt er Auskunft über die Forschungsresultate.

Handystrahlung: Die elektrische Aktivität des Gehirns ändert sich, wenn es zuvor hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt war.

Sie haben sich in Ihrem Projekt mit den Auswirkungen von Handystrahlung auf das menschliche Gehirn beschäftigt. Welches ist das wichtigste Ergebnis Ihrer Untersuchung?

Wir konnten feststellen, dass Strahlung, wie sie im Mobilfunk verwendet wird, einen messbaren und konsistenten Effekt auf das Gehirn ausübt.

Ist dieser Effekt gesundheitsschädlich?

Im Projekt stand nicht die Frage nach den gesundheitlichen Auswirkungen im Vordergrund. Wir fragten uns viel grundsätzlicher, wie ein solcher Effekt auf das Gehirn überhaupt zustande kommt. Erst wenn wir den Vorgang besser verstehen, können wir allenfalls etwas über die gesundheitlichen Auswirkungen sagen.

Könnten Sie den Effekt genauer beschreiben?

Kurz gesagt haben wir festgestellt, dass sich im Schlafzustand die elektrische Aktivität des Gehirns ändert, wenn es zuvor hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt war. Dieser Effekt tritt nur auf, wenn es sich um pulsmodulierte Strahlung handelt, wie sie beispielsweise im Mobilfunk verwendet wird.

Peter Achermann: Veränderung der Schlafspindeln.

Ein Handy übermittelt Informationen nicht kontinuierlich, sondern in einzelnen Paketen, die mit einem gewissen zeitlichen Abstand gesendet, also gepulst werden. Im Schlaflabor haben wir Versuchspersonen dieser Strahlung ausgesetzt. Dafür haben wir kein Handy verwendet, sondern schafften eine reproduzierbare Situation, indem wir links und rechts neben dem Kopf einer Versuchsperson Antennen platzierten. Die Intensität der Strahlung entsprach dann dem Wert, der für ein Handy zugelassen ist. Wir setzten die Personen während 30 Minuten der Strahlung aus, wobei sie kognitive Tests am Computerbildschirm lösten. Anschliessend legten sie sich schlafen.

Erst während des Schlafs massen wir bei den Versuchspersonen mit Hilfe der Elektroenzephalografie, kurz: EEG, die elektrische Aktivität des Gehirns. Dabei haben wir eine Veränderung der so genannten Schlafspindeln festgestellt. Unter Schlafspindeln versteht man ein typisches Muster, ein so genanntes Grapho-Element, das im Schlaf-EEG zu sehen ist. Diese Schlafspindeln zeigten eine statistisch signifikante Intensivierung, nachdem die Versuchspersonen vorgängig einer gepulsten Strahlung ausgesetzt gewesen waren.

Was bedeutet eine solche Veränderung der elektrischen Aktivität?

Wir werden oft gefragt, wie man solche Effekte einordnen soll. Das ist ein heikles Thema. Hirnströme verändern sich auch, wenn jemand am Abend einen Kaffee trinkt oder Schlafentzug hat. Die Veränderungen der Hirnströme, die wir im Experiment festgestellt haben, bewegen sich in einem vergleichbaren Ausmass. Es handelt sich also um keinen dramatischen Effekt. Obwohl Kaffeetrinken unsere Gehirnaktivität verändert, leiten wir daraus nicht ab, Kaffeetrinken sei gefährlich.

Und der einzige biologische Effekt, den Sie bisher feststellen konnten, ist die Veränderung der Schlafspindeln?

Genau. Wir haben zu dieser Frage bereits mehrere Studien durchgeführt, und eine Gruppe in Australien kam zu denselben Ergebnissen. Deshalb würde ich sagen, dass es sich dabei um einen robusten Effekt handelt. Bis die WHO diese Erkenntnis akzeptiert, braucht es jedoch noch weitere unabhängige Wiederholungen der Experimente.

Konnten Sie bei Ihren Versuchspersonen im Schlaflabor eine Veränderung der Schlafqualität feststellen?

Menschen, die von sich sagen, dass sie empfindlich auf Handystrahlung reagieren, klagen stets über Schlafprobleme. Bei unseren Experimenten konnten wir jedoch keine Auswirkungen auf die Schlafqualität feststellen. Ich möchte aber festhalten, dass wir die Versuchspersonen im Abstand von je einer Woche dreimal der Strahlung ausgesetzt haben. Die Frage, wie sich der langfristige Gebrauch des Handys auswirkt, ist damit nicht geklärt.

Unterstützen Ihre Forschungsergebnisse eher die Befürworter oder die Gegner der Mobiltelefonie?

Dass wir überhaupt einen Effekt der Handystrahlung feststellen konnten, wird der Mobiltelefonie-Industrie sicherlich nicht gefallen. Denn jeder nachgewiesene Effekt führt zu einer Diskussion über die möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit.