Psychologisches Institut

Im Babylabor

Bleibt ein Cracker ein Cracker, wenn man ihn zerbröselt? Für Babys eine knifflige Frage. Denn formlose Objekte wie etwa einen Krümelhaufen können sie nur schwer einordnen. Wie die Kleinsten unsere Welt erfahren und was sie intuitiv von physikalischen Zusammenhängen verstehen, untersucht die Entwicklungspsychologin Trix Cacchione.

Alice Werner

Sie können nicht reden, sich nicht über Gesten verständigen, geschweige denn Fragebögen ausfüllen. Sie schlafen während der Studien ein, haben Hunger oder Durst. Trix Cacchione, Entwicklungspsychologin an der Universität Zürich, sagt: «Menschenaffen sind die einfacheren Probanden.»

Trotzdem: Cacchione, die am Max-Planck-Institut in Leipzig Fragen aus der psychologischen Primatenforschung nachgegangen ist, spricht an diesem Nachmittag mit leuchtenden Augen über ihre Experimentalstudien im Zürcher Babylabor. «Wir erforschen die Wurzeln menschlichen Denkens!» Die Kernfragen dieser Untersuchungen: Wie erfahren Säuglinge die Welt? Wie entwickelt sich ihr Fühlen und Lernen? Und: Welches physikalische Wissen besitzen schon die Kleinsten, um ihre Umwelt zu verstehen?

Schon Babys können zwischen einem und mehreren soliden Objekten unterscheiden. (Bild: PD)

Bauklotz auf der schiefen Ebene

Moment mal: Babys und Physik? Trix Cacchione nickt. «Uns interessiert vor allem, was bereits ganz kleine Kinder über die kausalen Zusammenhänge von Zeit, Geschwindigkeit und Distanz wissen. Oder über das Verhalten von Objekten im Raum. Begreifen sie zum Beispiel, wie sich ein Bauklotz auf einer schiefen Ebene verhält?»

Für dumm verkaufen kann man Babys jedenfalls nicht. Selbst die Frischlinge aus dem Probandenpool durchschauen viel mehr, als man lange geglaubt hat. Zum Beispiel dass ein Ball abprallt, sobald er gegen einen Kasten stösst. Dieses so genannte Soliditätsprinzip – Objekte haben eine feste Masse und können sich nicht gegenseitig durchdringen – ist Kindern bereits mit zweieinhalb Monaten klar. Oder: Dass sich ein Gegenstand nicht einfach in Luft auflösen kann. Ein Ball existiert weiterhin, auch wenn er hinter einen Vorhang rollt und verdeckt wird; taucht er nach einiger Zeit wieder auf, zeigen sich die kleinen Studienteilnehmer nicht sonderlich beeindruckt.

Woher aber wissen die Babyforscherinnen, was in den jungen Köpfen vor sich geht? «Wir nutzen zwei verschiedene Verhaltensbeobachtungsmethoden», erklärt Trix Cacchione. «Bei der Blickpräferenztechnik messen wir, wie lange Babys bestimmte Ereignisse, mit denen wir sie konfrontieren, betrachten.» Zusätzlich können die Augenbewegungen der Kinder mit einem Eyetracker aufgezeichnet und analysiert werden. «Überraschendes und Neues betrachten Säuglinge viel länger als Dinge, die ihnen bekannt sind oder ihren Erwartungen entsprechen.» Bei der Handlungsvariante müssen die kleinen Krabbler in spielerischen Situationen Multiple-Choice-Aufgaben bewältigen, sich zum Beispiel zwischen zwei Lokalitäten entscheiden oder ein Objekt aus mehreren auswählen.

Mit einem Eyetracker werden die Augenbewegungen der Babys analysiert.  (Bild: PD)

Objekte und Substanzen

Bei Trix Cacchione darf während der Studien auch gekrümelt werden. In einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt untersucht die Wissenschaftlerin den «Einfluss wahrgenommener Kohäsivität (Zusammenhalt) auf die Repräsentation von Objekten» – am Beispiel von Salzcrackern. Mit anderen Worten: Können Babys einen Cracker weiterhin als Cracker identifizieren, wenn man ihn in seiner äusseren Form manipuliert – eine Ecke abbricht, halbiert oder zerbröselt? «Aus früheren Studien wissen wir, dass Kinder im ersten Lebensjahr Objekte dann richtig wahrnehmen, erinnern und zählen können, wenn es sich um stabile Gegenstände mit klar umrissenen, unveränderlichen Grenzen, also um definierte Einheiten handelt. Substanzen dagegen – Sandhaufen, Knete oder Flüssigkeiten – sind für sie optisch und geistig schwer zu fassen und damit auch nicht zählbar.»

Cacchione konnte in ihrer Studie feststellen: Je stärker sie Zusammenhalt und Form eines Crackers manipulierte, desto schwerer fiel ihren Probanden Repräsentation und Kategorisierung des Objekts. Als Masseinheit und methodisches Mittel zum Zweck nutzte die Babyforscherin die früh ausgeprägte Fähigkeit zur rudimentären Mengenschätzung.

«Schon sehr kleine Kinder können zwischen einem und mehreren soliden Objekten unterscheiden. Handelt es sich dabei um Esswaren, wählen sie in Studien im Durchschnitt stets die grössere Menge – etwa jenen Becher mit den meisten Crackern.» Unschlüssig reagierten die Babys in Cacchiones Untersuchung dagegen, wenn sie die in den Bechern enthaltene Menge nicht genau erkennen konnten, weil die Forscherin die Cracker zerteilt oder zerkrümelt hatte.

Zwei halbe Cracker

Verwirrend war für die Jungprobanden auch der zweite Teil der Studie. Trix Cacchione holt zu einer Erklärung aus: «Elizabeth Spelke, Psychologieprofessorin in Harvard, konnte vor einiger Zeit im Rahmen ihrer Grundlagenforschung zur frühkindlichen Erkennung von Mengen zeigen, dass physikalische Objekte möglichst als Ganzes zusammenbleiben und nicht in ihre Einzelteile zerfallen dürfen, wenn man ihren Weg im Raum geistig nachvollziehen möchte.» Stört man den raumzeitlichen Weg, zum Beispiel indem man einen Cracker zerbricht, während man ihn zwischen zwei Lokalitäten A und B bewegt, stürzt man Babys in eine diffuse Situation: «An welchen von beiden Cracker-Teilen sollen sie ihren geistigen Index, ihren Erkennungsmarker nun heften? Diesen Splitvorgang im Raum können Babys wahrscheinlich erst im Alter von 16 Monaten nachvollziehen.»

Mindestens dreissig Sprösslinge im selben Alter müssen die Psychologen des Babylabors finden, um aussagekräftige Daten zu erhalten – ein Altersunterschied von zwei Wochen kann bereits grosse Entwicklungsunterschiede bedeuten. «Unsere Studentinnen zur Rekrutierung von Probanden sind sehr aktiv, besuchen jede Woche Spitäler, sprechen mit werdenden Müttern, aktualisieren die Datenbank.»

Babyforschung, fasst Trix Cacchione lakonisch zusammen, sei eben ein langwieriges Geschäft: «Viel Aufwand für wenige Daten.» Dann lacht die Forscherin und sagt: «Dennoch fasziniert mich immer wieder von neuem, wie diese kleinen Mäuschen, die an unseren Studien teilnehmen, Ordnung in die Vielfalt ihrer neuen Erfahrungen bringen.»

Das Babylabor der Universität Zürich ist immer auf der Suche nach neuen Probanden. Interessierte Eltern können sich hieranmelden oder eine E-Mail schreiben an Miriam Dittmar m.dittmar@psychologie.uzh.ch

Alice Werner ist Redaktorin UZH News.

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