Fritz Stern an der UZH

Hoffnung und Angst um das zerrissene Amerika

Ist das Modell Amerika entzaubert? Darüber sprach am Mittwochabend der Historiker Fritz Stern in der Aula der Universität Zürich. Stern zeichnete das Bild einer innerlich zerrissenen Supermacht. Trotz der vielen Zeichen des Niedergangs strahle die Faszination der amerikanischen Gesellschaft dennoch weiterhin in die ganze Welt. 

Claudio Zemp

Fritz Stern über die «Tea Party»: «Man verspricht ein Land wieder herzustellen, das es nie wirklich gegeben hat.» (Bild: Claudio Zemp)

«Entzaubertes Amerika?» hiess der Titel des Vortrags von Fritz Stern. Der amerikanische Professor stellte gleich zu Beginn klar, dass die Entzauberung alles andere als feststeht: «Für mich ist das Fragezeichen das Wichtigste!». Der heute 85jährige Historiker deutscher Herkunft sprach im Rahmen des Frühjahrszyklus des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung. Die Aula und die Emporen waren voll besetzt, so dass der Vortrag via Video in drei weitere Säle übertragen wurde. 

Lob und Verteufelung

Stern spickte seine Rede mit zahlreichen persönlichen Erinnerungen. So sagte er, er habe Zürich 1935 als einzigen deutschsprachigen Freiheitsort erlebt. Kurz danach floh seine Familie 1938 aus Nazideutschland in die USA. Als der zwölfjährige Einwanderer, der damals kaum englisch sprach, sich in New York einmal verirrte, habe er erstmals einen Polizist als Freund erkannt. «Amerika wurde oft entdeckt und verdeckt», sagte der Historiker und blendete in die Geschichte der USA zurück. Anhand von Beispielen zeigte er, wie sehr diese Nation stets fasziniert und polarisiert hatte. Amerika war anders und einzigartig. Das Land wurde von Anfang an gefeiert und verteufelt. Manchmal beides zugleich.

Ebenfalls bereits in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 zeigte sich auch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, so Stern. Der Leitsatz «All men are created equal» etwa schloss zu Beginn Frauen und Sklaven aus. Trotzdem war das junge Amerika der Inbegriff des Liberalen und der Aufklärung. Die Verfassung der USA wurde schliesslich zum Vorbild für mehr als 150 Staaten.

USA als reizvolles Rätsel

«Ganz parteilos bin ich nicht», bekannte Stern. So kritisierte er etwa den ehemaligen Präsidenten George W. Bush, unter dessen Regierung die Weltmacht Amerika zur Karikatur seiner Ideale geworden sei. Die selbstauferlegte Rolle als Befreier gipfelte in den Foltergefängnissen des Irakkriegs. Stern verhehlte auch nicht seine Sympathien für Präsident Obama, wobei er auch Enttäuschungen über dessen Erfolge mehrmals andeutete.

«Amerika spielte seit jeher eine einzigartige Rolle in der europäischen Phantasie», sagte Stern. Er zitierte unter anderem die europäischen Gelehrten Alexis de Tocqueville und Max Weber, welche vom Phänomen der amerikanischen Gesellschaft und von der Kraft des Kapitalismus fasziniert waren. Stets wurden auch viele Hoffnungen in das Land gesetzt. Seit den Pilgervätern, die alles zurück liessen und viele Opfer brachten, um in Freiheit zu leben: «Sie wollten etwas Neues, etwas Anderes aufbauen.»

Bittere Spaltung

Die freiheitlichen Ideale haben heute starke Konkurrenz im Inland. Stern zeigte sich besorgt angesichts der starken antiliberalen und antidemokratischen Strömungen in den USA. Die konservative Bewegung der «Tea Party» etwa verführe ihre Anhänger mit einer alten Utopie:  «Man verspricht ein Land wieder herzustellen, das es nie wirklich gegeben hat.» Amerika habe in seiner Geschichte viele Bewegungen kommen und verschwinden sehen, sagte Stern. «Aber noch nie war eine so radikale Gruppe mit so viel Geld ausgestattet». Er betrachte mit Erstaunen, dass es den Reichen gelinge, den Armen sogar ihre Armut schmackhaft zu machen.

So seien die USA heute tief gespalten zwischen den aufgeklärten Kräften, Wissenschaft und Fortschritt sowie vielen verschiedenen anti-aufklärerischen, anti-intellektuellen und religiösen Gruppen. Dieser innere Konflikt verschärfe sich durch die schlechte wirtschaftliche Lage, Arbeitslosigkeit und den aufstrebenden Rivalen China. Stern sprach zudem von einer Verdummung der Debatten im Fernsehen. Besonders kritisierte er den «unamerikanischen Grad der Gehässigkeit» in der Politik.

Ungewohnte Verunsicherung

Am meisten leide sein Land aber durch einen Vertrauensverlust. Das Misstrauen sei ebenso weit verbreitet wie das Bewusstsein für Korruption. Der Glaube an den amerikanischen Traum sei schwach. Diese verbreitete Unsicherheit und gar Furcht vor der Zukunft sei neu und einzigartig für Amerika, sagte Stern.

Der Historiker liess die Frage offen, wie das Land des Fortschritts mit solchen Rückschritten zu Recht komme. Vielleicht sei die Entzauberung insofern ein Segen, dass das Land endlich etwas bescheidener und sachlicher betrachtet werde. Angesichts der Spaltung des Landes dämpfte Stern aber die Erwartungen bezüglich der aussenpolitischen Wirkung der USA: «Die innenpolitischen Gegensätze erschwerten eine vernünftige Politik im Ausland.»

Apell an Europa

Schliesslich sprach Stern zu den jüngsten politischen Ereignisse in Nordafrika: «Was sich in Tunesien und Ägypten abgespielt hat, ist ergreifend und historisch.» Europa müsse diesen Hauch der Befreiung verstärken, sagte er. Gleichzeitig sieht Stern in diesen Volksaufständen aber auch den Einfluss der westlichen Werte: «Im Aufschrei für Freiheit im Maghreb weht mehr als nur ein Hauch von Amerika.»

Schliesslich betonte Stern den Wert der echten Demokratie und der dazu gehörigen Zivilgesellschaft: «Es ist schwer, eine Demokratie aufzubauen und zu erhalten». Wichtig dazu sei das historische Wissen. Etwa die Geschichte der ehemals kommunistischen Länder Europas. Diese Beispiele zeigten, dass Selbstbefreiungen von Staaten möglich seien. Stern bedauerte, dass wir in einem ahistorischen Zeitalter lebten, schloss jedoch mit einer hoffnungsvollen Note: «Die Sorge um die Zukunft Amerikas ist ein Zeichen der Liebe und der Hoffnung.»

Auslandpolitik hautnah

Das Schweizerische Institut für Auslandforschunghat im Rahmen des Frühjahrszyklus insgesamt fünf prominente Redner zu diversen aktuellen Themen engagiert:Am Dienstag, 29. März, hält der Journalist Ulrich Tilgner ein «Plädoyer für Neutralität». Am Mittwoch, dem 6. April spricht der ehemalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko über die Wirtschaftskrise in seinem Land. Zum Abschluss spricht am Donnerstag, dem 19. Mai die Berliner Soziologin Necla Kelek «Über die Freiheit im Islam». Die öffentlichen Vorträge mit anschliessender Diskussion beginnen jeweils um 18'15 Uhr in der Aula der Universität Zürich.

Claudio Zemp ist freier Journalist in Zürich.

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