Geschichte des Christentums

Ein streitbarer Geist

Bischof in Syrien, Gelehrter und Häretiker: Apollinaris von Laodicea. Silke-Petra Bergjan, Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universität Zürich, berichtet für UZH News über eine internationale Tagung zum Thema «Apollinaris und seine Folgen».

Silke-Petra Bergjan

Apollinaris von Laodicea und sein fragmentarisch überliefertes Werk stand im Mittelpunkt der internationalen Tagung «Apollinaris und seine Folgen», einer Tagung im Bereich Geschichte des antiken Christentums. Seit Hans Lietzmann 1905 die bis heute nicht übersetzten Textfragmente herausgegeben hat, war es das erste Mal, dass sich eine internationale Arbeitsgruppe zum Thema zusammenfand.

In den letzten 15 Jahren hat Apollinaris, einer der wegweisenden Theologen des 4. Jahrhunderts, vermehrt Aufmerksamkeit gewonnen, und es war nun an der Zeit die vielfältigen Ergebnisse zusammenzutragen.

Apollinaris wandte sich der zentralen theologischen Frage zu, wie Gott und Mensch in Christus eine Einheit bilden können. Seine umstrittene, meist schablonenhaft verkürzte Antwort bestand darin, Christus als beseelten menschlichen Körper mit göttlichem Intellekt zu verstehen, also als einen Menschen, dessen menschlicher Intellekt durch einen göttlichen ersetzt wurde.

Katholische Kirche im syrischen Latakia, dem antiken Laodicea. Hier war Apollinaris als Lektor und Bischof tätig. (Bild: Bertramz/Wikimedia)

Apollinaris betrat Neuland, wurde ein Häretiker und war ein Intellektueller in der Metropole Antiochien. In der frühen Geschichte des Christentums, im 2. Jahrhundert, treffen wir auf das Nebeneinander von sehr verschiedenen Gruppen, im 3. Jahrhundert ist man sich einig, was ein Häretiker ist, und im 4. Jahrhundert begegnen wir Personen wie Apollinaris, die das Denken ihrer Zeit auf den Punkt bringen, es zuspitzen, ihm eine neue Wendung geben und so zu Häretikern werden.

Hochgebildet und kritisch

Dennoch konnte man in der Antike die Rezeption der Ideen des Apollinaris und das Weiterleben seiner Anhänger nicht verhindern. Apollinaris gehört, bemisst man seine Wirkung auf die ihm nachfolgenden Generationen von Theologen und Bischöfen, zu den bedeutendsten Gestalten der Alten Kirche. Hochgebildet, spürte er den theologischen Fragen nach, stellte Zusammenhänge her, die seine Zeitgenossen lieber unberücksichtigt gelassen hätte und ging schliesslich einen Weg, auf dem man ihm nicht folgen wollte.

Apollinaris hatte Schüler und Anhänger, von denen Nachrichten, wenn auch sehr sporadisch, noch für lange Zeit zu finden sind. Seine Anhänger, Apollinaristen oder apollinaristische Gruppen, hatten eine solche Bedeutung, dass es zum Teil geboten war, ihnen entgegenzukommen und vermittelnde Positionen einzunehmen. Seine Lehre hatte eine Anziehungskraft auch bei denen, die keine Apollinaristen sein wollten, und blieb für lange Zeit präsent.

Textfragmente als einzige Quelle

Sein umfangreiches Werk ist verloren. Unsere Kenntnis heute beschränkt sich wesentlich auf Fragmente aus späterer Zeit und zwar aus Schriften, die gegen Apollinaris geschrieben wurden. Auf der Tagung konnten neue Fragmente vorgestellt werden, vor allem aber beschäftigte sich die Tagung mit den Kontexten der Überlieferung dieser Fragmente. Deutlich wurde, in welchem Masse die Fragmente, das heisst die Auswahl der zitierten Textabschnitte, von Inhalt und Intention der Schriften und Autoren abhängen, in denen sie überliefert sind.

Das Apollinaris-Bild ist bis heute stark durch die seit der Antike vorgegebene Tradition geprägt. Ein erhebliches Umdenken und Neulesen der Fragmente ist nötig und ertragreich. Das Entstehen antihäretischer Muster, Fragen der Biographie und des intellektuellen Milieus im antiken Antiochien und vor allem die Interpretation der Fragmente und der Theologie des Apollinaris waren Thema der Tagung. Apollinaris’ Bedeutung jedenfalls für die Theologiegeschichte des 4. und 5. Jahrhunderts, die Fragen nach Frömmigkeit und religiöser Praxis einschliesst, ist für unser heutiges Verständnis der Geschichte des antiken Christentums nicht zu unterschätzen.

Silke-Petra Bergjan ist Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universität Zürich.

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