Nachwuchsförderung und Chancengleichheit

«Die nächste Generation soll es einfacher haben»

Noch immer sind Frauen in höheren akademischen Positionen untervertreten. Eine Tagung an der Universität Zürich ging der Frage nach, wie der Selektionsprozess funktioniert und wie Nachwuchsforschende und insbesondere Frauen besser gefördert werden können.

Adrian Ritter1 Kommentar

«Changing Research Careers» lautete der Titel der Tagung, die am 2./3. November an der Universität Zürich stattfand. Sie wurde organisiert vom «Bundesprogramm Chancengleichheit von Frau und Mann an Schweizer Universitäten» und der Abteilung Gleichstellung der Universität Zürich. Während zweier Tage sprachen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den Stand der Gleichstellung an den Schweizer Hochschulen sowie über mögliche und nötige Massnahmen zu dessen Verbesserung. Eine Diskussion, die schon seit 20 Jahren geführt wird, aber immer noch nötig ist, wie am Podiumsgespräch betont wurde.

Ursula Keller (links): «Wir mussten Superfrauen sein.» (Bild: Adrian Ritter)

Ohne Druck geht nichts

Ohne politischen Druck und klare Richtlinien und Regeln werde der Frauenanteil in höheren wissenschaftlichen Positionen nicht steigen, sagte Ursula Keller, Professorin für Physik an der ETH Zürich. Es brauche keine geschlechtsspezifischen Kriterien für die Selektion der Nachwuchsforschenden, das Kriterium der Exzellenz solle für Frauen wie Männer gelten.

«Wir Pionierinnen, die in der Wissenschaft Karriere machten, mussten Superfrauen sein», so Keller. Die nächste Generation von Wissenschaftlerinnen solle es einfacher haben, wünscht sie sich. Inzwischen gebe es eine kritische Masse von Frauen in höheren wissenschaftlichen Positionen. «Diese gilt es sichtbar zu machen und von ihnen zu lernen. Und wir müssen die talentierten Nachwuchsforscherinnen finden und unterstützen.»

«Etwas läuft falsch»

Wer in der heutigen Welt etwas erreichen wolle, müsse alles auf eine Karte setzen, auch in der Wissenschaft. Das sei eine unglückliche Situation, so Dieter Imboden, Präsident des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds.

«Es braucht das innere Feuer, die Begeisterung für die Wissenschaft. Aber wenn jemand vor lauter Arbeit die Familie vernachlässigen muss, läuft etwas falsch. Kein Wunder, verzichten nicht wenige Nachwuchsforschende, insbesondere Frauen, auf eine wissenschaftliche Karriere. Zur Exzellenz gehört nicht nur die Forschung, sondern auch gute Lehre und eine hohe Sozialkompetenz.»

«Die Universitäten sollten wie vorbildliche Privatunternehmen dafür sorgen, dass talentierte Mitarbeitende die Karriereleiter aufsteigen können und im Wissenschaftsbetrieb verbleiben. In der Schweiz geben nicht wenige Nachwuchskräfte ihre wissenschaftliche Laufbahn auf, weil sich niemand um sie kümmert. Vielleicht brauchen wir auch Quoten für Frauen.»

Brigitte Tag (Mitte): «Erfahrung mit Fragen der Gleichstellung ist in den Führungsgremien wichtig.» Neben ihr sitzen Dieter Imboden (SNF) und Katrien Maes (LERU). (Bild: Adrian Ritter)

Einstellung ändern

Für Brigitte Tag, Professorin für Rechtswissenschaft und Präsidentin der Gleichstellungskommission der UZH, ist es unabdingbar, dass in den führenden Gremien der Universitäten mehr Personen Einsitz nehmen, die Erfahrung haben mit dem Thema Gleichstellung der Geschlechter. Sonst werde sich nicht viel verändern. «Aktionspläne für die Frauen- und Nachwuchsförderung sind nötig, es gilt aber auch, die Einstellungen in den Köpfen zu verändern. Frauen sind bisweilen wegen Mutterschaft, Kinderpflege oder sozialen Engagements weniger verfügbar als Männer. Das muss in der Diskussion berücksichtigt werden.»

Dominique Arlettaz: «Bei der Selektion wird heute zu stark die Forschungsleistung betont.» (Bild: Adrian Ritter)

Supervision im Team

«Der schwierigste Zeitpunkt in der wissenschaftlichen Karriere ist derjenige nach dem Doktorat», ist Dominique Arlettaz, Vizepräsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, überzeugt. Entsprechend bräuchten die Doktorierenden Hilfestellungen. «Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt heute erst rund fünf Prozent der Doktorierenden, wir brauchen aber eine Quote von 100 Prozent.»

«Es wäre sinnvoll, für Doktorierende vermehrt Teams für die Supervision auszuwählen, um die Abhängigkeit von einem Professor oder einer Professorin zu mindern.» Bei der Selektion werde die Forschungsleistung heute zu stark betont, so Arlettaz. Natürlich müsse diese stimmen, aber warum nicht einmal im ersten Schritt auf den Leistungsausweis in der Lehre schauen? Er sei überzeugt, dass die Selektion so bisweilen anders ausfallen würde.

Peter Meier-Abt (links): «Es gibt zu viele Doktorierende, die zu wenig betreut werden.»  (Bild: Adrian Ritter)

Schlechte Erfahrungen im Doktorat

Die Frage nach den richtigen Selektionskriterien stellte auch Peter Meier-Abt, ehemaliger Vizerektor Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Basel. Wenn Exzellenz nur im bisherigen männlichen Sinne verstanden werde, fänden sich viele Frauen auf der Verliererseite wieder. Es müsse etwas geändert werden.

«Es gibt zu viele Doktorierende, die zu wenig betreut werden und deshalb auf eine wissenschaftliche Karriere verzichten. Die Supervision und das Mentoring müssen verbessert werden.»

«Im Gegensatz zu Frauen reden Männer im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz nicht über ihr Privatleben. Männer müssen am Arbeitsplatz funktionieren, das Privatleben darf keinen Einfluss darauf haben. Unter anderem dies bringt den harten Wettbewerb ins System. Mit mehr Frauen in der Wissenschaftswelt könnte sich das ändern.»

Karrieremöglichkeiten für alle

Jede Universität hat eigene Bedürfnisse, Schwerpunkte und Strategien, wenn es um Nachwuchs- und Frauenförderung geht. Das ist die Erfahrung von Katrien Maes, Chief Policy Officer der  League of European Research Universities (LERU). Entsprechend müsse auch jede Universität selber entscheiden, welche Massnahmen nötig sind. «Manchmal ist es gerade die grosse Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, die davon abhält, überhaupt etwas zu tun. Wir müssen gute Karrieremöglichkeiten unabhängig vom Geschlecht anbieten.»

Heini Murer, Direktor des neuen Graduate Campus an der UZH: «Der Graduate Campus wird die Vernetzung der Doktorierenden fördern.» (Bild: Adrian Ritter)

Neuer Graduate Campus an der UZH

Professor Heini Murer, der das Podium im Publikum verfolgte, wies darauf hin, dass der neue Graduate Campus an der Universität Zürich Verbesserungen in der Betreuung der Nachwuchsforschenden bewirken werde. «Doktorierende und Postdoktorierende finden dort eine innovationsfördernde Forschungs- und Förderumgebung. Sie soll insbesondere dem Austausch und der Vernetzung dienen», so Murer. Murer ist Direktor des Graduate Campus.

Tagungssprache war Englisch, die Statements sind Übersetzungen.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

1 Leserkommentar

Jan Kümmerle schrieb am Mehr Krippen-Plätze nötig Zu dieser wichtigen Thematik der Gleichstellung mit Hinblick auf die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses der Universität Zürich möchten meine Frau und ich als "Betroffene" (beide tätig als Oberärzte an der Vetsuisse Fakultät der Uni Zürich) gerne auf das naheliegendste Defizit hinweisen: es fehlt offensichtlich an Plätzen in den Kindertagesstätten der Uni Zürich! Darüberhinaus ist es trotz vorgeburtlicher Anmeldung offensichtlich nicht möglich, Planungssicherheit durch zeitlich realistische Auskünfte von Seiten dieser KiTas ob/wann/zu welchen Anteilen ein solcher Platz zur Verfügung steht bzw. auf welcher Position der Warteliste man sich befindet, zu bekommen. Darüberhinaus sind diese Plätze in Relation zu den vom akademischen Nachwuchs bezogenen Gehältern sehr teuer. Dieser Missstand stellt ein schwerwiegendes Hindernis für die Fortführung der akademischen Karriere einer jungen Mutter dar!

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000