Verfasste Studierendenschaft

«Wir sind nicht mehr die Revoluzzer der 70er-Jahre»

Seit 32 Jahren kämpfen Studierende für die Wiedereinführung einer verfassten Studentenschaft an der Universität Zürich. Der Kantonsrat hat nun ein positives Zeichen gesetzt und eine entsprechende Parlamentarische Initiative vorläufig unterstützt. Der Studierendenrat ist jetzt damit beschäftigt, seine Vorstellungen, wie eine solche öffentlich-rechtliche Körperschaft künftig aussehen könnte, zu konkretisieren. 

Roger Nickl

So nah am Ziel war der Studierendenrat der Universität Zürich (StuRa) in den letzten 32 Jahren noch nie. 1978 schaffte der Zürcher Regierungsrat die Studentenschaft der Universität Zürich (SUZ) ab – seither bemühten sich Generationen von studentischen Politikerinnen und Politikern erfolglos darum, die öffentlich-rechtliche Körperschaft der Studierenden, wie sie an allen grossen Schweizer Universitäten heute üblich ist, wieder einzuführen (siehe Kasten).

StuRa-Präsidentin Gwendolyn Marx: «Die verfasste Studentenschaft soll keine Neuauflage der Zwangskörperschaft werden.» (Bild: Marita Fuchs)

Nun hat der Kantonsrat Anfang Februar ein positives Zeichen gesetzt: Eine Parlamentarische Initiative von GLP, GP und EVP wurde vorläufig unterstützt. Eine Arbeitsgruppe des StuRa ist nun damit beschäftigt für die zuständige Kantonsratskommission die Vorstellungen, wie eine verfasste Studentenschaft an der Universität Zürich künftig aussehen könnte, zu konkretisieren. Damit wollen die Studierenden auch auf die Argumente der bürgerlichen Ratsseite reagieren, die dem Vorhaben gegenüber ablehnend bis kritisch eingestellt sind.

Mehr Gewicht für studentische Anliegen

Für die amtierende StuRa-Präsidentin, Gwendolyn Marx, liegen die Vorteile einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft der Studierenden auf der Hand: als Vertretung einer Mehrheit der Studierenden wäre sie ein ebenbürtiger Verhandlungspartner für die Universität und würde den Anliegen der Studierenden auch mehr Gewicht geben. Zudem könnte durch Mitgliederbeiträge das Budget der Universität um 150'000 Franken – so viel beträgt der jährliche Zuschuss für den StuRa – entlastet, die Fachvereine der verschiedenen Fakultäten unterstützt und das Dienstleistungsangebot, etwa Beratungen und kulturelle Anlässe, ausgebaut werden.

«Und», sagt Gwendolyn Marx, «die Universität hat mit ihren verschiedenen Standorten keinen eigentlichen Campus, entsprechend schwierig ist es ein Wir-Gefühl unter den Studierenden zu schaffen.» Genau dazu könnte aber eine verfasste Studierendenschaft beitragen, meint die 21-Jährige.

Vor allem bei den bürgerlichen Parteien stösst das Anliegen aber nach wie vor auf Skepsis. An der Parlamentssitzung Anfang Februar sass Gwendolyn Marx selbst auf der Tribüne des Rathauses und verfolgte die Debatte. «Viele der Argumente, die gegen die Wiedereinführung einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft vorgebracht wurden, beruhten auf Unsicherheit, was unsere Ziele anbelangt», ist sie überzeugt. Deshalb stellt eine siebenköpfige Arbeitsgruppe des StuRa momentan ein Informationsdossier für die Kantonsrätinnen und –räte zusammen, das sie im April einreichen will. Mit dem geplanten Dossier wollen die Studierenden ihre Absichten deutlicher machen. 

Zwangskörperschaft kein Thema

Doch was sind die Ziele der Studierenden? Die verfasste Studentenschaft soll beispielsweise keine Neuauflage der Zwangskörperschaft werden, wie sie bis 1978 bestand, betont Gwendolyn Marx. Damals wurde jeder Studierende, der sich an der Universität Zürich immatrikulierte auch gleichzeitig Mitglied der Studentenschaft.

Was sich die Arbeitsgruppe des StuRa dagegen heute vorstellen könnte, ist eine automatische Mitgliedschaft, wie sie auch die Universität Bern kennt: «Jeder Studierende gehört dort zuerst einmal der Körperschaft an, er kann bei der Semestereinschreibung aber ein Feld anklicken, wenn er das nicht möchte», erklärt die StuRa-Präsidentin.

Die Bereitschaft der Studierenden der Körperschaft beizutreten und die höchstens 14 Franken Mitgliederbeitrag (2 Prozent der Semestergebühr) zu berappen, schätzt Marx als hoch ein. Zwar wüssten viele gar nicht, dass es einmal eine verfasste Studentenschaft gegeben hat, meint die Psychologie-Studentin, wenn sie in Gesprächen aber die Anliegen des StuRas erklärte, unterstützten sie die meisten Kommilitonen.

Studierendenpolitik hoch halten

Wichtig ist für die Arbeitsgruppe des StuRa ist, dass die Politik auch in einer künftigen Studierendenschaft eine Rolle spielt. «Wir wollen die Studierendenpolitik an der Universität Zürich weiterhin pflegen», betont Gwendoly Marx, «aber es ist auch klar, dass wir uns ausschliesslich auf hochschul- und bildungspolitsche Fragen konzentrieren werden.» Welche Form das politische System künftig annehmen könnte, wird momentan noch diskutiert. Vorstellbar wären etwa zwei Kammern, bestehend aus einem politischen Rat und einem Fachvereinsrat, aus denen eine gemeinsame Exekutive gewählt würde.

Das ist aber alles Zukunftsmusik. Zuerst will die Arbeitsgruppe des StuRa nun Gespräche mit verschiedenen universitären Interessengruppen führen – mit den Fachvereinen und studentischen Parteien genauso wie mit der Universitätsleitung. «Wir versuchen ein integratives Modell für die Körperschaft auszuarbeiten, das lebbar ist und möglichst von allen Seiten unterstützt wird», betont Gwendolyn Marx. Die Geschäftsordnung der Körperschaft soll schliesslich auch von der Erweiterten Universitätsleitung genehmigt werden.

Lobbying bei den Parteien

Dies alles wollen die StuRa-Mitglieder auch den Kantonsratsparteien vermitteln, bei denen sie in den nächsten Monaten vorsprechen wollen. Um so den Boden vorzubereiten für eine aus Studierendensicht möglichst positive Endabstimmung im Kantonsrat. «Wir sind nicht mehr die aufwieglerischen Revoluzzer der 70er-Jahre», betont Gwendolyn Marx, «es wäre nach 32 Jahren an der Zeit, den Studierenden an der Universität Zürich wieder eine Chance zu geben.» Ob eine Mehrheit des Kantonsparlaments auch so denkt, wird sich zeigen. Ein Entscheid ist aber frühestens in einem Jahr zu erwarten.

Studentenschaft der Universität Zürich – ein Opfer ideologischer Grabenkämpfe Die Studierendenpolitik der 1970er-Jahre war an der Universität Zürich von ideologischen Grabenkämpfen zwischen linken und bürgerlichen Studierenden geprägt. Ein Opfer dieser politischen Auseinandersetzung war die Studentenschaft der Universität Zürich (SUZ), die 1978 vom damals amtierenden Erziehungsdirektor Alfred Gilgen abgeschafft wurde. Bis dato waren die Studierenden in einer Zwangskörperschaft organisiert, die ihre Interessen vertrat und mit den Mitgliederbeiträgen ein breites Dienstleistungsangebot aufbaute – etwa die Darlehenskasse oder die Zentralstelle der Studentenschaft, die bis heute als Stiftung die Zürcher Studentenläden betreibt. Erziehungsdirektor Gilgen war die verfasste Studentenschaft schon lange ein Dorn im Auge, und auch bürgerliche Studierende konnten sich mit den linken Positionen und Aktionen der SUZ immer weniger identifizieren. So organisierte etwa die kleine Kammer des Studierendenparlaments, der Kleine Studentenrat, zwischen 1975 und 1978 mit Mitteln des SUZ eigenmächtig Vorträge, zu denen er Rudi Dutschke und andere linke Referenten aus der BRD und der DDR einlud. Die Fronten zwischen Anhängern und Gegnern der SUZ verhärteten sich zusehends. Nach Rekursen von bürgerlichen Studierenden und kontroversen politischen Diskussionen wurde die SUZ per Ende Sommersemester 1978 vom Regierungsrat aufgelöst. Seither ist die Wiedereinführung einer verfassten Studentenschaft ein Dauerbrenner der studentischen Politik an der Universität Zürich. Zwei politische Vorstösse wurden 1987 und 2003 vom Kantonsrat abgeschmettert. Die Studierendenschaft, so der Tenor der bürgerlichen Ratsseite, repräsentiere in keiner Weise die Mehrheit der Studierenden, sondern lediglich eine linke Minderheit.

Roger Nickl ist Redaktor des unimagazins.

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