Humor und Politik

«Von subtil bis primitiv»

Politiker sind mit allen Wassern gewaschen. Daniel Weiss, Slawist und Linguist an der Universität Zürich, hat sich mit Strategien beschäftigt, wie Politiker Humor einsetzen. Seine Einschätzungen präsentiert er am 9. Juli an der «10. International Summer School on Humor and Laughter» an der Universität Zürich.

Roland Gysin2 Kommentare

Von Haus aus ist Daniel Weiss Professor für Slawische Sprachwissenschaft. Für seinen Vortrag an der kommenden «10. International Summer School on Humour and Laughter» an der Universität Zürich hat er sich etwas Spezielles vorgenommen.

Der Linguist hat untersucht, wie es Politiker – von Barack Obama über Sarah Palin, Vladimir Meciar, Lech Walesa bis hin zu Nikita Chruschtschew – mit dem Humor halten. Er hat nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen volksnahen und populistischen Politikern geforscht und sich gefragt, welche Rolle dabei der Humor spielt.

«Summer School on Humour and Laughter» vom 5.–10. Juli, Universität Zürich: Austausch und Präsentation von Forschungsergebnissen.

«Populisten reden dem Volk nach dem Maul, und sie werten», sagt Weiss. «Populismus heisst Reduktion von Komplexität.» Volksnah oder volkstümlich hingegen ist jemand, der «wie du und ich spricht und sich auch so verhält», wobei die Grenzen fliessend sind.

«Hu’s a communist»

Als Leitplanken für seine Einschätzungen dienen Weiss die gängigen Theorien der Humorforschung: Die «Inkongruenztheorie», die «Aggressions-» sowie die «Entspannungstheorie».

Gemäss «Inkongruenztheorie» wird Humor dadurch erzeugt, das jemand zwei Ideen oder Situationen, die üblicherweise nicht zusammenpassen, zusammenführt. Illustriert mit einem Beispiel von Sarah Palin, 2008 Kandidatin für das US-Vizepräsidentenamt:

Palin sitzt im Flugzeug und schaut ein Magazin mit Bildern von Barack Obama an, der zusammen mit dem chinesischen Staatspräsidenten Hu abgebildet ist. Ihr Sitznachbar zeigt auf eine der Fotos und sagt: «Hu’s a communistPalin: «I thought they were asking a question

Daniel Weiss, Professor für Slawische Sprachwissenschaft: «Humor in der Politik richtet sich immer gegen einen politischen Gegner.»

Witzig sind die Fehler der andern

Anders geartet ist der Humor, der sich durch die «Aggressionstheorie» begründen lässt. Ein Humor, den vor allem populistische Politiker pflegen. Das Lachen bei dieser Art von Humor ist ein Auslachen, ein Blossstellen. «Witzig» sind die Fehler, Versäumnisse und Missgeschicke der Anderen:

2007 machte sich Bundesrat Christoph Blocher am Zürcher Sechseläuten über seinen Kollegen Moritz Leuenberger lustig: Leuenberger will den Schweizer Zoll ohne Ausweis passieren. Er müsse erst beweisen, wer er sei, sagt der Zöllner. Roger Federer habe ein wenig Tennis gespielt, und Alex Frei ein Dribbling vorgeführt. Leuenberger sagt, er könne nichts. Der Zöllner: «Ja, dann sind Sie Leuenberger

Der «erste schwarze Präsident»

Die «Entspannungstheorie» geht unter anderem auf Sigmund Freud zurück. Situationen oder Sprüche sind dann komisch, wenn  sie mit dem menschlichen Triebleben in Verbindung gebracht werden. Etwa wenn Barack Obama auf die Frage antwortet, ob Bill Clinton der «erste schwarze Präsident» gewesen sei: «I would have to investigate more of Bill’s dancing abilities, you know, and some of his other stuff, before I accurately judge whether he was in fact a brother

Für die Wahl der Humorstrategie, die am ehesten bei Wählern oder Mitpolitikern verfängt, ist laut Weiss massgebend, in welchem gesellschaftlichen Umfeld man sich bewegt. Um eine gute Stimmung zu erzeugen, würden Politiker manchmal gar eine Spur Selbstironie aufblitzen lassen.

Darüber hinaus jedoch gilt: «Humor in der Politik richtet sich immer gegen einen politischen Gegner». Und die Bandbreite dabei ist riesig, «von subtil bis primitiv».

10. International Symposium on Humour and Laughter Humor und Lachen sind aufstrebende Forschungsbereiche. Seit 2001 führt die «International Society for Humour Studies» jedes Jahr ein Symposium durch – mit steigenden Teilnehmerzahlen. 2010 findet die zehnte «International Summer school and Symposium on Humour and Laughter: Theory an Applications» vom 5.–10. Juli an der Universität Zürich statt. Elf Referenten aus der Schweiz, Grossbritannien, Estland, Frankreich und den USA präsentieren während einer Woche ihre Forschungen unter anderem über «digitalen» oder «religiösen Humor», über «die Funktion des Lachens im Gesundheitswesen» oder über «Witze im Vorschulalter». Organisator der Veranstaltung ist Willibald Ruch, Professor für Empirische Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Universität Zürich.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

2 Leserkommentare

Gregory Siegl schrieb am Antanas Mockus Antanas Mockus, der ehemalige Bürgermeister von Bogota, Kolumbien, ist ein guter Beweis dafür, dass sich Humor in der Politik nicht nur gegen andere Politiker richtet. Er hat durch humorvolle Aktionen in seiner Stadt Einiges erreicht. Man siehe dazu den wikipedia Eintrag. Viel Vergnügen!
Richard Dähler schrieb am von subtil bis primitiv Dieses Referat wird spannend werden, Daniel Weiss ist ein vielseitiger, spannender Professor. Bei ihm zu studieren war Vergnügen in Reinkultur.

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