Neue Ausstellung im Moulagenmuseum

Syphilis in Wachs gebannt

Ob Pocken, Schuppenflechte oder Ekzeme: Moulagen geben Medizinstudierenden und Laien einen fast originalgetreuen Eindruck ganz unterschiedlicher Hautkrankheiten. Rund 600 solcher kunstvollen Wachsnachbildungen sind in einer neuen Sonderausstellung des Moulagenmuseums der Universität und des Universitätsspitals Zürich zu sehen. 

Roger Nickl

Unglaublich echt und etwas grauselig wirken die dreidimensionalen Gesichter und Körperteile, die im Moulagenmuseum der Universität und des Universitätsspitals Zürich zu bestaunen sind. Die aus Wachs gegossenen und bemalten Objekte bilden originalgetreu ganz verschiedene Hautkrankheiten nach. Moulagen waren bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts aus den Vorlesungen der Dermatologen und Venerologen nicht wegzudenken. Anhand der realitätsgetreuen Modelle konnten sich Medizinstudierende ein lebensnahes Bild von Hauterkrankungen machen. Seither wurden die kunstvollen, didaktischen Anschauungsobjekte von Farbdias und Videos allmählich aus den Hörsälen verdrängt – ganz verschwunden sind sie dennoch nicht.

Kinderekzem: Die aus Wachs gegossenen und bemalten Objekte bilden originalgetreu ganz verschiedene Hautkrankheiten nach. (Bild: PD)

Die Sammlung des Moulagenmuseums der Universität und des Universitätsspitals Zürich beherbergt rund 1'800 Moulagen zu den unterschiedlichsten chirurgischen Krankheitsbildern und Hautleiden – von den mittlerweile ausgerotteten Pocken und den selten vorkommenden Syphilis und Tuberkulose bis zu alltäglicheren Hauterkrankungen wie Ekzemen und der Schuppenflechte.

Etwa ein Drittel des Sammlungsbestandes wurde nun in einer neuen Sonderausstellung unter dem Titel «Hundert Blicke auf ein Püggeli. Wachsmoulagen in der universitären Lehre» zusammengestellt. Orientiert haben sich die Kuratoren dabei am Lernzielkatalog für die medizinische Ausbildung. Die einfach verständlichen Begleittexte ermöglichen es aber nicht nur Spezialisten, sondern auch interessierten Laien, sich rasch ein Bild von wichtigen Krankheiten zu machen.

Kunst, Handwerk und Wissenschaft

Die ersten Moulagen entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugleich mit den ersten medizinischen Schriften und Büchern über Hautkrankheiten. Vor dieser Zeit galt die Haut noch nicht als eigenständiges Organ mit spezifischen Krankheiten – Hauterscheinungen wurden vielmehr als Ausdruck eines gestörten inneren Säftegleichgewichts gedeutet und entsprechend behandelt.

In ihrer Arbeit verbanden Moulageure Wissenschaft, Handwerk und Kunst: Zuerst nahmen sie mit Gips oder Silikon einen Abdruck der erkrankten Hautpartie. Dieser wurde dann mit einer eigens dazu hergestellten Moulagemasse aus Wachs oder einem Wachsharzgemisch ausgegossen. Das Positiv wurde anschliessend nachpräpariert und im Beisein des Patienten bemalt. Auf diese Weise entstanden detailgetreue und realitätsnahe Nachbildungen von Hauterkrankungen in Originalgrösse.

Diese Realitätsnähe macht die Moulagen heute für Medizinstudierende wieder interessant. Die Wachsnachbildungen stellen eine wichtige Ergänzung zu den Fotografien von Hautkrankheiten dar. Aus diesem Grund finden im Zürcher Moulagenmuseum seit einiger Zeit auch wieder Dermatologie-Vorlesungen statt. Und so haben die Moulagen nach Jahren, in denen sie in Vergessenheit zu geraten drohten, wieder einen festen Platz im Medizinstudium.

«Hundert Blicke auf ein Püggeli. Wachsmoulagen in der universitären Lehre» Sonderausstellung im Moulagenmuseum Zürich, Haldenbachstrasse 14, 8091 Zürich

Roger Nickl ist Redaktor des unimagazins.

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