Die Zukunft der Hochschule

Streiten zum Wohl der Universität

Schwindet an der Universität das fächer- und fakultätsübergreifende Verständnis und kommt das Nachdenken über wissenschaftliche Grundfragen zu kurz? Zehn Thesen des ehemaligen Leiters der Abteilung Forschung und Nachwuchsförderung der Universität Zürich.

Hansueli Rüegger1 Kommentar

Denkraum Universität: Die Verständigung zwischen den Wissenschaften ist nur möglich über eine Gemeinsprache, so eine der Thesen von Hansueli Rüegger. (Bild: Frank Brüderli)

 

  1. Die Universität ist keine spannungslose Einheit – weder als Idee noch als Institution. Sie vereint Gelehrte und Studierende und sie verbindet verschiedene Wissenschaften. Das Widerspiel der Kräfte ist ihr inhärent.

  2. Die Spannungen haben sich vermehrt und verschärft. Wo es um die Einführung neuer Massnahmen oder die Verteilung von Ressourcen geht, ist es frappant, wie wenig Verständnis den jeweils anderen Fachbereichen eingeräumt wird.

  3. Das idealistische Bild der Wissenschaft als einer «Einheit und Allheit der Erkenntnis» hat sich in eine unüberschaubare Vielfalt von Teildisziplinen auseinanderdividiert.

  4. Wissenschaften differenzieren sich nicht nur aus, sondern teilen sich auch institutionell. Das ist besonders bedeutsam bei der Entzweiung der philosophischen Fakultät, die ursprünglich auch Mathematik und Naturkunde umfasste. Sie diente einst als Vorbild für die Neubegründung der Universität und war Garant ihrer Einheit.

  5. Obwohl wir heute nicht mehr den Anspruch haben, an eine Gesamtheit des Wissens zu denken, müssen wir uns doch dem Anspruch stellen, unsere Erkenntnisse in einem umfassenden Zusammenhang zu reflektieren. Nicht mehr für das Ganze kann die Universität einstehen, aber doch für den Anspruch, das Partikulare zu überwinden.

  6. Das Gesetz der Mitteilung wissenschaftlicher Erkenntnis hat nicht nur innerhalb der Grenzen eines Fachs oder einer Fakultät Geltung. Eine Verbindung von Fakultäten, die im Sinne ihrer idealistischen Begründung Universität sein will, muss notwendig eine dialogische Universität sein.

  7. Eine Verständigung zwischen den Wissenschaften ist nur möglich über eine wohlgebildete Gemeinsprache, in welche die jeweiligen Erkenntnisse unter Wahrung ihrer eigentümlichen Perspektive übersetzt werden müssen.

  8. Wir brauchen ein «studium generale» – einen Denkraum, in dem Studierende und Forschende über grundlegende Strukturen und Funktionen wissenschaftlichen Denkens reflektieren und aus den verschiedenen Disziplinen Beispiele wissenschaftlicher Forschung kennenlernen.

  9. Das Nachdenken über die eigenen Grundlagen bedeutet, sein Denken und Tun als Theologin oder als Physiologe, als Physikerin oder als Philologe zu verstehen suchen. Und just indem ich kennenlerne, wie Andere denken und was sie tun, lerne ich die Eigenart meiner Disziplin kennen und was sie von andern unterscheidet.

  10. Wir können nicht mehr Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften in eine Fakultät integrieren. Und wir können nicht mehr die Einheit der Gesamtheit der Wissenschaften postulieren. – Aber wir können versuchen, den universitären Diskurs wiederzugewinnen, der wissenschaftliche Disziplinen in der Nachdenklichkeit zum Dialog führt. Deshalb rufe ich den Fakultäten zu: Sucht den Streit in akademischem Sinn zum Wohl der Universität.

Zur Person

Hansueli Rüegger (51) war zehn Jahre lang Leiter der Abteilung Forschung und Nachwuchsförderung der Universität Zürich. Er studierte deutsche Philologie und Theologie in Zürich.

Hansueli Rüegger: «Die Universität steht für den Anspruch, das Partikulare zu überwinden.»
Rüegger initiierte die Online-Schriftenreihe «Quo vadis universitas? Kritische Beiträge zur Idee und Zukunft der Universität»und befasst sich mit philosophischen Fragen der Universität. Die Thesen sind eine Zusammenfassung seiner Abschiedsrede vom 23. Juni 2010, «Universitas – was eint die Vielfalt?».

1 Leserkommentar

Hermann Schultze schrieb am Studium Generale Ich war über 30 Jahre Chefredakteur einer populär-wissenschaftlichen Zeitschrift. Ich kannte nur Naturwissenschaften und Medizin (studiert). Nachdem ich von den Naturwissenschaften die Nase voll hatte, habe ich mich der Philosophie und der Theologie zugewendet. Hatte ich früher glauben müssen, es gäbe keinen Gott, so habe ich danach gesehen: Ja! Es gibt einen Gott. Und daraus ist unser Buch entstanden "Glaube, Gott und Wissenschaft" (3. Auflage).

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