Aggressive Vierbeiner

Hund beisst Mensch

Was macht Hunde aggressiv? Weshalb verhalten sich gewisse Rassen besonders auffällig? Und welchen Anteil haben Hundehalter, wenn Schosstiere zu Beissern werden? Für den Veterinär-Neurologen Frank Steffen ist klar, die Aggression ist nur in seltenen Fällen durch eine Krankheit begründet.

Marita Fuchs

In der Schweiz leben eine halbe Million Hunde und fast drei Mal so viele Katzen. Jedes Jahr müssen sich rund 13'000 Personen wegen Hundebissen medizinisch versorgen lassen.

«Hund beisst Mensch»: Verhaltenskonsultationen am Tierspital Zürich mit der Veterinärmedizinerin Maya Bräm.

Mensch und Hund haben zwar eine fast fünfzigtausend Jahre lange gemeinsame Geschichte, doch das Verhältnis ist und bleibt problematisch. Deuten Menschen das Verhalten des Hundes falsch, beisst er zu. 60 Prozent aller Bissverletzungen sind darauf zurückzuführen.

Normale und krankhafte Aggression

Wer weiss, wie Hunde ticken, kann sich besser schützen. Wird das Territorium des Hundes nicht beachtet, reagiert das Tier. Es klemmt die Rute ein, knurrt und zeigt die Zähne – ein natürliches Verhalten von angeborener Aggressivität, etwa um Junge zu verteidigen. Normal ist auch die Aggression, die der Hund braucht, um erfolgreich zu jagen.

Hunde, die falsch erzogen und gehalten werden, sind jedoch über ihre natürliche Veranlagung hinaus aggressiv. «Es ist wichtig, einschätzen zu können, wie gefährlich ein Hund ist», sagt Veterinär-Neurologe Frank Steffen von der Universität Zürich.

2009 behandelte Steffen total 700 Hunde, davon 20 (3 Prozent) mit einer auffälligen Aggression. In der Regel liegt keine Hirnerkrankung vor, sondern eine Verhaltens- oder Hyperaktivitätsstörung. Die Ursache solcher Störungen werden am Tierspital in der Verhaltenssprechstunde mit der Veterinärmedizinerin Maya Bräm abgeklärt (siehe dazu das Video).

Tier-Neurologe Frank Steffen: «Aggression ohne Vorwarnung ist ein Hinweis dafür, dass eine Krankheit vorliegt.» (Bild: Marita Fuchs)

Sind Tiere ungewöhnlich aggressiv, kann das in sehr seltenen Fällen auch neurologische Ursachen haben. Etwa bei der Rottweilerhündin Blanca, die während einer Untersuchung plötzlich nach Steffens Arm schnappte und bei der die Abklärungen ergaben, dass sie an einer Hirnentzündung leidet. «Aggression ohne Vorwarnung ist ein Hinweis dafür, dass eine Krankheit vorliegt», erklärt Steffen.

Bissige Katzen

Tiere können aber auch aggressiv werden, wenn sie Schmerzen haben. Kürzlich biss eine Katze im Tierspital eine Pflegerin krankenhausreif. Grund: Das Tier litt an Blasensteinen. Nach der Operation war die Katze wieder umgänglich.

Auch Unfälle am Kopf können Aggressionen hervorrufen, etwa wenn verhaltensrelevante Areale des Gehirns wie der Stirnlappen verletzt werden. Zudem können auch Missbildungen im Bereich des Gehirns oder Vergiftungen zu auffälligen Verhaltensweissen führen. Vor allem im Frühstadium von Krankheiten fehlen andere neurologische Zeichen, so Steffen.

Häufig glauben Halter von bissigen Hunden, ihr Tier leide an einem Hirntumor. Dem ist jedoch meist nicht so. Lediglich fünf Prozent aller Hunde mit Hirntumor verhalten sich auffällig.

Anders bei Katzen. «Die Rate aggressiver Katzen, deren Verhalten in einem Hirntumor begründet ist, liegt bei rund zwanzig Prozent. Die Aggressionen können jedoch auch durch Kopfschmerzen ausgelöst werden, denn Katzen reagieren auf Schmerzen heftiger als Hunde», erläutert Steffen.

Veränderungen im Mandelkern

Pathologische Untersuchungen haben gezeigt, dass bei einigen aggressiven Hunden der Mandelkernbereich im Gehirn vergrössert ist. «Das kann möglicherweise durch Hormone ausgelöst oder durch Reize einer fehlerhaften Haltung angestossen werden», vermutet Steffen. «So könnten sich wiederholte und unangemessene Bestrafungen auch als sichtbare Veränderungen in der Hirnstruktur auswirken.»

Heute weiss man auch, dass Hunde mit einem sogenannten D2-Dopamin-Rezeptor bedeutend aggressiver sind als Hunde ohne diesen Rezeptor. Ein Dopamin-Rezeptor ist an die Zellmembran gebunden. Er ist die Empfangseinheit für Signale des Neurotransmitters Dopamin. Der Rezeptor wird vererbt.

Davon betroffen sind zum Beispiel Hunderassen wie der belgische oder deutsche Schäfer. Kein Wunder, werden gerade sie häufig im Polizeidienst eingesetzt.

Was tun, wenn der eigene Hund aggressiv ist, grundlos beisst, jedoch keine neurologische Krankheit vorliegt? Eine Konsultation bei der Veterinärmedizinerin Maya Bräm vom Tierspital Zürich zeigt, wie man am besten vorgeht. Termine bitte direkt vereinbaren mit: Dr. med. vet. Maya Bräm, dipl. «Verhaltensmedizin» STVV und Veterinary Herbal Medicine, mbraem@vetclinics.uzh.ch Mobile 076 455 41 50

Veranstaltungshinweis : « Malariakontrolle – endlich Fortschritte» Das Zürcher Zentrum für Integrative Humanphysiologie der Universität Zürichorganisiert regelmässig Veranstaltungen unter dem Titel «Wissen schafft Wissen», kürzlich zum Beispiel mit dem Tier-Neurologen Frank Steffen über aggressive Hunde. Nächste Veranstaltung: «Malariakontrolle – endlich Fortschritte» Mit Professor Christian Lengeler vom Schweizerischen Tropeninstitut Basel und Felix Grimm vom Institut für Parasitologie der Universität Zürich. Montag, 31. Mai 2010, 18 bis 19.30 Uhr Careum, Gloriastrasse 16, 8006 Zürich, Raum 222 «Plenum», Tramlinie 5/6 bis Haltestelle «Platte» Eintritt frei

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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