Timothy Garton Ash an der Universität Zürich

«Europe has arisen»

Der englische Historiker und Journalist Timothy Garton Ash war gestern aus Davos vom «World Economic Forum» angereist, um den ersten Vortrag in der Veranstaltungsreihe des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung zu halten.

Marita Fuchs1 Kommentar

In der Aula der Universität Zürich bezog sich Timothy Garton Ash zu Beginn seines Vortrags über «Europa in einer nichteuropäischen Welt» auf die geschichtsträchtigen Worte, die 1946 Winston Churchill hier gesprochen hat. In seiner Rede an die Europäische Jugend hatte der britische Premiermininster damals ausgerufen: «Let Europe arise».

Timothy Garton Ash in der Aula der Universität Zürich. (Bild: Christoph Laszlo)

«Europe has arisen», sagte Ash, doch stehe es heute vor neuen gewaltigen Aufgaben. Er sehe vor allem drei wichtige  Herausforderungen, denen Europa sich stellen müsse. Da sei zum einen die Immigration hunderttausender muslimischer Einwanderer nach Europa. Nach den Anschlägen von London und Madrid und dem Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh sei das Problem immer brisanter geworden.

Kulturelle Schizophrenie

Wie soll man den Einwanderern begegnen, wie sie am besten in unsere Gesellschaft integrieren? Es gebe viele Bürger in Europa, die in zwei Welten leben, zum Beispiel in einer türkischen und einer deutschen. Weder separatistischer Multikulturalismus noch republikanischer Monokulturalismus seien Erfolg versprechende Modelle, meinte Ash. Integrationspolitik könne auch nicht auf der Annahme basieren, dass Millionen von Muslime in Europa ihren Glauben aufgeben. In Zukunft müsse man sich primär dafür einsetzen, dass die muslimische Jugend in ihren Ursprungsländern bessere Zukunftschancen hätten.

Renaissance Asiens

Die zweite Herausforderung Europas liege in der Renaissance von Indien und China. Die Europäer gingen immer noch davon aus, dass sie die Saat moderner Entwicklungen gelegt hätten. Doch so alte Kulturen wie Indien und China hätten schon vor den Europäern eine Hochkultur gehabt und eine frühe Blüte erlebt. Heute seien diese Staaten wieder auf dem Vormarsch und hier gehe der Wandel schnell vonstatten. Wirtschaftsmächte wie Indien und China stellten eine Konkurrenz dar, die die europäische Leistungsbereitschaft immer mehr herausfordere.

Gemeinsame europäische Aussenpolitik

«Wir brauchen endlich eine gemeinsame europäische Aussenpolitik, damit wir unsere Interessen in einer zunehmend nichteuropäischen Welt verteidigen können», forderte Ash. Der Öffentlichkeit müsse man erklären, warum es sinnvoll sei, eine gemeinsame Aussenpolitik zu verfolgen, zum Beispiel gegenüber China, denn zusammen sei man stärker als allein.

Herausforderung Klimawandel

Eine weitere Herausforderung bestehe im Klimawandel, fuhr Ash fort. Hier sei die gesamte Menschheit gefragt, sich für den Schutz des Planeten einzusetzen. Bisher sei dafür zu wenig getan worden, wie der Kongress über den Klimawandel in Kopenhagen jüngst gezeigt hätte.

In der anschliessenden Diskussion äusserte sich Ash kurz auch zur Minarett-Debatte. Die Briten hätten sich – bei einer Abstimmung – wahrscheinlich nicht für ein Minarett-Verbot entschieden. Nach Ansicht des Historikers lenke die Minarett-Abstimmung auch von den echten Problemen ab. Ash warnte vor einer polarisierten Debatte um ein Symbol. Es gehe nicht um Islam oder Anti-Islam, Minarette oder die Burka, sondern um die Frage, wie sich unterschiedliche Kulturen in eine Gesellschaft integrieren lassen.

Timothy Garton Ashist Historiker und Journalist. Er studierte Geschichtswissenschaften in Oxford, an der Freien Universität Berlin und an der Humboldt-Universität im ehemaligen Ostberlin. Heute forscht und unterrichtet er am St. Antony's College der Universität Oxford als Professor für European Studies, ist Direktor des European Studies Centre und Gerd Bucerius Senior Research Fellow für Zeitgeschichte. Am Hoover-Institut der Universität Stanford ist er Senior Fellow. Neben seiner akademischen Tätigkeit schreibt Garton Ash regelmässig für die «New York Review of Books», «The Independent» und die «Times».

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

1 Leserkommentar

Ervan Rached schrieb am Nichts Neues zur Integration Einmal mehr, so scheint mir, ist zum Thema Integration nichts Neues gesagt worden: Gutformulierte Gemeinplätze, die kaum jemanden verärgern. Kernthemen wie (latenter) Rassismus und reale Diskrimination sind unbeliebt und widersprechen einem idealisierten Selbstbild der Europäer. Umgekehrt schlösse eine konsequente Gleichbehandlung und Gleichstellung ALLER Mitbürger/innen eine anbiedernde und letztlich diskriminiernde "Rücksichtnahme" auf religiöse und kulturelle Minderheiten aus. Ich wünschte mir einen kritischeren und weniger gefälligen Diskurs. Beliebt macht man sich damit vermutlich nicht; bei keiner Seite. Darum wird wohl noch ewig auf gepflegten und vertrauten Wegen sicher weitergekreist.............

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