Bologna an der Philosophischen Fakultät

«Ein Nebenfach reicht» – «Einspruch, zwei!»

Mehr Mobilität, mehr Flexibilität, weniger Prüfungen: Die Philosophische Fakultät arbeitet zurzeit an Verbesserungen der Studienbedingungen. Ein kontroverses Thema ist dabei die Zahl der Nebenfächer, wie die folgende Debatte mit der Indologin Angelika Malinar und dem Historiker Philipp Sarasin zeigt. 

Moderation: Roland Gysin und David Werner3 Kommentare

Frau Malinar, Sie lehren erst seit eineinhalb Jahren in Zürich. Wie erleben Sie die Diskussionen um die Studienreform in Ihrer Fakultät?

Angelika Malinar: Als schwierig und anstrengend, aber auch als anregend und produktiv. Der unterschiedlichen Fachkulturen wegen gehen die Positionen zum Teil auseinander. Die Reform hat traditionelle Bildungsideale infrage gestellt; Antworten darauf, welche Bildung die Universität im 21. Jahrhundert vermitteln soll, müssen wir aber erst noch finden. Es steht noch viel Denkarbeit bevor. Wir stehen, glaube ich, nicht am Ende der Reform, sondern erst am Anfang.

«Von England aus betrachtet hat hier die Reform noch gar nicht richtig begonnen.» Indologin Angelika Malinar (49). (Bild: Journal)

Herr Sarasin, was ist Ihr Fazit zu den bisherigen Reformbemühungen am Historischen Seminar?

Philipp Sarasin: Wir haben nicht auf die Reform gewartet, aber es war gut, dass sie kam. Ein komplexes System wie die Universität braucht von Zeit zu Zeit einen Anstoss, um Gewohntes zu überdenken. Zum Beispiel veranlasste uns die Reform am Historischen Seminar dazu, einmal grundsätzlich zu überlegen, was wir den Studierenden in den ersten drei Semestern überhaupt beibringen wollen. Unser ursprünglich sehr schludrig und lieblos konzipiertes Grundstudium hat jetzt durchdachte Strukturen.

Eine derzeit kontrovers diskutierte Frage in der Philosophischen Fakultät ist, wie die Gewichte zwischen Haupt- und Nebenfach verteilt werden sollen – und ob es künftig nur noch ein Nebenfach geben soll.

Sarasin: Die grossen und die kleinen Fächer sind hier geteilter Ansicht. Bisher machte das Hauptfach meist die Hälfte des Gesamtaufwandes für den Bachelor aus, also 90 von 180 ECTS-Punkten. Grosse, komplexe Fächer wie Geschichte oder Germanistik bräuchten im BA aber meiner Meinung nach einen Umfang von 120 Punkten, um den Studierenden die Grundlagen des (Haupt-)Fachs beizubringen. Ein grosses Nebenfach verlangt 60 Punkte – weniger ist definitiv nicht sinnvoll –, ergo hat es im BA keinen Platz mehr für ein zweites Nebenfach mit 30 Punkten. Für mich wäre ein Dualsystem mit einem Hauptfach (120 Punkte) und einem Nebenfach (60 Punkte) das Klügste.

Das entspricht der Empfehlung, die externe Peers für die Philosophische Fakultät abgegeben haben.

Sarasin: Die Peers haben zu Recht das komplizierte Gemisch aus Dreifächer- und Zweifächersystemen an unserer Fakultät kritisiert.

«Leider kochen die meisten Institute ihre eigene Suppe.» Historiker Philipp Sarasin (54). (Bild: Journal)

Malinar: Einspruch! Das zweite Nebenfach ist eine wertvolle Zusatzqualifikation, die man als Option beibehalten sollte. Als kleines Fach rekrutiert die Indologie spätere Hauptfachstudierende häufig unter jenen, die das Fach zunächst als zweites Nebenfach zu studieren begonnen haben.

Sarasin: Für diese Optik der kleinen Fächer habe ich Verständnis. Trotzdem: Der Regelwirrwarr, den wir haben, verursacht viel Ärger.

Zeichnet sich in der Fakultät eine Lösung ab?

Sarasin: Wenn ich es recht sehe, geht der sich abzeichnende  Kompromiss dahin, im MA ein reines Dualsystem einzuführen, im BA aber um der Fächervielfalt willen das Nebeneinander von Zwei- und Dreifächerstruktur prinzipiell beizubehalten.

Malinar: Ich favorisiere die offene Lösung. Im BA sollten die Dualkombination 120/60 und 150/30 als auch die Dreifachkombination 120/30/30 möglich sein. Ebenso im MA. Im europäischen Kontext steht die UZH mit ihrer Fächervielfalt in der Philosophischen Fakultät einzigartig da und ist deshalb attraktiv. Für wen ist denn die Dreifächerstruktur ein Problem? Gewiss nicht für die Studierenden – sie fordern ja möglichst viele Wahlmöglichkeiten.

Sarasin: Es gibt gute Argumente für ein striktes Dualsystem: Erstens reicht ein 30-Punkte-Nebenfach oft nicht für den Übertritt an eine andere Universität. Zweitens ist ein klares Dualsystem viel einfacher zu verwalten. Und drittens bin ich überzeugt, dass ein 30-Punkte-Nebenfach inhaltlich nur einen sehr schmalen Ertrag bringt. Für ein gymnasiales Lehramt reicht es beispielsweise nicht. Aber wie gesagt, die Stimmung in der Fakultät tendiert zu einer Beibehaltung der Dreifächerkombination. Ich kann damit leben.

Wir haben bisher nur von fakultätsinterner Koordination gesprochen. Um die Studierendenmobilität zu erleichtern, müssten sich die Fächer auch auf nationaler und internationaler Ebene absprechen.

Sarasin: Theoretisch schon. Leider aber kochen die meisten Institute ihre eigene Suppe. Die historischen Seminare in Basel, Bern und Zürich haben sich noch nie an einen Tisch gesetzt, um zum Beispiel die Frage zu diskutieren, mit wie vielen Punkten eine Seminararbeit bewertet werden soll.

Malinar: Fach-Agreements scheitern an den Idiosynkrasien der Universitäten, das ist auch meine Erfahrung in Deutschland, obwohl die indologischen Institute versucht haben, sich zu verständigen.

Da ist gar nichts zu machen?

Malinar: Das Paradoxe an Bologna ist, dass die Einführung des Punktesystems Bestrebungen zur Harmonisierung der Studienprogramme nicht erleichtert, sondern erschwert hat. Die Bemühungen um Transparenz hatten zur Folge, dass nun erst richtig sichtbar wurde, wie gross die Unterschiede sind.

Sarasin: Dazu kommt, dass die ECTS-Punkte nur scheinbar eine Einheitswährung sind. In Wirklichkeit hat jede kleine Stadtrepublik – sprich Universität – ihre eigene Punktewährung, die dummerweise schon in der Nachbarstadt ungültig ist. Da bleibt nichts anderes als Einzelfallprüfungen. Man beisst auf jede Münze, um herauszufinden, ob Silber drin ist. Es fehlt die Zentralbank, die bestimmt, wofür es wie viele Punkte gibt. Die Schweizer Hochschulrektorenkonferenz (CRUS) hat es versäumt, verbindliche Vorgaben zu machen, wie viele Punkte zum Beispiel ein Hauptfach, ein Nebenfach, ein Seminar und eine Vorlesung erfordern.

Malinar: Man hat sehr viel formalisiert und quantifiziert, es dann aber den Universitäten freigestellt, Abschlüsse anzuerkennen oder nicht. Studierende weisen nun Punkte vor, aber ob diese dann anerkannt werden, ist eine andere Frage.

Sarasin: Was Not täte, wäre eine Art Schengen-Abkommen für Bologna-Punkte. Wenn man etwa in Leyden studiert hat, dann braucht es keine Einzelfallprüfung mehr, wie das heute gang und gäbe ist.

Haben Sie keine Bedenken, dass ohne Einzelfallprüfungen Schweizer Universitäten von Mobilitätsstudierenden überschwemmt werden, die hiesige Standards nicht erfüllen?

Malinar: Entweder gilt: BA ist BA und berechtigt in ganz Europa zu einem entsprechenden Master, oder man überlässt die Zulassungsprüfungen den einzelnen Studiengängen. Es darf aber nicht sein, dass mir vorgeschrieben wird, wen ich als Studentin oder Student akzeptieren soll und wen nicht. Wenn ich überzeugt bin, dass jemand mit einem MA-Abschluss die Voraussetzungen für eine Promotion erfüllt, sollte mir die Entscheidung überlassen bleiben.

Sarasin: Ich sehe das ähnlich. Die UZH ist international bekannt dafür, dass sie viele Nachqualifikationen für den Master verlangt. Das muss nicht sein. Ich plädiere für grösstmögliche Flexibilität. Will jemand aus den USA an der UZH zum Beispiel im Fach Anglistik eine Dissertation schreiben, der kein Latein kann, obwohl wir das hier vorschreiben, sollte man ihn zulassen. Ein BA-Abschluss an einer, wenn man so will, «satisfaktionsfähigen» europäischen Universität sollte zum Übertritt in die entsprechende Masterstufe an eine andere Universität befähigen. Wenn es sein muss, kann man ja immer noch eine graue Liste «zweifelhafter Universitäten» erstellen, die eine Einzelfallprüfung erfordern.

Bologna: Reform der Reform Die Philosophische Fakultät hat eine Reform der Studienreform eingeleitet. Sie hat sich im Wesentlichen folgende Ziele gesetzt: geringere Prüfungsbelastung, Vereinfachung der Studienarchitektur, verbesserte Kompatibilität der Abschlüsse im schweizerischen und europäischen Vergleich, Festlegung von Brückenregelungen im Übergang vom Bachelor (BA) zum Master (MA).

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH. David Werner ist Redaktor beim Journal.

3 Leserkommentare

Beatrice Kohler schrieb am Bremsende Einführungen Was viele Studierende an einem flüssigen Studium hindert, ist mangelnde Flexibilität im Grundstudium, beziehungsweise beim Übertritt von BA zu MA Studiengängen. Sicherlich macht es Sinn, in den ersten Semestern einführende Seminare und Vorlesungen zu geben, doch sollte man den Studierenden mehr Eigenständigkeit zugestehen und im Falle von Geschichte z.B. Hauptseminare und Proseminare parallel buchen können. Im Falle von Filmwissenschaften - meinem Nebenfach - ist es beispielsweise nicht möglich, ein Seminar zu buchen, bevor man nicht Filmanalyse I&II, Filmgeschichte und ein Proseminar besucht hat; dies macht schlicht keinen Sinn und verlängert die Anzahl Semester unnötigerweise.
Thomas Schmutz schrieb am Geschichte als Beispiel Ich finde, man soll Geschichte im Hauptfach mit 90 Punkten so weiterleben lassen. Denn eine 120er Lösung würde bedeuten, dass die Studenten schon sehr früh sich entscheiden müssten, ob sie z.B. Germanistik im Hauptfach nehmen oder Geschichte. Das System mit zwei Hauptfächern (90,90) oder zwei Nebenfächer ist sicher ideal. Aber: Man könnte - wenn man schon auf 120 erhöhen möchte - durchaus mehr verlangen in der Geschichte im momentanen Zustand. Ich kenne keinen Student, der das System mit den 3 Proseminaren wirklich toll findet. Die meisten brechen das Geschichtsstudium deshalb ab (oder nehmen es ins Nebenfach), weil sie spätestens ab dem Proseminar 2 genug haben von der rein handwerklichen Einführung ins Studium. Ich wäre dafür, dass man Inhalte vom Proseminar 3 auf das erste Jahr verteilt (damit auch die Nebenfächler eine Ahnung von Geschichtstheorie haben und nicht nur Bibliographieren können). Dazu finde ich 3 Seminare (1 pro Zeit) bzw. 2 Kolloquien zu wenig.
Felix Lüscher schrieb am Bologna: Dekane ohne Ideen Bologna ist eine Katastrophe und nicht funktionstüchtig. Dennoch sind die Verantwortlichen nicht in der Lage oder Willens, das Fiasko einzugestehen und die Todgeburt zu begraben. Wer meint, riesige, komplexe Systeme wie das Europäsche Hochschulwesen synchronisieren zu wollen, ohne massive Abstriche an Vitalität und Individualität und damit auch an Flexibilität innerhalb der Institute zu machen, ist naiv oder verblendet. Trotz salbungsvollen Worte zeigt sich, dass den Dekanen die Ideen ausgegangen sind und sie sich auch kaum mehr verantwortlich fühlen. Sie haben ihre Verantwortung nach oben delegiert, was nur zu verständlich ist, da sie ja auch gar keine Handlungs-&Entscheidungsfähigkeit mehr haben. Das System ist zu gross und zu träge; auf Schwierigkeiten kann nicht mehradäquat reagiert werden. Es ist darum auch kein Wunder, unterlässt es der Grossteil der Studierenden, obwohl mit Bologna unzufrieden, sich an frustrierenden Alibiübungen wie dem „Tag der Lehre“ zu beteiligen.

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