Dies academicus 2010

Baum des Lebens, Baum der Sprache

Die Universität Zürich hat an ihrem 177. Dies academicus die Schriftstellerin Klara Obermüller, den Sauriermuseumsgründer Hans Jakob Siber und den Wissenschaftskommunikator Beat Glogger mit einem Ehrendoktortitel geehrt. Die neuen Ständigen Ehrengäste der UZH sind der Unternehmer und Mäzen Branco Weiss und Staatssekretär Michael Ambühl.

Kommunikation

Die Universität Zürich hat am Samstag, den 24. April 2010, in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur den Dies academicus zur Erinnerung an ihre Gründung festlich gefeiert.

Die Ehrendoktoren 2010 (von l.n.r.): Prof. Edward P. Lazear, Prof. Giorgio Malinverni, Prof. Christian Haass, Dr. Branco Weiss, Rektor Andreas Fischer, Prof. Susan L. Ustin, Hans Jakob Siber, Dr. Klara Obermüller, Beat Glogger, Mona Zulficar. (Bild: Frank Brüderli)

Rektor Andreas Fischer widmete seine Dies-Rede dem Thema Sprachenvielfalt. In einem Gedankenexperiment übertrug er die Evolutionstheorie auf die Geschichte der Sprachen und lotete Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Verfahrens aus. Er stellte fest, dass andauernde Variantenbildung sowohl bei Lebewesen als auch bei Sprachen vorkomme. Dagegen fehle bei der Herausbildung von Sprachen ein klares Selektionskriterium, das darüber bestimme, welche Merkmale sich durchsetzten.

Rektor Andreas Fischer: «Ohne Sprachendiversität gäbe es weniger kulturelle Vielfalt und weniger kulturelle Identität.» (Bild: Frank Brüderli)

Das Prinzip des «survivel of the fittest» gelte unter Sprachen nicht, sprachliche Strukturmerkmale liessen sich nicht als evolutionäre Vor- oder Nachteile interpretieren. «Ich wage die Behauptung, dass sämtliche Sprachen der Welt von ihrer Komplexität und Funktion her grundsätzlich gleich sind, dass man also nicht fittere von weniger fitten Sprachen unterscheiden kann», sagte er. Bei der Herausbildung von Sprachen sei zudem ein Faktor von Bedeutung, der bei der Entstehung von Lebensformen keine Rolle spiele. Das Bewusstsein einer Gruppe nämlich, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, die sich von anderen Sprachen unterscheide.

Mehr Zeit für den Mittelbau

Julian Führer, Ko-Präsident der Vereinigung akademischer Mittelbau an der Universität Zürich (VAUZ), setzte sich in seiner Rede kritisch mit Reformansätzen im Mittelbau auseinander. Der Mittelbau brauche vor allem Zeit für die Qualifikation und eine wirtschaftliche Absicherung, welche die volle Konzentration auf die Qualifikation ermögliche.

Julian Führer: Hochqualifizierte Assistierende nicht für zeitraubende Hilfsaufgaben heranziehen. (Bild: Frank Brüderli)

«Wer an einer guten Universität auch einen guten Mittelbau will, muss ihm genügend Zeit für seine Forschung einräumen und sollte hochqualifizierte Assistierende nicht für zeitraubende Hilfsaufgaben heranziehen», sagte er und betonte, dass manche Fakultäten diesbezüglich bereits auf einem guten Weg seien.

Ehrendoktorwürden der Fakultäten

Die Theologische Fakultät der Universität Zürich verlieh die Würde einer Doktorin ehrenhalber an Dr. Klara Obermüller in Anerkennung ihrer schriftstellerischen und journalistischen Arbeiten über Themen der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, der Religion und der Akzeptanz von Minderheiten.

Die Rechtswissenschaftliche Fakultät würdigte Prof. Dr. Giorgio Malinverni mit einem Ehrendoktortitel für seine europaweite Verteidigung der Menschenrechte in Wissenschaft, Lehre und Praxis.

Menschenrechte sind auch das Anliegen von Mona Zulficar. Ihr verlieh die Rechtswissenschaftliche Fakultät ebenfalls einen Ehrendoktortitel und würdigte so ihre couragierte Einflussnahme zugunsten universeller Menschenrechtsansprüche und Geschlechtergerechtigkeit in Ägypten sowie ihren Beitrag zum wissenschaftlichen Menschenrechtsdiskurs auf internationaler Ebene.

Prof. Edward P. Lazear hat sich um die Begründung und Weiterentwicklung der Personalökonomik verdient gemacht und wurde hierfür von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mit einem Ehrendoktortitel geehrt. Das Gebiet der Personalökonomik gehört heute zu den dynamischsten der Wirtschaftswissenschaften, es zeigt in idealer Weise die Fruchtbarkeit einer engen Verzahnung von Betriebs- und Volkswirtschaftslehre.

Die Medizinische Fakultät verlieh die Würde eines Doktors ehrenhalber an Prof. Dr. Christian Haass und anerkennt auf diese Weise seine Beiträge zur Beschreibung der intramembranären Proteolyse wie auch deren Bedeutung für die Neurodegeneration.

Die Vetsuisse-Fakultät anerkennt mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Beat Glogger dessen grosse Verdienste in der Kommunikation wissenschaftlicher Inhalte, und sie zeichnete ihn dafür aus, dass er mit seinen Werken wesentlich zum Verständnis naturwissenschaftlicher und medizinischer Zusammenhänge beiträgt.

Mit einem zweiten Ehrendoktortitel würdigte die Vetsuisse-Fakultät Prof. Dr. Priscilla Wyrick. Sie wird geehrt für ihre Jahrzehnte lange Forschung über Chlamydieninfektionen bei Mensch und Tier und auch für ihre Förderung des wissenschaftli­chen Nachwuchses und der interdisziplinären Zusammenarbeit.

Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich verlieh die Würde eines Doktors ehrenhalber an Prof. Dr. Jean-Pierre Sauvage in Anerkennung seiner Beiträge zur Entwicklung neuer Topologisch-Stereochemischer Methoden und deren Anwendung im Design von molekularen Mechanismen.

Die Würde eines Doktors ehrenhalber verlieh die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät auch an Hans Jakob Siber in Anerkennung seines Beitrags zur Saurierforschung. Gewürdigt werden sowohl seine wissenschaftlich bedeutsamen Ausgrabungen wie auch der Aufbau des Sauriermuseums Aathal, in welchem er die Zeit der Dinosaurier einem grossen Publikum nahe bringt.

Ein dritter Ehrendoktortitel ging an Prof. Dr. Susan L. Ustin. Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät anerkennt damit ihre Beiträge zur Extraktion von Ökosystem relevanten Informationen aus Fernerkundungsdaten. Diese Beiträge stützen sich insbesondere auf die Verwendung von physikalisch basierten, quantitativen und räumlich expliziten Methoden für Pflanzen, Böden und hydrologische Anwendungen.

Neue Ständige Ehrengäste: Branco Weiss und Michael Ambühl

Zu den Ständigen Ehrengästen der Universität Zürich ernannt wurden an der diesjährigen Feier Dr. Michael Ambühl und Dr. Branco Weiss.

Während sich Dr. Michael Ambühl im Konflikt zwischen der Türkei und Armenien durch seine Bemühungen verdient gemacht hat, zu einem Friedens­abkommen zwischen den beiden Ländern beizutragen, erhielt Dr. Branco Weiss Anerkennung für seine Grosszügigkeit, seinen Altruismus sowie sein Engagement sowohl für das Gemeinwohl als auch für die universitäre Forschung.

Michael Hengartner erhält den Lehrpreis der UZH

Den diesjährigen Credit Suisse Award for Best Teaching erhielt Prof. Dr. Michael O. Hengartner für die Realisierung eines Lerndialogs mit den Studierenden. Durch die kluge und erfrischende Gestaltung seiner Lehrveranstaltungen, so die Laudatio, gelinge es Prof. Michael Hengartner vorzüglich, die Studierenden in einen fachlichen Austausch zu involvieren und sie für das Fach zu begeistern.

Das Forschungsstipendium der Walter und Gertrud Siegenthaler Stiftung erhielt Dr. med. Andreas Flammer, und je ein Wissenschaftspreis der Stiftung ging an PD Dr. med. Janine Reichenbach und an Dr. med. Annelies Zinkernagel, PhD. Mit dem UBS-Habilitationspreis der Philosophischen Fakultät wurde dieses Jahr  PD Dr. Martin Meyer ausgezeichnet.

Jahrespreisträgerinnen und Jahrespreisträger der Universität Zürich 2010:

Theologische Fakultät

Hartmut von Sass: In seiner Dissertation «Sprachspiele des Glaubens»entwickelt Hartmut von Sasseinen originellen Zugang zum Verstehen des christlichen Glaubens diesseits von Theismus und Atheismus. In kritischem Gespräch mit Ludwig Wittgenstein, Rush Rhees und D.Z. Phillips werden die Stärken und Schwächen kontemplativer Religionsphilosophie ausgelotet und die vielschichtige Grammatik des Glaubens am Beispiel des Verständnisses von Schöpfung, Gebet und Opfer umsichtig und lebensnah analysiert.

Rechtswissenschaftliche Fakultät

Magdalena Forowicz: Die Dissertation «The Reception of International Law in the Case Law of the European Court of Human Rights. Harmonisation or Fragmentation of the European Legal Order?» enthält breite und tiefgründige Untersuchungen in der Rezeptionsforschung. Die Analyse der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ist von höchstem wissenschaftlichem Wert, die Kritik treffend und differenziert.

Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät

Peter Fiechter: Die Dissertation «Fair Value Option» befasst sich mit der hochaktuellen und komplexen Thematik der Bewertung von finanziellen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten von Unternehmen. Sie besticht durch ein neuartiges, innovatives Forschungsdesign, welches alternative Schlussfolgerungen zulässt und daher einen wesentlichen Beitrag zur internationalen Forschung im Accounting leistet.

Medizinische Fakultät

cand. med. Claudio Thurneysen: Mit der Arbeit zu der Dissertation «Functional inactivation of NF2/merlin in human meso­thelioma» hat Herr Thurneysen eine entscheidende Rolle bei der Identifizierung des CPI-17-Onkogens, welches an der Entstehung von Mesotheliomen in NF-2-Wildtyp-Tumoren beteiligt ist, inne gehabt.

Vetsuisse-Fakultät

Dr. med. vet. Kristina Museux: Frau Kristina Museux konnte in ihrer Doktorarbeit modellhaft nachweisen, dass aggressive Interaktionen zwischen Katzen als wahrscheinlich wichtigster Weg anzusehen sind für die Übertragung des Bakteriums «Candidatus Mycoplasma turicensis», welches bei Katzen ansteckende Blutarmut verursacht.

Philosophische Fakultät

Dr. Roberto La Marca: Bei der Dissertation von Herrn La Marca mit dem Titel «Vagal functionality as indicator for biopsychological stress responsiveness and beneficial effects of auricular electrical stimulation on vagal activity» handelt es sich um eine ausgezeichnete empirische Arbeit aus dem Bereich der psychophysiologischen Grundlagenforschung, die höchstes Lob verdient.

Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät

Séverine Urdy: Die Dissertation «Generic Aspects of Molluscan Shell Morphogenesis: Theoretical, Experimental and Comparative Approaches» ist ein neuer und wichtiger Meilenstein im Verständnis der morphogenetischen Regeln, mit denen Wachstumsraten und Allometrien verknüpft sind. Diese Regeln bilden den Kern der Beziehungen zwischen Entwicklung und Evolution. Séverine Urdy macht damit den Weg frei für datenbasierte, mathematische Wachstumsmodelle, die einen Vergleich theoretischer und empirischer Daten ermöglichen.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000