Qualität in der Lehre

Öfter auf die Studierenden hören

Die UZH will den Diskurs über die Qualität der Lehre intensivieren. Dazu gehört auch, die Meinungen der Studierenden in Erfahrung zu bringen. Die Universitätsleitung plant daher, ab Herbstsemester Befragungen zu Lehrveranstaltungen durchzuführen.

David Werner

Feedback-Kultur als Ziel: Katrin Gehring führt die Studierendenbefragung durch. (Bild: David Werner)

Die Universität Zürich will nicht nur in der Forschung, sondern genauso auch in der Lehre Exzellenz bieten. Doch wie kann man die Umsetzung dieses Anspruchs nachprüfen? Wer misst die Qualität von Lehrveranstaltungen? Und anhand welcher Massstäbe? Es gibt keine in Stein gemeisselten Kriterien für gute Lehre, und erst recht keine unanfechtbaren Rezepte oder Regeln, deren Einhaltung bereits einen guten Unterricht garantieren würde.

Lehrqualität ist das Ergebnis ständigen Lernens und Experimentierens. Und dabei wäre schlecht beraten, wer die Meinung der Studierenden nicht einholen und bedenken würde. Ihnen gilt ja schliesslich der didaktische Effort.

Vom kommenden Herbstsemester an sollen nun die Studierenden der Universität Zürich regelmässig und systematisch danach befragt werden, wie sie von ihnen besuchte Vorlesungen, Übungen und Seminarien erlebten. Aus technischen Gründen soll dies zunächst nur in einigen ausgewählten Lehrveranstaltungen einzelner Institute geschehen, später dann flächendeckend.

Lernen aus Stärken und Schwächen

Hauptzweck dieser Befragungen ist es, eine Kultur der selbstverständlichen kritischen Reflexion dessen, was Qualität in der Lehre ausmacht, zu etablieren. Es soll, wo es nicht sowieso schon der Fall ist, ein Klima entstehen, in dem das regelmässige Gespräch zwischen Dozierenden und Studierenden über Stärken und Schwächen von Veranstaltungen schlicht zum Lehrbetrieb dazugehört.

«Ich verstehe diese Befragungen als eine Ermöglichung von mehr Diskursivität in Fragen der Lehre, und zugleich als sanften Zwang dazu», fasst Prorektor Otfried Jarren seine Intention zusammen.

Für die Erarbeitung und Durchführung des Projektes ist die Psychologin Katrin Gehring zuständig; für sie wurde im Prorektorat Geistes- und Sozialwissenschaften eine Halbzeitstelle eingerichtet. Der Fragenkatalog steht bereits fest. Die Studierenden sollen beispielsweise angeben, ob der Stoff auf nachvollziehbare Weise präsentiert wurde, ob die Veranstaltung übersichtlich strukturiert und lebendig gestaltet war, und ob die Lehrperson gut vorbereitet und engagiert wirkte.

Die Befragung ist standardisiert, sodass sie für Veranstaltungen aller Fächer wiederholt anwendbar ist und auf diese Weise Entwicklungstendenzen innerhalb bestimmter Gefässe und Programme beobachtet werden können.

Gestartet wird in einigen ausgesuchten Fächern im Herbst, später soll die Befragung auf alle Studienprogramme ausgedehnt werden. Der Effizienz wegen wird sie online durchgeführt. Die Studierenden bleiben dabei anonym.

In einen Dialog treten

Viele Dozierende an der UZH evaluieren ihre Veranstaltungen längst selbst; sie haben ihre eigenen Verfahren entwickelt, Feedbacks von Studierenden einzuholen. Die standardisierten Online-Befragungen sollen die Eigeninitiative der Dozierenden in Sachen Lehrevaluation keineswegs überflüssig machen.

Mündliche Feedback-Runden beispielsweise werden durch sie nicht ersetzt – sie bieten vielmehr einen Anknüpfungspunkt dazu. Die Idee ist, dass Lehrpersonen innerhalb der Veranstaltungen mit den Studierenden über die Befragungsergebnisse in einen Dialog treten.

Überhaupt setzt das Projekt ganz auf das Subsidiaritätsprinzip, wie Thomas Hildbrand, Leiter des Bereichs Lehre, betont. «Das Prorektorat ist nur für die Durchführung der Befragung zuständig. Konsequenzen aus den Ergebnissen zu ziehen, ist Sache der Dozierenden und Programmverantwortlichen selbst.»

Reflexionsinstrument für Lehrende

Für wen werden die Daten verfügbar sein? Personenbezogene Daten werden nur den unmittelbar Betroffenen, also den Dozierenden selbst, den Programmverantwortlichen und den für die Lehre zuständigen  Personen auf Fakultätsebene zugänglich gemacht.

«Die Studierendenbefragung», stellt Prorektor Jarren klar, «wird nicht als Personalführungsinstrument eingesetzt. Genauso wenig sind die Daten zur Veröffentlichung bestimmt. Sie dienen nicht der Einstufung von Dozierenden. Sie sind vielmehr als ein Hilfsmittel für die Dozierenden zu verstehen, sich ein besseres Bild von der eigenen Lehre zu machen.»

Rankings wären fehl am Platz

Für Jarren wäre es unangemessen, die Ergebnisse von Studierenden-befragungen als Leistungszeugnisse zu interpretieren und als solche gar in die Öffentlichkeit zu tragen. «Wie jedes Befragungsinstrument fördern Lehrveranstaltungsbeurteilungen nur begrenzte Aspekte der Wirklichkeit zutage. Man muss sich hüten, die Resultate zu verabsolutieren.»

Rankings im Bereich Lehre hält Jarren für völlig fehl am Platz, weil eine solide Vergleichsbasis schlicht nicht vorhanden sei. «Die Lehre», sagt er, «ist eine interaktive Angelegenheit, hier stossen Individualitäten aufeinander. Für persönliche Unterrichtsstile und individuelle Vorlieben von Studierenden gibt es keine Masseinheit. Und es ist längst nicht ausgemacht, dass besonders beliebte Dozierende auch in jeder Hinsicht die beste Lehre bieten.»

Es lohnt sich also, genau zu unterscheiden, ob Studierendenbefragungen als ein kompetitives Vergleichs- oder als ein Feedback-Instrument eingesetzt werden. Prorektor Jarren setzt sich dezidiert für Letzteres ein.

Er ist überzeugt: «Sobald sich Studierendenbefragungen als Selbstverständlichkeit eingebürgert haben, wird man sie, ohne sie zu überschätzen, als Reflexionsmedium schätzen lernen.» Lehrende, die dazulernen wollen, sollten die Meinung der Studierenden also nicht überbewerten. Aber ernsthaft zur Kenntnis nehmen.

David Werner ist Redaktor des unijournals.

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